Auswärtige Literatur und Dolksyoesie.
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Majestätsrechten gleich zu stellen gewußt. Als nun in spätererZeit die Türken nach und nach das ganze Reich und zuletzt dieHauptstadt überwältigten, fand der neue Herrscher ein großesVolk vor sich, das er weder vernichten konnte noch wollte, dassich auch nicht sogleich bekehren ließ. Unterthan sollten siebleiben, Knechte sollten sie werden; aber durch welche Machtwaren sie zusammenzuhalten und als Einheit zu fesseln?
Da fand man denn gerathen, die alte geistliche Majestätin ihren Formen bestehen zu lasten, um, indem man auch sieunterjochte, der Menge desto gewisser zu seyn. Ließ man aberdem geistlichen Oberhaupt auch nur einen Theil seiner eh-maligen Vorzüge, so waren es noch immer überschwänglicheVortheile, gränzenlose Privilegien, die ihm übrig blieben.Durch eine bestehende Synode wurden Patriarchen und Erz-bischöfe gewählt, die letztem auf Lebenszeit. Kein Gouverneurund Pascha durfte sich in geistliche Händel mischen, noch sievor seine Gerichtsstelle rufen; Patriarch und Synode bildeteneine Art Jury, und was sonst noch zu erwähnen wäre; wovonwir nur bemerken, daß die Güter der unbeerbt sterbendenGeistlichen nicht vorn Staat eingezogen wurden, wie das Ver-mögen der übrigen kinderlos Abscheidenden.
Zwar verfuhren die Ueberwinder folgerecht genug, umallmählig auch die Geister wehrlos zu machen. Die einzelnstehenden Kirchen wurden in Moscheen verwandelt, alle Schulengeschloffen, jeder öffentliche Unterricht verboten; allein dieKlöster hatte man bestehen lassen, da denn die Mönche, nachächt Orientaler Weise, sich ihrer Kirchen und Capellen be-dienten, um Kinder zu versammeln, sie bei gottesdienstlichenCeremonien mit afsistiren zu lassen, ihnen bei dieser Gelegen-heit durch Katechisation das Nöthige beizubringen, und dadurchReligion und Cultus im Stillen aufrecht zu erhalten.
Hier aber tritt nun eine Hauptbetrachtung hervor, daßschon in der alten Byzantinischen Verfassung der Patriarch nichtallein von religiösen Männern, von Priestern und Mönchenumgeben gewesen, sondern daß er auch einen Kreis, einenHofstaat von Weltgeistlichen um sich versammelt gesehen, welchemit ihren Familien — denn verheirathet war ja der Priester,um so mehr der ihm verwandte Laie — von undenklichenZeiten her einen wahren Adel bildeten und in strenger Hof-ordnung eine Stufenreihe von Amts- und Würdestellen ein-nahmen , deren Griechischer Weise zusammengesetzte, vielsylbigeTitel unsern Ohren gar wunderlich klingen müssen.
Dieser Kaste, wie man sie wohl nennen darf, lagen diewichtigsten Geschäfte und also der größte Einfluß in Händen.Die Besitzthümer aller Klöster, die Aussicht darüber so wieüber deren Haushalt war ihnen übergeben; ferner bildeten sieum den Patriarchen in allen bürgerlichen und weltlichen Dingenein Gericht, wo Beschlüsse gefaßt und von wo sie ausgeführtwurden. Dagegen fehlte es ihnen auch nicht an Pfründen undEinkünften, die ihnen auf Klöster und sonstige geistliche Be-sitzungen, sogar auf Inseln des Archipels, angewiesen waren.
Dieses große und bedeutende Geschlecht mochte nun vielvon seinem Rang und eigenem Besitz bei dem Untergänge desGriechischen Reiches verloren haben; aber was von Personenund Kräften übrig blieb, versammelte sich augenblicklich um denPatriarchen, als um seinen angeborenen Mittelpunkt. Und daman diesen gar bald an's Ende der Stadt, in eine geringe,unansehnliche Kirche verwies, wo er sich aber doch gleich eine
Wohnung anbaute, versammelten sie sich um ihn und nahmendas Quartier ein, welches vom nahegelegenen Thore den Zu-namen vom Fanal erhielt, wo sie sich anfangs, gegen ihrefrühern Zustände, gedrückt und kümmerlich genug mögende-,hoffen haben.
Aber unthätig nicht. Denn die wichtigen Privilegieiz,welche dem Patriarchen vergönnt waren, schloffen ja auch siemit ein und forderten, wenn auch in großer Beschränkung, nochernstlicher als vormals ihre Thätigkeit, welche, durch länger alszwei Jahrhunderte fortgesetzt, ihnen endlich einen höchst bedeu-tenden Einfluß verschaffte, den Einfluß, den der Geistreiche,Denkende, Unterrichtete, Umsichtige, Rührige über denjenigenerlangen muß, der von allen diesen Eigenschaften keine besitztund von dergleichen Wirksamkeiten keine sich zu eigen gemachthat. Ihnen mußte seit dem ersten Augenblicke des großenUnglücks und dem ersten Gnadenblick einer dem tyrannischenUeberwinder abgenöthigten Gunst alles dringend obliegen, waszur Erhaltung der ganzen nationellen Corporation nur irgendbeitragen konnte. Sie, als die Finanzmänner des hohenPatriarchenstuhles, lassen sich abgesondert von ihm nicht denken,und sie, die in der Ganzheit eines großen Wohlbehagens zueinander gehörten, werden sich gewiß in dem Moment derZerstückelung desto eifriger aufgesucht und zu ergänzen ge-trachtet haben.
Wenn nun die hohe Geistlichkeit, als Abkömmlinge derletzten Literatoren und Sophisten des Heidenthums, alle Ur-sache und Gelegenheit hatten, die alte Sprache und einigesWissenschaftliche bei sich zu erhalten und auszubilden, so werdendiese Laien gewiß nicht zurückgeblieben seyn, auch neben welt-lichem Treiben und Sorgen auf das, was von Unterricht irgendnoch möglich war, mitzuwirken gesucht, und sich selbst, um einersolchen Oberaufsicht werth zu seyn, in solchen Kenntnissen aus-gebildet haben, welche sie von andern zu fordern hatten, wobeiihnen ihre Verknüpfung mit dem Leben noch von einer andernSeite zu Statten kam.
Die hohe Geistlichkeit hielt fest an der Würde der Alt-griechischen, durch Schrift überlieferten Sprache, und um sofester, als sie ihre Würde gegen die betriebsame Menge ver-wahren mußte, die seit geraumer Zeit, besonders aber seit demi abendländischen Einfluß, unter den Kreuzfahrern, Venezianern.und Genüssen, sich den stammelnden Kinderdialekt der abend-ländischen Sprachen, und statt herrlicher geistreicher Formungund Beugung, nur Partikeln und Auxiliarien gleichsam stotterndhatte gefallen lassen. Sehen wir doch den Purismus, der einedurch Mengsal entstellte Sprache wieder herzustellen bemüht ist,i so streng und zudringlich verfahren, wie sollten diejenigen, welcheein reines Altherkömmliches zu bewachen haben, nicht auch das! gleiche zu üben berechtigt seyn?
! Die mit äußerlichen Dingen, mit Benutzung von Gütern^ beschäftigten Weltgeisllichen waren dagegen genöthigt, sich mit! dem Volke abzugeben: sie mußten seine Sprache sprechen, wenn! sie bessern Unterricht verbreiten wollten, das Organ keineswegsverschmähen, wodurch ein solcher Zweck zuletzt allein zu er-! reichen war. Denke man ferner die Ausdehnung eines nach! und nach sich verbreitenden Schulunterrichts, den sie von demHauptsitze aus zu beleben hatten, eine Wirksamkeit, die überden Archipel, bis zum Berg Athos, nach Larissa und Thessalienhin reichte, so wird man folgern, daß sie, überall mit allen