Bildung und Umbildung organischer Naturen.
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7 .
Die unregelmäßige Metamorphose können wir auchdie rückschreitend e nennen. Denn wie in jenem Fall dieNatur vorwärts zu dem großen Zwecke hineilt, tritt sie hierum eine oder einige Stufen rückwärts; wie sie dort mit un-widerstehlichem Trieb und kräftiger Anstrengung die Blumenbildet und zu den Werken der Liebe rüstet, so erschlafft sie hiergleichsam und läßt unentschlossen ihr Geschöpf in einem unent-schiedenen, weichen, unsern Augen oft gefälligen, aber inner-lich unkräftigen und unwirksamen Zustande. Durch die Erfah-rungen, welche wir an dieser Metamorphose zu machenGelegenheit haben, werden wir dasjenige enthüllen können,was uns die regelmäßige verheimlicht, deutlich sehen, waswir dort nur schließen dürfen; und auf diese Weise steht es zuhoffen, daß wir unsere Absicht am sichersten erreichen.
8 .
Dagegen werden wir von der dritten Metamorphose,welche zufällig, von außen, besonders durch Jnsecten, be-wirkt wird, unsere Aufmerksamkeit wegwenden, weil sie unsvon dem einfachen Wege, welchem wir zu folgen haben, ab-leiten und unsern Zweck verrücken könnte. Vielleicht findet sichan einem andern Orte Gelegenheit, von diesen monströsen unddoch in gewisse Gränzen eingeschränkten Auswüchsen zu sprechen.
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Ich habe es gewagt, gegenwärtigen Versuch ohne Be-ziehung auf erläuternde Kupfer auszuarbeiten, die jedoch inmanchem Betracht nöthig scheinen möchten. Ich behalte mirvor, sie in der Folge nachzubringen, welches um so bequemergeschehen kann, da noch Stoff genug übrig ist, gegenwärtigekleine, nur vorläufige Abhandlung zu erläutern und weiterauszuführen. Es wird alsdann nicht nöthig seyn, einen so ge-messenen Schritt, wie gegenwärtig, zu halten. Ich werdemanches Verwandte herbeiführen können, und mehrere Stellen,, aus gleichgesinnt«! Schriftstellern gesammelt, werden an ihremrechten Platze stehen. Besonders werde ich von allen Erinne-rungen gleichzeitiger Meister, deren sich diese edle Wissenschaftzu rühmen hat, Gebrauch zu machen nicht verfehlen. Diesenübergebe und widme ich hiermit gegenwärtige Blätter.
I.
Von den Samenblättern.
io.
Da wir die Stufenfolge des Pflanzenwachsthnms zu beob-achten uns vorgenommen haben, so richten wir unsere Auf-merksamkeit sogleich in dem Augenblick auf die Pflanze, da siesich aus dem Samenkorn entwickelt. In dieser Epoche könnenwir die Theile, welche unmittelbar zu ihr gehören, leicht undgenau erkennen. Sie läßt ihre Hüllen mehr oder weniger inder Erde zurück, welche wir auch gegenwärtig nicht untersuchen,und dringt in vielen Fällen, wenn die Wurzel sich in den Bo-den befestigt hat, die ersten Organe ihres obern Wachsthums,welche schon unter der Samendecke verborgen gegenwärtig ge-wesen, an das Licht hervor.
II .
Es sind diese ersten Organe unter dem Namen Kotyle-donen bekannt; man bat sie auch Samenklappen, Kernstücke,
Samenlappen, Samenblätter genannt, und so die verschiedenenGestalten, in denen wir sie gewahr werden, zu bezeichnen gesucht.
12 .
Sie erscheinen oft unförmlich, mit einer rohen Materiegleichsam ausgestopft, und eben so sehr in die Dicke als in dieBreite ausgedehnt; ihre Gefäße sind unkenntlich und von derMasse des Ganzen kaum zu unterscheiden; sie haben fast nichtsAehnliches von einem Blatte, und wir können verleitet werden,sie für besondere Organe anzusehen.
13 .
Doch nähern sie sich bei vielen Pflanzen der Blattgestalt;sie werden flächer, sie nehmen, dem Licht und der Lust ausge-setzt, die grüne Farbe in einem höhern Grade an; die in ihnenenthaltenen Gefäße werden kenntlicher, den Blattrippen ähn-licher.
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Endlich erscheinen sie uns als wirkliche Blätter; ihre Ge-säße sind der feinsten Ausbildung fähig, ihre Aehnlichkeit mitden folgenden Blättern erlaubt uns nicht, sie für besondereOrgane zu halten, wir erkennen sie vielmehr für die erstenBlätter des Stängels.
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Läßt sich nun aber ein Blatt nicht ohne Knoten und einKnoten nicht ohne Auge denken, so dürfen wir folgern, daßderjenige Punkt, wo die Kotyledonen angeheftet sind, der wahre,erste Knotenpunkt der Pflanze sey. Es wird dieses durchdiejenigen Pflanzen bekräftigt, welche unmittelbar unter denFlügeln der Kotyledonen junge Augen hervortreiben und ausdiesen ersten Knoten vollkommene Zweige entwickeln, wie zumBeispiel Vieis kabs zu thun Pflegt.
16 . »
Die Kotyledonen find meist gedoppelt, und wir finden hier-bei eine Bemerkung zu machen, welche uns in der Folge nochwichtiger scheinen wird. Es sind nämlich die Blätter diesesersten Knotens oft auch dann gepaart, wenn die folgendenBlätter des Stängels Wechselsweise stehen; es zeigt sich alsohier eine Annäherung und Verbindung der Theile, welche dieNatur in der Folge kennt und von einander entfernt. Nochmerkwürdiger ist es, wenn die Kotyledonen als viele Blättchenum Eine Achse versammelt erscheinen, und der aus ihrer Mittesich nach und nach entwickelnde Stängel die folgenden Blättereinzeln um sich herum hervorbringt, welcher Fall sehr genauan dem Wachsthum der Pinusarten sich bemerken läßt. Hierbildet ein Kranz von Nadeln gleichsam einen Kelch, und wirwerden in der Folge bei ähnlichen Erscheinungen uns des gegen-wärtigen Falles wieder zu erinnern haben.
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Ganz unförmliche einzelne Kernstücke solcher Pflanzen,welche nur mit Einem Blatte keimen, gehen wir gegenwärtigvorbei.
18 .
Dagegen bemerken wir, daß auch selbst die blattähnlichstenKotyledonen, gegen die folgenden Blätter des Stängels ge-halten , immer unausgebildeter sind. Vorzüglich ist ihre Peri-pherie höchst einfach, und an derselben sind so wenig Spurenvon Einschnitten zu sehen, als auf ihren Flächen sich Haareoder andere Gefäße ausgebildeter Blätter bemerken lasten.