Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

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einzulegen, wo denn der Name hinzugeschrieben und auch sonstmanches bemerkt wurde. Hierbei konnte ich nicht anders als ge-winnen. Durch Wiederholung prägten sich die Namen in meinGedächtniß; auch im Analysiren gewann ich etwas mehr Fertig-keit, doch ohne bedeutenden Erfolg; Trennen und Zählen lagnicht in meiner Natur.

Nun fand aber jenes fleißige Bemühen und Treiben in dergroßen Gesellschaft einige Gegner. Wir mußten öfters hören,die ganze Botanik, deren Studium wir so emsig verfogten, seynichts weiter als eine Nomenclatur und ein ganzes auf Zahlen,und das nicht einmal durchaus, gegründetes System; sie könneweder dem Verstand noch der Einbildungskraft genügen, undniemand werde darin irgend eine auslangende Folge zu findenwissen. Ungeachtet dieser Einwendung gingen wir getrost unsernWeg fort, der uns denn immer tief genug in die Pflanzen -kenntniß einzuleiten versprach.

Hier aber will ich nur kürzlich bemerken, daß der folgendeLebensgang des jungen Dietrich solchen Anfängen gleich blieb;er schritt unermüdet auf dieser Bahn weiter, so daß er, alsSchriftsteller rühmlichst bekannt, mit der Doctorwürde geziert,den Großherzoglichen Gärten in Eisenach bis jetzt mit Eifer undEhre vorsteht.

Indem ich nun durch diesen jungen Mann meine Erfahrungschnell erweitert, meine Kenntniß der Pflanzengestalt, ihreMannichfaltigkeit und Eigenheit immer zunehmen sah, auchmein lebendiges Gedächtniß die bezeichneten Benennungen leichtfest hielt, war mir durch einen zweiten Jüngling fernere wün«schenswerthe Belehmng zugedacht.

August Carl Batsch, der Sohn eines in Weimar durch-aus geliebten und geschätzten Vaters, hatte seine Studienzeit inJena sehr wohl benutzt, sich den Naturwissenschaften eifrig er-geben und es so weit gebracht, daß er nach Köstritz berufenwurde, um die ansehnliche Gräflich Reußische Natnraliensamm-lung zu ordnen, und ihr eine Zeit lang vorzustehen. Sodannkehrte er nach Weimar zurück, wo ich ihn denn, im harten,pflanzenfeindlichen Winter auf der Schlittschuhbahn, damalsdem Versammlungsort guter Gesellschaft, mit Vergnügen kennenlernte, seine zarte Bestimmtheit und ruhigen Eifer gar bald zuschätzen wußte, und in freier Bewegung mich mit ihm überhöhere Ansichten der Pflanzenkunde und über die verschiedenenMethoden, dieses Wissen zu behandeln, freimüthig und an-haltend besprach.

Seine Denkweise war meinen Wünschen und Forderungenhöchst angemessen; die Ordnung der Pflanzen nach Familienin aufsteigenden, sich nach und nach entwickelndem Fortschrittwar sein Augenmerk. Diese naturgemäße Methode, aus dieLinns mit frommen Wünschen hindeutet, bei welcher Franzö-sische Botaniker theoretisch und praktisch beharrten, sollte nuneinen unternehmenden jungem Mann zeitlebens beschäftigen;und wie froh war ich, meinen Theil daran aus der ersten Handzu gewinnen!

Aber nicht allein von zwei Jünglingen, sondern auch voneinem bejahrten vorzüglichen Manne sollte ich unbeschreiblichgefördert werden. Hofrath Büttn er hatte seine Bibliothek vonGöttingen nach Jena gebracht, und ich, durch das Vertrauenmeines Fürsten, der diesen Schatz sich und uns angeeignethatte, beauftragt, Anordnung und Aufstellung, nach dem eige-nen Sinne des im Besitz bleibenden Sammlers, einzuleiten,

unterhielt mit demselben ein fortwährendes Verkehr. Er, einelebendige Bibliothek, bereitwillig, auf jede Frage umständliche,auslangende Antwort und Auskunft zu geben, unterhielt sichüber Botanik mit Vorliebe.

Hier verleugnete er nicht, sondern bekannte vielmehr sogarleidenschaftlich, daß er, als Zeitgenosse Linnes, gegen diesenausgezeichneten, die ganze Welt mit seinem Namen erfüllendenMann in stillem Wetteifer, dessen System niemals ange-nommen, vielmehr sich bemüht habe, die Anordnung der Ge-wächse nach Familien zu bearbeiten, von den einfachsten, fastunsichtbaren Ansängen in das Zusammengesetzteste und Un-geheuerste fortschreitend. Ein Schema hiervon zeigte er gern,mit eigener Hand zierlich geschrieben, worin die Geschlechternach diesem Sinne gereiht erschienen, mir zu großer Erbauungund Beruhigung.

Vorgesagtem nachdenkend, wird man die Vortheile nichtverkennen, die mir meine Lage zu dergleichen Studien ge-währte: große Gärten, sowohl an der Stadt als an Lust-schlössern, hie und da in der Gegend Baum- und Gebüsch-anlagen, nicht ohne botanische Rücksicht, dazu dre Beihülfeeiner in der Nachbarschaft längst durchgearbeiteten, wissen-schaftlichen Localflora, nebst der Einwirkung einer stets fort-schreitenden Akademie, alles zusammengenommen gab einemaufgeweckten Geist genügsame Förderniß zur Einsicht in diePflanzenwelt.

Indessen sich dergestalt meine botanischen Kenntnisse undEinsichten in lebenslustiger Geselligkeit erheiterten, ward icheines einsiedlerischen Pflanzenfreundes gewahr, der mit Ernstund Fleiß sich diesem Fache gewidmet hatte. Wer wolltenicht dem im höchsten Sinne verehrten Johann JacobRousseau auf seinen einsamen Wanderungen folgen, woer, mit dem Menschengeschlecht verfeindet, seine Aufmerksamkeitder Pflanzen- und Blumenwclt zuwendet, und in ächter, ge-radsinniger Geisteskraft sich mit den stillreizenden Naturkindernvertraut macht.

Aus seinen frühern Jahren ist mir nicht bekannt, daß er zuBlumen und Pflanzen andere Anmuthungen gehabt als solche,welche eigentlich nur auf Gesinnung, Neigung, zärtliche Erinne-rungen hindeuteten; seinen entschiedenen Aeußerungen aberzufolge, mag er erst nach einem stürmischen Autorleben, ausder St. Peters-Jnsel im Bielersee, auf dieß Naturreich in seinerFülle aufmerksam geworden seyn. In England nachher, be-merkt man, hat er sich schon freier und weiter umgesehen; seinVerhältniß zu Pflanzenfreunden und Kennern, besonders zu derHerzogin von Portland, mag seinen Scharfblick mehr in dieBreite gewiesen haben, und ein Geist wie der seinige, der denNationen Gesetz und Ordnung vorzuschreiben sich berufen fühlt,mußte doch zur Vermuthung gelangen, daß in dem unermeß-lichen Pflanzenreiche keine so große Mannichfaltigkeit der Formenerscheinen könnte, ohne daß ein Grundgesetz, es sey auch nochso verborgen, sie wieder sämmtlich zur Einheit zurückbrächte.Er versenkt sich in dieses Reich, nimmt es ernstlich in sich auf,fühlt, daß ein gewisser methodischer Gang durch das Ganzemöglich sey, getraut sich aber nicht damit hervorzutreten. Wieer sich selbst darüber ausspricht, wird immer ein Gewmn seynzu vernehmen.

Was mich betrifft, ich bin in diesem Studium ein Schüler,und nicht gegründet; indem ich Herbarisire, denke ich mehr