Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

38 .

Auf diese Weise bildete also die Natur den Kelch, daß siemehrere Blätter und folglich mehrere Knoten, welche sie sonstnach einander und in einiger Entfernung v o n einanderhervorgebracht hätte, zusammen, meist in einer gewissenbestimmten Zahl und Ordnung um einen Mittelpunkt ver-bindet. Wäre durch zudringende überflüssige Nahrung derBlüthenstand verhindert worden, so würden sie alsdann auseinander gerückt, und in ihrer ersten Gestalt erschienen seyn.Die Natur bildet also im Kelch kein neues Organ, sondern sieverbindet und modificirt nur die uns schon bekannt gewordenenOrgane, und bereitet sich dadurch eine Stufe näher zum Ziel.

V.

Bildung der Krone.

39 .

Wir haben gesehen, daß der Kelch durch verfeinerte Säfte,welche nach und nach in der Pflanze sich erzeugen, hervor-gebracht werde, und so ist er nun wieder zum Organe einerkünftigen wettern Verfeinerung bestimmt. Es wird uns diesesschon glaublich, wenn wir seine Wirkung auch hloß mechanischerklären. Denn wie höchst zart und zur feinsten Filtration ge-schickt müssen Gefäße werden, welche, wie wir oben gesehenhaben, in dem höchsten Grade zusammengezogen und an ein-ander gedrängt sind.

40 .

Den Uebergang des Kelchs zur Krone können wir in mehrals Einem Fall bemerken; denn obgleich die Farbe desKelchs noch gewöhnlich grün und der Farbe der Stängelblätterähnlich bleibt, so verändert sich dieselbe doch oft an einem oderdem andern seiner Theile, an den Spitzen, den Rändern, demRücken, oder gar an seiner inwendigen Seite, indessen dieäußere noch grün bleibt, und wir sehen mit dieser Färbungjederzeit eine Verfeinerung verbunden. Dadurch entstehenzweideutige Kelche, welche mit gleichem Rechte für Kronen ge-halten werden können.

41 .

Haben wir nun bemerkt, daß von den Samenblätternherauf eine große Ausdehnung und Ausbildung der Blätter,besonders ihrer Peripherie, und von da zu dem Kelche eineZusammenziehung des Umkreises vor sich gehe, so bemerkenwir, daß die Krone abermals durch eine Ausdehnung hervor-gebracht werde. Die Kronenblätter sind gewöhnlich größer alsdie Kelchblätter, und es läßt sich bemerken, daß wie die Organeim Kelch zusammengezogen werden, sie sich nunmehr als Kronen-blätter, durch den Einfluß reinerer, durch den Kelch abermalsfiltrirter Säfte, in einem hohen Grade verfemt wieder aus-dehnen , und uns neue, ganz verschiedene Organe vorbilden.Ihre feine Organisation, ihre Farbe, ihr Geruch würden unsihren Ursprung ganz unkenntlich machen, wenn wir die Naturnicht in mehrern außerordentlichen Fällen belauschen könnten.

42 .

So findet sich z. B. innerhalb des Kelches einer Nelkemanchmal ein zweiter Kelch, welcher zum Theil, vollkommengrün, die Anlage zu einem einblätterigen eiugeschuittenenKelche zeigt, zum Theil zerrissen und an seinen Spitzen und

Rändern zu zarten, ausgedehnten, gefärbten wirklichen An-fängen der Kronenblätter umgebildet wird, wodurch wir denndie Verwandtschaft der Krone und des Kelches abermals deut-lich erkennen.

43 .

Die Verwandtschaft der Krone mit den Stängelblätternzeigt sich uns auch auf mehr als Eine Art: denn es erscheinenan mehreren Pflanzen Stängelblätter schon mehr oder wenigergefärbt, lange ehe sie sich dem Blüthenstande nähern; anderefärben sich vollkommen in der Nähe des Blüthenstandcs.

44 .

Auch geht die Natur manchmal, indem sie das Organ desKelchs gleichsam überspringt, unmittelbar zur Krone, und wirhaben Gelegenheit, in diesem Falle gleichfalls zu beobachten,daß Stängelblätter zu Kronenblätteru übergehen. So zeigt sich! z. B. manchmal an den Tulpenstängeln ein beinahe völlig auS-! gebildetes und gefärbtes Kronenblatt. Ja noch merkwürdiger? ist der Fall, wenn ein solches Blatt, halb grün, mit seiner^ einen Hälfte zum Stängel gehörig, an demselben befestigt! bleibt, indeß sein anderer und gefärbter Theil mit der Krone! emporgehoben, und das Blatt in zwei Theile zerrissen wird.

> 45 .

! Es ist eine sehr wahrscheinliche Meinung, daß Farbe und! Geruch der Kronenblätter der Gegenwart des männlichen^ Samens in denselben zuzuschreiben sey. Wahrscheinlich befindet, er sich in ihnen noch nicht genugsam abgesondert, vielmehr mitandern Säften verbunden und diluirt; und die schönen Er-scheinungen der Farben führen uns auf den Gedanken, daß dieMaterie, womit die Blätter ausgefüllt sind, zwar in einemhohen Grad von Reinheit, aber noch nicht auf dem höchstenstehe, auf welchem sie uns weiß und ungefärbt erscheint.

VI.

Bildung der Staubwcrkzeuge.

46 .

Es wird uns dieses noch wahrscheinlicher, wenn wir dienahe Verwandtschaft der Kronenblätter nnt den Staubwerk-zeugen bedenken. Wäre die Verwandtschaft aller übrigenTheile unter einander eben so in die Augen fallend, so allge-mein bemerkt und außer allen Zweifel gesetzt, so würde mangegenwärtigen Vortrag für überflüssig halten können.

47 .

Die Natur zeigt uns in einigen Fällen diesen Uebergangregelmäßig, z. B. bei der 6snns, und mehrern Pflanzen dieserFamilie. Ein wahres, wenig verändertes Kronenblatt ziehtsich am obern Rande zusammen, und es zeigt sich ein Staub-beutel, bei welchem das übrige Blatt die Stelle des Staub-fadens vertritt.

48 .

An Blumen, welche öfters gefüllt erscheinen, können wirdiesen Uebergang in allen Stufen beobachten. Bei mehrernRosenarten zeigen sich innerhalb der vollkommen gebildetenund gefärbten Kronenblätter andere, welche theils in derMitte, theils an der Seite zusammengezogen sind; diese Zu-sammenziehung wird von einer kleinen Schwiele bewirkt, welchesich mehr oder weniger als ein vollkommener Staubbeutel