Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildimq und Umbildung organischer Naturen.

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abgeleitet, reinere herbeigeführt werden, und die Pflanze sichstufenweise feiner ausarbeitet, erreicht sie den von der Naturvorgeschriebenen Punkt. Wir sehen endlich die Blätter in ihrergrößten Ausbreitung und Ausbildung, und werden bald dar-auf eine neue Erscheinung gewahr, welche uns unterrichtet, diebisher beobachtete Epoche sey vorbei, es nahe sich eine zweite,die Epoche der Blüthe.

III.

Uebergang zum Blüthenstande.

29 .

Den Uebergang zum Blüthenstande sehen wir schnelleroder langsamer geschehen. In dem letzten Falle bemerkenwir gewöhnlich, daß die Stängelblätter von ihrer Peripherieherein sich wieder anfangen zusammenzuziehen, besonders ihremannichfaltigen äußern Eintheilungen zu verlieren, sich da-gegen an ihren untern Theilen, wo sie mit dem Stängel zu-sammenhängen , mehr oder weniger auszudehnen; in gleicherZeit sehen wir, wo nicht die Räume des Stängcls von Knotenzu Knoten merklich verlängert, doch wenigstens denselben gegenseinen vorigen Zustand viel feiner und schmächtiger gebildet.

30 .

Man hat bemerkt, daß häufige Nahrung den Blüthenstandeiner Pflanze verhindere, mäßige, ja kärgliche Nahrung ihn be-schleunige. Es zeigt sich hierdurch die Wirkung der Stamm-blätter, von welcher oben die Rede gewesen, noch deutlicher.So lange noch rohere Säfte abzuführen sind, so lange müßensich die möglichen Organe der Pflanze zu Werkzeugen diesesBedürfnisses ausbilden. Dringt übermäßige Nahrung zu, somuß jene Operation immer wiederholt werden, und derBlüthenstand wird gleichsam unmöglich. Entzieht man derPflanze die Nahrung, so erleichtert und verkürzt man dagegenjene Wirkung der Natur; die Organe der Knoten werden ver-feinert , die Wirkung der unverfälschten Säfte reiner und kräf-tiger, die Umwandlung der Theile wird möglich und geschiehtunaufhaltsam.

IV.

Bildung des Kelches.

31 .

Oft sehen wir diese Umwandlung schnell vor sich gehen,und in diesem Falle rückt der Stängel, von dem Knoten desletzten ausgebildeten Blattes an, auf einmal verlängt und ver-feinert, in die Höhe, und versammelt an seinem Ende mehrereBlätter um eine Achse.

32 .

Daß die Blätter des Kelches eben dieselbigen Organe seyen,welche sich bisher als Stängelblätter ausgebildet sehen lassen,nun aber oft in sehr veränderter Gestalt um einen gemeinschaft-lichen Mittelpunkt versammelt stehen, läßt sich, wie uns dünkt,auf das deutlichste nachweisen.

33 .

Wir haben schon oben bei den Kotyledonen eine ähnlicheWirkung der Natur bemerkt, und mehrere Blätter, ja offenbarmehrere Knoten, um Einen Punkt versammelt und nebeneinander gerückt gesehen. Es zeigen die Fichtenarten, indem sie

sich aus dem Samenkorn entwickeln, einen Strahlenkranz vonunverkennbaren Nadeln, welche, gegen die Gewohnheit andererKotyledonen, schon sehr ausgebildet sind; und wir sehen in derersten Kindheit dieser Pflanze schon diejenige Kraft der Naturgleichsam angedeutet, wodurch in ihrem höhern Alter derBlüthen- und Fruchtstand gewirkt werden soll.

34 .

Ferner sehen wir bei mehrern Blumen unveränderteStängelblätter gleich unter der Krone zu einer Art von Kelchzusammengerückt. Da sie ihre Gestalt noch vollkommen an sichtragen, so dürfen wir uns hier nur auf den Augenschein undauf die botanische Terminologie berufen, welche sie mit demNamen Blüthenblätter, koüs üoris, bezeichnet hat.

35 .

Mit mehrerer Aufmerksamkeit haben wir den oben schonangeführten Fall zu beobachten, wo der Uebergang zum Blü-thenstande langsam vorgeht, die Stängelblätter nach und nachsich zusammenziehen, sich verändern, und sich sachte in denKelch gleichsam einschleichen; wie man solches bei Kelchen derStrahlenblumen, besonders der Sonnenblumen, der Calen-deln, gar leicht beobachten kann.

36 .

Diese Kraft der Natur, welche mehrere Blätter um EineAchse versammelt, sehen wir eine noch innigere Verbindungbewirken und sogar diese zusammengebrachten modificirtenBlätter noch unkenntlicher machen, indem sie solche unter ein-ander manchmal ganz, oft aber nur zum Theil verbindet, undan ihren Seiten zusammengewachsen hervorbringt. Die so nahean einander gerückten und gedrängten Blätter berühren sich aufdas genaueste in ihrem zarten Zustande, anastomosiren sichdurch die Einwirkung der höchst reinen, in der Pflanze nun-mehr gegenwärtigen Säfte, und stellen uns die glockenförmigenoder sogenannten einblätterigen Kelche dar, welche, mehroder weniger von oben herein eingeschnitten oder getheilt, unsihren zusammengesetzten Ursprung deutlich zeigen. Wir könnenuns durch den Augenschein hiervon belehren, wenn wir eineAnzahl tief eingeschnittener Kelche gegen mehrblätterige halten,besonders wenn wir die Kelche mancher Strahlenblumen genaubetrachten. So werden wir z. B. sehen, daß ein Kelch der Ca-lendel, welcher in der systematischen Beschreibung als einfachund vielgetheilt aufgeführt wird, aus mehrern zusammenund über einander gewachsenen Blättern bestehe, zu welchensich, wie schon oben gesagt, zusammengezogene Stammblättergleichsam hinzuschleichen.

37 .

Bei vielen Pflanzen ist die Zahl und die Gestalt, in welcherdie Kelchblätter, entweder einzeln oder zusammengewachsen,um die Achse des Stiels gereiht werden, beständig, so wie dieübrigen folgenden Theile. Auf dieser Beständigkeit beruhtgrößtenthcils das Wachsthum, die Sicherheit, die Ehre derbotanischen Wissenschaft, welche wir in diesen letzter» Zeitenimmer mehr haben zunehmen sehen. Bei andern Pflanzen istdie Anzahl und Bildung dieser Theile nicht gleich beständig;aber auch dieser Unbestand hat die scharfe Beobachtungsgabeder Meister dieser Wissenschaft nicht hintergehen können, son-dern sie haben durch genaue Bestimmungen auch diese Ab-weichungen der Natur gleichsam in einen engern Kreis einzu-schließen gesucht.