Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoefte.

Du sendest Schätze, mich zu schmücken!

Den Spiegel hab' ich längst nicht angeblickt:Seit ich entfernt von deinen Blicken,

Weiß ich nicht mehr, was ziert und schmückt!

Fräulein Fung-Sean-Ling.

Den Kaiser auf einen Kriegszug begleitend, ward sie nachdessen Niederlage gefangen und zu den Frauen des neuenHerrschers gesellt. Man verwahrt ihr Andenken in folgendemGedicht:

Bei geselligem Abendroth,

Das uns Lied und Freude bot,

Wie betrübte mich Seline!

Als sie, sich begleitend, sang,

Und ihr eine Saite sprang,

Fuhr sie fort mit edler Miene:

Haltet mich nicht froh und frei!

Ob mein Herz gesprungen sey

Schaut nur auf die Mandoline!"

Kae-Vven.

Eine Dienerin im Palaste. Als die Kaiserlichen Truppenim strengen Winter an der Gränze standen, um die Rebellenzu bekriegen, sandte der Kaiser einen großen Transport warmerMonturen dem Heere zu, davon ein großer Theil in dem Haremselbst gemacht war. Ein Soldat fand in seiner Rocktasche folgen-des Gedicht:

Aufruhr an der Gränze zu bestrafen,

Fechtest wacker, aber Nachts zu schlafenHindert dich die strenge Kälte beißig.

Dieses Kriegerkleid ich näht' es fleißig,

Wenn ich schon nicht weiß, wer's tragen sollte;Doppelt hab' ich es wattirt, und sorglich wollteMeine Nadel auch die Stiche mehren,

Zur Erhaltung eines Manns der Ehren.

Werden hier uns nicht zusammenfinden;

Mög' ein Zustand droben uns verbinden!

Der Soldat hielt für Schuldigkeit, das Blatt seinem Ofsiciervorzuzeigen; es machte großes Aufsehen, und gelangte vor denKaiser. Dieser verfügte sogleich eine strenge Untersuchung in demHarem: wer es auch geschrieben habe, solle es nicht verleugnen.Da trat denn eine hervor, und sagte: Ich bin's, und habe zehn-tausend Tode verdient. Der Kaiser Iuen-äsung erbarmte sich ihrerund verheirathete sie mit dem Soldaten, der das Gedicht gefundenhatte; wobei Seine Majestät humoristisch bemerkte:Habenuns denn doch hier zusammengefunden!" Worauf sie versetzte:

Der Kaiser schafft, bei ihm ist alles fertig,

Zum Wohl der Seinen, Künftiges gegenwärtig.

Hierdurch nun ist der Name Kae-Aven unter den ChinesischenDichterinnen aufbewahrt worden.

I IndiviSualporjie.

Ganz nahe an das, was wir Volkspoesie nennen, schließtsich die Jndividualpoesie unmittelbar an. Wenn die einzelnenwerthen Personen, denen eine solche Gabe verliehen ist, sichselbst und ihre Stellung recht kennen lernen, so werden sie sichihres Platzes im Reiche der Dichtkunst erfreuen; anstatt daß siejetzt meist nicht wissen, woran sie sind, indem sie sich in derMasse der vielen Dichter verlieren und, indem sie Anspruchmachen, Poeten zu seyn, niemals zu einer allgemeinen An-erkennung gelangen können, wie sie solche wünschen. Unimich hierüber deutlich zu machen, will ich mich an Beispielehalten.

Ein Geistlicher, auf einer nördlichen Landzunge der InselUsedom, auf einer Düne geboren, diese Düne mit ihrem ge-ringen vegetabilischen Behagen und sonstigen Zuständen liebend,sein geistliches Amt auch mit Wohlwollen verübend, hat einegar liebenswürdige Art, seine Zustände poetisch darzustellen.

Voß hat in seiner Luise diesen häuslichen Ton angegeben;in Hermann und Dorothea habe ich ihn aufgenommen,und er hat sich in Deutschland weit verbreitet. Und es ist wohlkeine Frage, daß diese dem Sinne des Volks sich näherndeDichtart den individuellen Zuständen am besten zusagt.

Ein solcher Mann muß sich ansehen wie ein Musikfreund,der, bei angeborenen Talenten und Neigungen, den Berufgerade nicht findet, Capellmeister zu werden, aber für sich undseine Hauscapelle genügsames Geschick hat, um eine solchewünschenswerthe Cultur in seinem Kreise zu verbreiten.

Da man nicht aufhören kann, Chrestomathien drucken zulassen und das Bekannte wieder bekannt zu machen, wogegendoch auch nichts zu sagen ist, weil man das Bekannte weiterbekannt macht oder in der Erinnerung der Menschen auffrischt,so wäre es, aber freilich für einen Mann von höherm Sinnund Geschmack, eine schöne Aufgabe, wenn er gerade von solchenindividuellen Gedichten, welche gar nicht in den Kreis desgrößern Pnblicums gelangen oder vom Tage verschlungenwerden, eine Sammlung veranstaltete, und so das Beste, wasaus dem individuellen Zustande, aus einem eigens bestimmtenund gestimmten Geiste hervorgegangen, billigerweise aufbe-wahrte; wobei denn zum Beispiel eben dieser Geistliche, so wiemancher andere, zu verdienten Ehren gelangen und mit demalles verzehrenden Weltlauf einen mäßigen- Kampf beginnenkönnte.

Die Bemerkung muß ich hinzufügen, daß solche Individua-litäten, denen man ein dichterisches Talent nicht absprechenkann, sich gewöhnlich in's Weitläufige verlieren. Das wird abereinem jeden Talent begegnen, das sich nicht durch entwickeltenGeschmack, entweder durch sich selbst oder durch Anleitung, nachund nach zu der Höhe erhebt, um zu dem ästhetischen Lakonismuszu gelangen, wo nur das Nothwendigste, aber auch das Uner-läßliche gehörig faßlich dargebracht wird. Ein jeder kann ausseiner Jugend dergleichen Beispiele vorführen, wo er nicht fertigwerden konnte, und die deutsche Nation hat schöne Talente aus-zuweisen, welche, selbst ausgebildet, diesen Vorwurf nicht ab-lehnen können.