Bildung und Umbildung organischer Naturen.
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sehen läßt, und in eben diesem Grade nähert sich das Blattder einfachern Gestalt eines Staubwerkzeugs. Bei einigengefüllten Mohnen ruhen völlig ausgebildete Antheren aufwenig veränderten Blättern der stark gefüllten Kronen, beiandern ziehen staubbeutclähnliche Schwielen die Blätter mehroder weniger zusammen.
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Verwandeln sich nun alle Staubwerkzeuge in Kronenblät-ter, so werden die Blumen unfruchtbar; werden aber in einerBlume, indem sie sich füllt, doch noch Staubwerkzeuge ent-wickelt , so geht die Befruchtung vor sich.
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Und so entsteht ein Staubwerkzeug, wenn die Organe, diewir bisher als Kronenblätter sich ausbreiten gesehen, wiederin einem höchst zusammengezogenen und zugleich in einem höchstverfeinten Zustande erscheinen. Die oben vorgetragene Be-merkung wird dadurch abermals bestätigt, und wir werden aufdiese abwechselnde Wirkung der Zusammenziehung und Aus-dehnung, wodurch die Natur endlich an's Ziel gelangt, immeraufmerksamer gemacht.
VII.
Nectarien.
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So schnell der Uebergang bei manchen Pflanzen von derKrone zu den Staubwerkzcugen ist, so bemerken wir doch, daßdie Natur nicht immer diesen Weg mit Einem Schritt zurück-legen kann. Sie bringt vielmehr Zwischenwerkzeuge hervor,welche an Gestalt und Bestimmung sich bald dem einen, balddem andern Theile nähern, und obgleich ihre Bildung höchstverschieden ist, sich dennoch meist unter Einen Begriff ver-einigen lassen: daß es langsame Uebergänge von denKelchblättern zu den Staubgefäßen sehen.
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Die »leisten jener verschieden gebildeten Organe, welcheLinus mit dem Namen Nectarien bezeichnet, lasten sichunter diesem Begriff vereinigen; und wir finden auch hier Ge-legenheit , den großen Scharfsinn des außerordentlichen Man-nes zu bewundern, der, ohne sich die Bestimmung dieserTheile ganz deutlich zu machen, sich auf eine Ahnung verließ,und sehr verschieden erscheinende Organe mit Einem Namen zubelegen wagte.
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Es zeigen uns verschiedene Kronenblätter schon ihre Ver-wandtschaft mit den Staubgefäßen dadurch, daß sie, ohne ihreGestalt merklich zu verändern, Grübchen oder Wandeln an sichtragen, welche einen honigartigen Saft abscheiden. Daß diesereine noch unausgearbeitete, nicht völlig dcterminirte Befruch-tungsfeuchtigkeit seh, können wir in den schon oben angeführtenRücksichten einigermaaßen vermuthen, und diese Vermuthungwird durch Gründe, welche wir unten anführen werden, nocheinen Hähern Grad von Wahrscheinlichkeit erreichen.
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Nun zeigen sich auch die sogenannten Nectarien als für sichbestehende Theile; und dann nähert sich ihre Bildung bald denKronenblättern, bald den Staubwerkzeugen. So sind z. B.
die dreizehn Fäden, mit ihren eben so vielen rothen Kügelchenauf den Nectarien der ksrnussia, den Staubwerkzeugen höchstähnlich. Andere zeigen sich als Staubfäden ohne Antheren,als an der Vulisneris,, der bevillkwa; wir finden sie an derksntspetes in einem Kreise mit den Staubwerkzeugen regel-mäßig abwechseln, und zwar schon in Blattgestalt; auch wer-den sie in der systematischen Beschreibung als bäluments c.u-struta petulitormiu angeführt. Eben solche schwankende Bil-dungen sehen wir an der Li§eUaria und der Passionsblume.
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Gleichfalls scheinen uns die eigentlichen Nebenkronenden Namen der Nectarien in dem oben angegebenen Sinne zuverdienen. Denn wenn die Bildung der Kronenblätter durcheine Ausdehnung geschieht, so werden dagegen die Neben-kronen durch eine Zusammenziehung, folglich auf eben die Weisedie Staubwerkzeuge gebildet. So sehen wir innerhalb voll-kommener, ausgebreiteter Kronen kleinere, zusammengezogeneNebenkronen, wie im dlaroissus, dem dleriuw, dem ^Avo-stsimns.
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Noch sehen wir bei verschiedenen Geschlechtern andere Ver-änderungen der Blätter, welche auffallender und merkwürdigersind. Wir bemerken an verschiedenen Blumen, daß ihre Blätterinwendig unten eine kleine Vertiefung haben, welche mit einemhonigartigen Safte ausgefüllt ist. Dieses Grübchen, indemes sich bei andern Blumengeschlechtern und Arten mehr ver-tieft, bringt aus die Rückseite des Blatts eine sporn- oderhornartige Verlängerung hervor, und die Gestalt des übrigenBlattes wird sogleich mehr oder weniger modificirt. Wir könnendieses an verschiedenen Arten und Varietäten des Aglehs genaubemerken.
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Im höchsten Grad der Verwandlung findet man diesesOrgan zum Beispiel bei dem -tzcoiritum und der wo
man aber doch mit geringer Aufmerksamkeit ihre Blattähnlich-kcit bemerken wird; besonders wachsen sie bei der bltAetis leichtwieder in Blätter aus, und die Blume wird durch die Um-wandlung der Nectarien gefüllt. Bei dem ^conituin wirdman mit einiger aufmerksamen Beschallung die Aehnlichkcit derNectarien und des gewölbten Blattes, unter welchem sie ver-deckt stehen, erkennen.
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Haben wir nun oben gesagt, daß die Nectarien Annähe-rungen der Kronenblätter zu den Staubgefäßen sehen, so kön-nen wir bei dieser Gelegenheit über die unregelmäßigen Blumeneinige Bemerkungen machen. So könnten z. B. die fünf äußernBlätter des LleUvntkus als wahre Kronenblätter aufgeführt,die fünf innern aber als eine Nebenkrone, aus sechs Nectarienbestehend, beschrieben werden, wovon das obere sich der Blatt-gestalt am meisten nähert, das untere, das auch jetzt schonNectarium heißt, sich am weitesten von ihr entfernt. In ebendem Sinne könnte man die Carina der SchmctterlingSblumenein Nectarium nennen, indem sie unter den Blättern dieserBlume sich an die Gestalt der Staubwerkzeuge am nächstenheranbildet, und sich sehr weit von der Blattgestalt des soge-nannten Vexillums entfernt. Wir werden auf diese Weise diepinselförmigen Körper, welche an dem Ende der Carina einigerArten der kol/gula befestigt sind, gar nicht erklären und uns