EUvung und Umbildung organischer Naturen.
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wir es den gemeinschaftlichen Bemühungen so vieler Beobachterand Denker schuldig, welche manches Hinderniß aus dem Wegegeräumt, manches Vsrurtheil zerstreut haben. Eine genaueBergleichung seiner Theorie und des oben Ausgeführten würdeuns hier zu lange aushalten. Kenner werden sie leicht selbstmachen, und sie müßte zu umständlich seyn, um denen anschau-lich zu werden, die über diesen Gegenstand noch nicht gedachthaben. Nur bemerken wir kürzlich, was ihn hinderte, weiterfort und bis an's Ziel zu schreiten.
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Er machte seine Bemerkungen zuerst an Bäumen, diesenzusammengesetzten und lange dauernden Pflanzen. Er be-obachtete, daß ein Baum, in einem wettern Gefäße überflüssiggenährt, mehrere Jahre hinter einander Zweige aus Zweigenhervorbringe, da derselbe, in ein engeres Gefäß eingeschlossen,schnell Blüthen und Früchte trage. Er sah, daß jene successiveEntwicklung hier aus einmal zusammengedrängt hervorgebrachtwerde. Daher nannte er diese Wirkung der Natur Pro-lepsis, eineAnticipatiou, weil die Pflanze durch die sechsSchritte, welche wir oben bemerkt haben, sechs Jahre voraus-zunehmen schien. Und so führte er auch seine Theorie bezüglichauf die Knospen der Bäume aus, ohne auf die einjährigenPflanzen besonders Rücksicht zu nehmen, weil er wohl bemerkenkonnte, daß seine Theorie nicht so gut auf diese als auf jenepasse. Denn nach seiner Lehre müßte man annehmen, daß jedeeinjährige Pflanze eigentlich von der Natur bestimmt gewesensey, sechs Jahre zu wachsen und diese längere Frist in demBlüthen- und Fruchtstande auf einmal anticipire und sodannverwelke.
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Wir sind dagegen zuerst dem Wachsthum der einjährigenPflanze gefolgt; nun läßt sich die Anwendung auf die dauern-den Gewächse leicht machen, da eine aufbrechende Knospe desältesten Baumes als eine einjährige Pflanze anzusehen ist, obsie sich gleich aus einem schon lange bestehenden Stamme ent-wickelt und selbst eine längere Dauer haben kann.
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Die zweite Ursache, welche Linus verhinderte weiter vor-wärts zu gehen, war, daß er die verschiedenen in einander ge-schlossenen Kreise des Pflauzenkörpers, die äußere Rinde, dieinnere, das Holz, das Mark, zu sehr als gleichwirkende, ingleichem Grade lebendige und nothwendige Theile ansah, undden Ursprung der Blumen und Fruchttheile diesen verschiede-nen Kreisen des Stammes zuschrieb, weil jene eben so wiediese von einander umschlossen und sich aus einander zu ent-wickeln scheinen. Es war dieses aber nur eine oberflächlicheBemerkung, welche, näher betrachtet, sich nirgends bestätigt.So ist die äußere Rinde zu weiterer Hervorbringung unge-schickt , und bei dauernden Bäumen eine nach außen zu ver-härtete und abgesonderte Masse, wie das Holz nach innen zuverhärtet wird. Sie fällt bei vielen Bäumen ab, andern Bäu-men kann sie ohne den geringsten Schaden derselben genommenwerden; sie wird also weder einen Kelch noch irgend einenlebendigen Pflanzentheil hervorbringen. Die zweite Rindeist es, welche alle Kraft des Lebens und Wachsthums ent-hält. In dem Grad, in welchem sie verletzt wird, wird auchdas Wachsthum gestört; sie ist es, welche bei genauer Betrach-tung alle äußern Pflanzentheile nach und nach im Stängel oder
auf einmal in Blüthe und Frucht hervorbringt. Ihr wurdevon Linnö nur das subordinirte Geschäft, die Blumenblätterhervorzubringen, zugeschrieben: dem Holze ward dagegen diewichtige Hervorbringung der männlichen Staubwerkzeuge zuTheil; anstatt daß man gar wohl bemerken kann, es sey dasselbeein durch Solidescenz zur Ruhe gebrachter, wenn gleichdauernder, doch der Lebenswirkung abgestorbener Theil. DasMark sollte endlich die wichtigste Function verrichten, die^ weiblichen Geschlechtstheile und eine zahlreiche Nachkommen-schaft hervorbringen. Die Zweifel welche man gegen diesegroße Würde des Markes erregt, die Gründe, die man dagegenangeführt hat, sind auch mir wichtig und entscheidend. Es warnur scheinbar, als wenn sich Griffel und Frucht aus dem Markentwickelten, weil diese Gestalten, wenn wir sie zum erstenmalerblicken, in einem weichen, unbestimmten, markähnlichen,parenchymatoscn Zustande sich befinden, und eben in der Mittedes Stängels, wo wir uns nur Mark zu sehen gewöhnt haben,zusammengedrängt sind.
XVIII.
Wiederholung.
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Ich wünsche, daß gegenwärtiger Versuch, die Metamor-phose der Pflanzen zu erklären, zu Auflösung dieser Zweifeleiniges beitragen und zu weitem Bemerkungen und SchlüssenGelegenheit geben möge. Die Beobachtungen, woraus er sichgründet, sind schon einzeln gemacht, auch gesammelt und ge-reiht worden;' und es wird sich bald entscheiden, ob der Schritt,den wir gegenwärtig gethan, sich der Wahrheit nähere. Sokurz als möglich fassen wir die Hauptresultate des bisherigenVertrags zusammen.
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Betrachten wir eine Pflanze, in sofern sie ihre Lebenskraftäußert, so sehen wir dieses auf eine doppelte Art geschehen,zuerst durch das Wachsthum, indem sie Stängel und Blätterhervorbringt, und sodann durch die Fortpflanzung, welchein dem Blüthen- und Fruchtbau vollendet wird. Beschauenwir das Wachsthum näher, so sehen wir, daß, indem diePflanze sich von Knoten zu Knoten, von Blatt zu Blatt fort-setzt, indem sie sproßt, gleichfalls eine Fortpflanzung geschehe,die sich von der Fortpflanzung durch Blüthe und Frucht, welcheauf einmal geschieht, darin unterscheidet, daß sie successivist, daß sie sich in einer Folge einzelner Entwicklungen zeigt.Diese sprossende, nach und nach sich äußernde Kraft ist mitjener, welche auf einmal eine große Fortpflanzung entwickelt,auf das genaueste verwandt. Man kaun unter verschiedenenUmständen eine Pflanze nöthigen, daß sie immerfort sprosse,man kann dagegen den Blüthenstand beschleunigen.Jenes geschieht, wenn rohere Säfte der Pflanze in einemMaaße zubringen, dieses, wenn die geistigen Kräfte in derselbenüberwiegen.
114 .
Schon dadurch, daß wir das Sprossen eine successive,den Blüthen- und Fruchtstand aber eine simultane Fort-pflanzung genannt haben, ist auch die Art, wie sich beide äußern,
> Batsch, Anleitung znr Kenntniß und Geschichte der Pflanzen.1. Theil, 19. Capitel.