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Bildung und Umbildung organischer Naturen.
meinen Vertrag mit einmische. Sey mir darauf zu erwiedernerlaubt, daß ich von meiner Bildung im Zusammenhange nichtsprechen könnte, wenn ich nicht der frühen Vorzüge des Wei-marischen, für jene Zeiten hochgebildeten Kreises dankbar ge-dächte, wo Geschmack und Kenntniß, Wissen und Dichten ge-sellig zu wirken sich bestrebten, ernste, gründliche Studien undfrohe, rasche Thätigkeit unablässig mit einander wetteiferten.
Doch aber hängt, näher betrachtet, was ich hier zu sagenhabe mit dem Vorgemeldeten zusammen. Chemie und Botanikgingen damals vereint aus den ärztlichen Bedürfnissen hervor,und wie der gerühmte Dr. Buchholz von seinem Dispensatoriumsich in die höhere Chemie wagte, so schritt er auch aus den engenGewürzbeeten in die freiere Pflanzenwelt. In seinen Gärtenhätte er nicht die officinellen Gewächse nur, sondern auch selte-nere , neu bekannt gewordene Pflanzen für die Wissenschaft zupflegen unternommen.
Dieses Mannes Thätigkeit lenkte der junge, schon früh denWissenschaften sich hingebende Regent allgemeinerm Gebrauchund Belehrung zu, indem er große sonnige Gartenflächen, inder Nachbarschaft von schattigen und feuchten Plätzen, einerbotanischen Anstalt widmete, wozu denn ältere, wohlerfahreneHofgärtner mit Eifer sogleich die Hand boten. Die noch vor-handenen Katalogen dieser Anstalt zeugen von dem Eifer, womitdergleichen Anfänge betrieben wurden.
Unter solchen Umständen war auch ich genöthigt, über bota-nische Dinge immer mehr und mehr Aufklärung zu suchen.Li nnes Terminologie, die Fundamente, worauf das Kunst-gebäude sich stützen sollte, Johann Geßners Dissertationenzu Erklärung Linnescher Elemente, alles in einem schmächtigenHefte vereinigt, begleiteten mich auf Wegen und Stegen; undnoch heute erinnert mich eben dasselbe Heft an die frischen, glück-lichen Tage, in welchen jene gehaltreichen Blätter mir zuersteine neue Welt ausschlössen. LinnLs P h i l o s o P h i e derBo-tanik war mein tägliches Studium, und so rückte ich immerweiter vor in geordneter Kenntniß, indem ich mir möglichst an-zueignen suchte, was mir eine allgemeinere Umsicht über diesesweite Reich verschaffen konnte.
Wie es mir dabei ergangen, und wie ein so fremdartigerUnterricht aus mich gewirkt, kann vielleicht im Verlauf dieserMittheilungen deutlich werden, vorläufig aber will ich be-kennen, daß nach Shakspeare und Spinoza auf michdie größte Wirkung von Linn6 ausgegangen, und zwar geradedurch den Widerstreit, zu welchem er mich aufforderte. Dennindem ich sein scharfes, geistreiches Absondern, seine treffenden,zweckmäßigen, oft aber willkürlichen Gesetze in mich aufzu-nehmen versuchte, ging in meinem Innern ein Zwiespaltvor: das, was er mit Gewalt aus einander zu halten suchte,mußte, nach dem innersten Bedürfniß meines Wesens, zur Ver-einigung anstreben.
Besondern Vortheil aber brachte mir, wie in allem Wissen-schaftlichen, die Nähe der Akademie Jena, wo die Wartungofficineller Pflanzen seit geraumer Zeit mit Ernst und Fleißbehandelt wurde. Auch erwarben sich die Professoren Präto-rius, Schlegel und Rolfink früher um die allgemeinereBotanik zeitgemäße Verdienste. Epoche machte jedoch RuPP esxiora lleueusis, welche 1718 erschien. Hiernach wurde derbis jetzt auf einen engen klösterlichen Garten eingeschränkten,bloß zu ärztlichem Zwecke dienenden Pflanzenbetrachtung die
ganze reiche Gegend eröffnet, und ein freies, frohes Natur-studium eingeleitet.
Hieran von ihrer Seite Antheil zu nehmen beeiferten sichaufgeweckte Landleutc aus der Gegend, welche schon für denApotheker und Kräuterhändler bisher sich thätig erwiesen hatten,und eine nunmehr neueingeführte Terminologie nach und nacheinzulernen wußten. In Ziegenhain hatte sich besonders eineFamilie Dietrich hervorgethan; der Stammvater derselben,sogar von Linns bemerkt, hatte von diesem hochverehrten Manneein eigenhändiges Schreiben auszuweisen, durch welches Diplomer sich wie billig in den botanischen Adelstand erhoben fühlte.Nach seinem Ableben setzte der Sohn die Geschäfte fort, welchehauptsächlich darin bestanden, daß die sogenannten Lectionen,nämlich Bündel der jede Woche blühenden Gewächse, Lehrendenund Lernenden von allen Seiten herangeschafft wurden. Diejoviale Wirksamkeit des Mannes verbreitete sich bis nach Wei-mar, und so ward ich nach und nach mit der Jenaischen reichenFlora bekannt.
Noch einen größern Einfluß aber auf meine Belehrung hattederEnkelFriedrich Gottlob Dietrich. Als wohlgebauterJüngling, von regelmäßig angenehmer Gesichtsbildung, schritter vor, mit frischer Jugendkraft und Lust sich der Pflanzenweltzu bemeistern; sein glückliches Gedächtniß hielt alle die seltsamenBenennungen fest, und reichte sie ihm jeden Augenblick zumGebrauche dar; seine Gegenwart sagte mir zu, da ein offener,freier Charakter aus Wesen und Thun hervorleuchtete, und soward ich bewogen, auf einer Reise nach Carlsbad ihn mit mirzu nehmen.
In gebirgigen Gegenden immer zu Fuße, brachte er miteifrigem Spürsinn alles Blühende zusammen, und reichte mirdie Ausbeute wo möglich an Ort und Stelle sogleich in denWagen herein, und rieffdabei nach Art eines Herolds die Linns-schen Bezeichnungen, Geschlecht und Art, mit froher Ueberzeugungaus, manchmal wohl mit falscher Betonung. Hierdurch wardmir ein neues Verhältniß zur freien, herrlichen Natur, indemmein Auge ihrer Wunder genoß und mir zugleich wissenschaft-liche Bezeichnungen des einzelnen, gleichsam aus einer fernenStudirstube, in das Ohr drangen.
In Carlsbad selbst war der junge, rüstige Mann mitSonnenaufgang im Gebirge; reichliche Lectionen brachte er mirsodann an den Brunnen, ehe ich noch nieine Becherzahl geleerthatte: alle Mitgäste nahmen Theil, die, welche sich dieserschönen Wissenschaft befleißigten, besonders. Sie sahen ihreKenntnisse auf das anmuthigste angeregt, wenn ein schmuckerLandknabe im kurzen Westchen daher lief, große Bündel vonKräutern und Blumen vorweisend, sie alle mit Namen, Grie-chischen, Lateinischen, barbarischen Ursprungs bezeichnend —ein Phänomen, das bei Männern, auch wohl bei Frauen, vielenAntheil erregte.
Sollte Vorgesagtes dem eigentlich wissenschaftlichen Mannevielleicht allzu empirisch vorkommen, so melde ich hiernächst,daß gerade dieses lebhafte Benehmen uns die Gunst und denAntheil eines in diesem Fache schon geübtern Mannes erwerbenkonnte, eines trefflichen Arztes nämlich, der, einen reichen Vor-nehmen begleitend, seinen Badeaufenthalt eigentlich zu botani-schen Zwecken zu nutzen gedachte. Er gesellte sich gar bald zuuns, die sich freuten, ihm an Handen zu gehen. Die meistenvon Dietrich früh eingebrachten Pflanzen trachtete er sorgfältig