Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildlinz und Umbildung organischer Naturen.

Denn es ist ganz einerlei, ob eine einzelne Blume einen ge-meinsamen Fruchtstand umgiebt, und die zusammengewachsenenPistille von den Antheren der Blume die Zeugungssäfte ein-sangen und sie den Samenkörnern einflößen, oder ob ein jedesSamenkorn sein eigenes Pistill, seine eigenen Antheren, seineeigenen Kronenblätter um sich habe.

102 .

Wir sind überzeugt, daß mit einiger Uebung es nicht schwersey, sich auf diesem Wege die mannichfaltigen Gestalten derBlumen und Früchte zu erklären; nur wird freilich dazu er-fordert, daß man mit. jenen oben festgestellten Begriffen derAusdehnung und Zusammenziehung, der Zusammendrängungund Anastomose wie mit algebraischen Formeln bequem zuoperiren, und sie da, wo sie hingehören, anzuwenden wisse.Da nun hierbei viel darauf ankommt, daß man die verschiede-nen Stufen, welche die Natur sowohl in der Bildung der Ge-schlechter, der Arten, der Varietäten als in dem Wachsthumeiner jeden einzelnen Pflanze betritt, genau beobachte und miteinander vergleiche, so würde eine Sammlung Abbildungen,zu diesem Endzwecke neben einander gestellt, und eine An-wendung der botanischen Terminologie auf die verschiedenenPflanzentheile bloß in dieser Rücksicht angenehm und nichtohne Nutzen seyn. Es würden zwei Fälle von durchgc-wachsenen Blumen, welche der oben angeführten Theorie sehrzu Statten kommen, den Augen vorgelegt, sehr entscheidendgefunden werden.

XV.

Durchgewachsene Rose.

103 .

Alles, was wir bisher nur mit der Einbildungskraft unddem Verstände zu ergreifen gesucht, zeigt uns das Beispieleiner durchgewachsene» Rose auf das deutlichste. Kelch undKrone sind uin die Achse geordnet und entwickelt; anstatt aber,daß nun im Centrum das Samenbehältniß zusammengezogen,an demselben und um dasselbe die männlichen und weiblichenZeugungstheile geordnet seyn sollten, begiebt sich der Stiel,halb röthlich, halb grünlich, wieder in die Höhe; kleinere dunkel- !röche, zusammengefaltete Kronenblätter, deren einige die ^Spur der Antheren an sich tragen, entwickeln sich successiv !an demselben. Der Stiel wächst fort, schon lassen sich daran !wieder Dornen sehen; die folgenden einzelnen gefärbten Blätter !werden kleiner, und gehen zuletzt vor unsern Augen in halb !roth, halb grün gefärbte Stängelblätter über; es bildet sich !eine Folge von regelmäßigen Knoten, aus deren Augen aber-mals, obgleich unvollkommene, Rosenknöspchen zum Vorscheinkommen.

104 .

Es giebt uns eben dieses Exemplar auch noch einen sicht-baren Beweis des oben Ausgeführten, daß nämlich alle Kelchenur in ihre Peripherie zusammengezogene Volin üorslin seyen.Denn hier besteht der regelmäßige um die Achse versammelte !Kelch aus fünf völlig entwickelten, drei- und fünffach zusammen- !gesetzten Blättern, dergleichen sonst die Rosenzweige an ihren !Knoten hervorbringen.

XVI.

Durchgewachsene Nelke.

105 .

Wenn wir diese Erscheinung recht beobachtet haben, so wirduns eine andere, welche sich an einer durchgewachsene» Nelkezeigt, fast noch merkwürdiger werden. Wir sehen eine vollkom-mene, mit Kelch und überdieß mit einer gefüllten Krone ver-sehene, auch in der Mitte mit einer, zwar nicht ganz aus-gebildeten, Samenkapsel völlig geendigte Blume. Aus denSeiten der Krone entwickeln sich vier vollkommene neue Blu-men, welche durch drei- und mehrknotige Stängel von derMutterblume entfernt sind; sie haben abermals Kelche, sindwieder gefüllt, und zwar nicht sowohl durch einzelne Blätterals durch Blattkronen, deren Nägel zusammengewachsen sind,meistens aber durch Blumenblätter, welche wie Zweiglein zu-sammengewachsen und um Einen Stiel entwickelt sind. Unge-achtet dieser ungeheuren Entwicklung sind die Staubfäden undAntheren in einigen gegenwärtig. Die Fruchthüllen mit denGriffeln sind zu sehen, und die Receptakel der Samen wiederzu Blättern entfaltet, ja in einer dieser Blumen waren dieSamendecken zu einem völligen Kelch verbunden, und ent-hielten die Anlage zu einer vollkommen gefüllten Blume wiederin sich.

106 .

Haben wir bei der Rose einen gleichsam nur halbdetermi-nirten Blüthenstand, aus dessen Mitte einen abermals hervor-treibenden Stängel, und an demselbigen neue Stängelblättersich entwickeln gesehen, so finden wir an dieser Nelke, beiwohlgebildetem Kelche und vollkommener Krone, bei wirklichin der Mitte bestehenden Fruchtgehäusen, aus dem Kreise derKronenblätter sich Augen entwickeln, und wirkliche Zweige undBlumen darstellen. Und so zeigen uns denn beide Fälle, daßdie Natur gewöhnlich in den Blumen ihr Wachsthum schließeund gleichsam eine Summe ziehe, daß sie der Möglichkeit,in's Unendliche mit einzelnen Schritten fortzugehen, Einhaltthue, um durch die Ausbildung der Samen schneller zum Zielezu gelangen.

XVII.

Linnäs Theorie von der Anticipation.

107 .

Wenn ich auf diesem Wege, den einer meiner Vorgänger,welcher ihn noch dazu an der Hand seines großen Lehrers ver-suchte, so fürchterlich und gefährlich beschreibt,' auch hie undda gestrauchelt hätte, wenn ich ihn nicht genugsam geebnet undzum Besten meiner Nachfolger von allen Hindernissen gereinigthätte, so hoffe ich doch diese Bemühung nicht fruchtlos unter-nommen zu haben.

108 .

Es ist hier Zeit, der Theorie zu gedenken, welche Linus zuErklärung eben dieser Erscheinungen ausgestellt. Seinemscharfen Blick konnten die Bemerkungen, welche auch gegen-wärtigen Vortrag veranlaßt, nicht entgehen. Und wenn wirnunmehr da fortschreiten können, wo er stehen blieb, so sind

t Berber') prsslstio visssrtstionis Ksounäss äs prolepsj plan-Lsiuin.