Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.

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soll. Gewöhnlich stellt man sich vor, es sey ein Gedicht, auseiner, wo nicht rohen, doch ungebildeten Masse hervorgetreten;denn da das poetische Talent durch die ganze menschliche Naturdurchgeht, so kann es sich überall manifestiren, und also auchauf der untersten Stufe der Bildung. Hiervon ist so öfters ge-handelt worden, daß davon weiter zu reden unnöthig seyn dürfte.

Nun möchte ich aber durch eine geringe Veränderung desAusdrucks einen bedeutenden Unterschied bezeichnen, indem ichsage Lieder des Volks, d. h. Lieder die ein jedes Volk, essey dieses oder jenes, eigenthümlich bezeichnen, und wo nichtden ganzen Charakter, doch gewisse Haupt- und Grundzügedesselben glücklich darstellen.

Verziehen sey es mir, daß ich, nach deutscher und nordischerWeise, etwas aushole und mich folgendermaaßen erkläre.

Die Idee, wenn sie in die Erscheinung tritt, es sey, aufwelche Art es auch wolle, erregt immer Apprehension, eine ArtScheu, Verlegenheit, Widerwillen, wogegen der Mensch sich ausirgend eine Weise in Positur setzt. Nun ist aber keine Nationvorzuführen, welche die Idee unmittelbar im allgemeinen undgemeinsten Leben zu verkörpern geneigter wäre als die Spanische,die uns über das Gesagte die schönsten Aufschlüsse liefert.

Die Idee, wie sie unmittelbar in die Erscheinung, in'sLeben, in die Wirklichkeit eintritt, muß, in sofern sie nichttragisch und ernst wirkt, nothwendig für Phantasterei gehaltenwerden, und dazu, dahin verirrt, verliert sie sich auch, wie sieihre hohe Reinheit nicht zu erhalten weiß: selbst das Gefäß, inwelchem sie sich manifestirt, geht, eben wenn es diesehohe Reinheitbehaupten will, darüber zu Grunde. Hier weisen wir hundertMittelgedanken ab, und wenden uns wieder zu unsrer Rubrik.

Indem die Idee als phantastisch erscheint, hat sie keinenWerth mehr; daher denn auch das Phantastische, das an derWirklichkeit zu Grunde geht, kein Mitleiden erregt, sondernlächerlich wird, weil es komische Verhältnisse veranlaßt, diedem heitern Böswilligen gar glücklich zusagen. Ich müßte mich ^besinnen, um irgend etwas zu finden, das uns Deutschen in §dieser Art gelungen wäre; das Mißlungene wird sich jeder Ein- !sichtige selbst vorzählen; das Höchstgelungene dieser Art ist D onQuixote von Cervantes. Das, was im höhern Sinne daranzu mißbilligen seyn möchte, verantworte der Spanier selbst.

Aber eben die uns vorgelegten Romanzen des SpanischenVolkes, die freilich schon ein hohes Dichtertalent voraussetzen,leben und schweben durchaus zwischen zwei Elementen, die sichzu vereinigen trachten und sich ewig abstoßen, das Erhabeneund das Gemeine, so daß derjenige, der auch darin wes't undwirkt, sich immer gequetscht findet; die Quetschung aber isthier nie tragisch, nie tödtlich, sondern man muß am Endelächeln, und man wünschte sich nur einen solchen Humor, umdergleichen zu singen oder singen zu hören.

Kurz nachdem dieses niedergeschrieben, erhielt ich nun dasHeft selbst, in welchem noch mehr dergleichen, wie ich sie nennenwill, eigentlich humoristische Balladen sich finden, sodaß ihrer zusammen etwa neun, von welchen das Obgesagtegelten könnte, sämmtlich als unschätzbar in ihrer Art anzu-sprechen sind.

Allein die Sammlung beschränkt sich nicht hieraus; beliebterKürze willen möchten wir sagen: sie umfaßt tragische, komische

und mittlere; alle zusammen zeugen von Großheit, von tiefemErnst und einer hohen Ansicht des Lebens. Die tragischengränzen durchaus an's Grausenhafte, sie rühren ohne Senti-mentalität, und die komischen machen sich Spaß, ohne Frech-heit, und führen das Lächerliche bis in's Absurde, ohne deßhalbden erhabenen Ursprung zu verleugnen. Hier erscheint die hoheLebensansicht als Ironie; sie hat zugleich etwas Schelmischesneben dem Großen, und das Gemeinste wird nicht trivial. Diemittlern sind ernst, und bewegen sich in leidenschaftlichen, ge-fährlichen Regionen; aber entweder durch irgend eine Vermitt-lung, und wo das nicht gelingt, durch Resignation, Kloster undGrab werden sie abgeschlossen. Alle zeugen von einer Nation,die eine reiche Wirklichkeit und darin ein geistreiches Leben besaßund besitzt.

Chinesisches.

1827 .

Nachstehende, aus einem chrestomathisch-biographischenWerke, das den Titel führt: Gedichte hundert schönerFrauen, ausgezogene Notizen und Gedichtchen, geben unsdie Ueberzeugung, daß es sich, trotz aller Beschränkungen, indiesem sonderbar merkwürdigen Reiche noch immer leben, liebenund dichten lasse.

Fräulein See-Uaou-Hing.

Sie war schön, besaß poetisches Talent, man bewundertesie als die leichteste Tänzerin. Ein Verehrer drückte sich hierüberpoetisch folgendermaaßen aus:

Du tanzest leicht bei PfirsichflorAm luftigen Frühlingsort:

Der Wind, stellt man den Schirm nicht vor,

Bläs't euch zusammen fort.

Auf Wasserlilien hüpftest duWohl hin den bunten Teich;

Dein winziger Fuß, dein zarter SchuhSind selbst der Lilie gleich.

Die andern binden Fuß für Fuß,

Und wenn sie ruhig stehn,

Gelingt wohl noch ein holder Gruß,

Doch können sie nicht gehn.

Von ihren kleinen goldbeschuhten Füßchen schreibt sich's her,daß niedliche Füße von den Dichtern durchaus goldene Liliengenannt werden; auch soll dieser ihr Vorzug die übrigen Frauendes Harems veranlaßt haben, ihre Füße in enge Bande ein-zuschließen, um ihr ähnlich, wo nicht gleich zu werden. DieserGebrauch, sagen sie, sey nachher auf die ganze Nation über-gegangen.

Fräulein Mei-Fe.

Geliebte des Kaisers Min, reich an Schönheit und geistigenVerdiensten, und deßhalb von Jugend auf merkwürdig. Nach-dem eine neue Favoritin sie verdrängt hatte, war ihr ein be-solideres Quartier des Harems eingeräumt. Als tributäre Für-sten dem Kaiser große Geschenke brachten, gedachte er an Mei-Feund schickte ihr alles zu. Sie sendete dem Kaiser die Gabenzurück, mit folgendem Gedicht: