Bildung »nd Umbildung organischer Naturen.
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oft unsichern Pflanzenabbildungen entbehren zu können, sofand ich doch, bei der versuchten genauen Anwendung, dieHauptschwierigkeit in der Versatilität der Organe. Wenn ichan demselben Pflanzenstiingel erst rundliche, dann eingekerbte,zuletzt beinahe gefiederte Blätter entdeckte, die sich alsdannwieder zusammenzogen, vereinfachten, zu Schüppchen wurdenund zuletzt gar verschwanden, da verlor ich den Muth, irgendwoeinen Pfahl einzuschlagen oder wohl gar eine Gränzlinie zuziehen.
Unauflösbar schien mir die Aufgabe, Genera mit Sicher-heit zu bezeichnen, ihnen die Species unterzuordnen. Wie esvorgeschrieben war, las ich wohl, allein wie sollte ich einetreffende Bestimmung hoffen, da man bei Linnds Lebzeitenschon manche Geschlechter in sich getrennt und zersplittert, jasogar Classen aufgehoben hatte; woraus hervorzugehen schien,der genialste, scharfsichtigste Mann selbst habe die Natur nuren Ai -08 gewaltigen und beherrschen können. Wurde nun dabeimeine Ehrfurcht für ihn im geringsten nicht geschmälert, somußte deßhalb ein ganz eigener Conflict entstehen, und mandenke sich die Verlegenheit, in der sich ein autodidaktischer Tiroabzumühen und durchzukämpfen hatte.
Ununterbrochen jedoch mußte ich meinen übrigen Lebens-gang verfolgen, dessen Pflichten und Erholungen glücklicher-weise meist in der freien Natur angewiesen waren. Hier drangsich nun dem unmittelbaren Anschauen gewaltig auf, wie jedePflanze ihre Gelegenheit sucht, wie sie eine Lage fordert, wosie in Fülle und Freiheit erscheinen könne. Bergeshöhc, Thales-tiefe, Licht, Schatten, Trockenheit, Feuchte, Hitze, Wärme,Kälte, Frost, und wie die Bedingungen alle heißen mögen,Geschlechter und Arten verlangen sie, um mit völliger Kraftund Menge hervorzusprießen. Zwar geben sie an gewissenOrten, bei manchen Gelegenheiten, der Natur nach, lassensich zur Varietät hinreißen, ohne jedoch das erworbene Rechtan Gestalt und Eigenschaft völlig aufzugeben. Ahnungen hier-von berührten mich in der freien Welt, und neue Klarheitschien mir auszugehen über Gärten und Bücher.
Der Kenner, der sich in das Jahr 1786 zurückzuversetzengeneigt wäre, möchte sich wohl einen Begriff meines Zustandesausbilden können, in welchem ich mich nun schon zehn Jahrebefangen fühlte, ob es gleich selbst für den Psychologen eineAufgabe bleiben würde, indem ja bei dieser Darstellung meinesämmtlichen Obliegenheiten, Neigungen, Pflichten und Zer-streuungen mit aufzunehmen wären.
Hier gönne man mir, eine in's Ganze greifende Bemerkungeinzuschalten, daß alles, was uns von Jugend auf umgab,jedoch nur oberflächlich bekannt war und blieb, stets etwasGemeines und Triviales für uns behält, das wir als gleich-gültig neben uns bestehend ansehen, worüber zu denken wirgewiffermaaßen unfähig werden. Dagegen finden wir, daßneue Gegenstände, in auffallender Mannichfaltigkeit, indemsie den Geist erregen, uns erfahren lassen, daß wir eines reinenEnthusiasmus fähig sind; sie deuten auf ein Höheres, welcheszu erlangen uns wohl gegönnt seyn dürfte. Dieß ist der eigent-lichste Gewinn der Reisen, und jeder hat nach seiner Art undWeise genügsamen Vortheil davon. Das Bekannte wird neudurch unerwartete Bezüge, und erregt, mit neuen Gegen-ständen verknüpft, Aufmerksamkeit, Nachdenken und Urtheil.
In diesem Sinne ward meine Richtung gegen die Natur,
besonders gegen die Pflanzenwelt, bei einem schnellen Ueber-gang über die Alpen lebhaft angeregt. Der Lärchenbaum,häufiger als sonst, die Zirbelnuß, eine neue Erscheinung,machten sogleich auf klimatischen Einfluß dringend aufmerksam.Andere Pflanzen, mehr oder weniger verändert, blieben beieiligem Vorüberrollen nicht unbemerkt. Am mehrsten abererkannte ich die Fülle einer fremden Vegetation, als ich in denbotanischen Garten von Padua hineintrat, wo mir eine hoheund breite Mauer mit feuerrotheu Glocken der Li^noniu rn-ckiennZ zauberisch entgegenleuchtete. Ferner sah ich hier imFreien manchen seltenen Baum emporgewachsen, den ich nurin unsern Glashäusern überwintern gesehen. Auch die miteiner geringen Bedeckung gegen vorübergehenden Frost währendder strengern Jahreszeit geschützten Pflanzen standen nunmehrim Freien, und erfreuten sich der wohlthätigen Himmelsluft.Eine Fächerpalme zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich;glücklicherweise standen die einfachen, lanzenförmigen erstenBlätter noch am Boden, die successive Trennung derselbennahm zu, bis endlich das Fächerartige in vollkommener Aus-bildung zu sehen war; aus einer spathagleichen Scheide zuletzttrat ein Zweiglein mit Blüthen hervor und erschien als einsonderbares, mit dem vorhergehenden Wachsthum in keinemVerhältniß stehendes Erzeugniß, fremdartig und überraschend.
Auf mein Ersuchen schnitt mir der Gärtner die Stufenfolgedieser Veränderungen sämmtlich ab, und ich belastete mich miteinigen großen Pappen, um diesen Fund mit mir zu führen.Sie liegen, wie ich sie damals mitgenommen, noch wohl-behalten vor mir, und ich verehre sie als Fetische, die, meineAufmerksamkeit zu erregen und zu fesseln völlig geeignet, mireine gedeihliche Folge meiner Bemühungen zuzusagen schienen.
Das Wechselhafte der Pflanzengestalten, dem ich längst aufseinem eigenthümlichen Gange gefolgt, erweckte nun bei mirimmer mehr die Vorstellung, die uns umgebenden Pflanzen-sormen seyen nicht ursprünglich determinirt und festgestellt,ihnen sey vielmehr, bei einer eigensinnigen, generischen undspecifischen Hartnäckigkeit, eine glückliche Mobilität und Bieg-samkeit verliehen, um in so viele Bedingungen, die über demErdkreis auf sie einwirken, sich zu fügen und danach bilden undumbilden zu können.
Hier kommen die Verschiedenheiten des Bodens in Be-tracht; reichlich genährt durch Feuchte der Thäler, verkümmertdurch Trockene der Höhen, geschützt vor Frost und Hitze injedem Maaße oder beiden nnausweichbar bloßgestellt, kanndas Geschlecht sich zur Art, die Art zur Varietät, und diesewieder durch andere Bedingungen in's Unendliche sich ver-ändern; und gleichwohl hält sich die Pflanze abgeschlossen inihrem Reiche, wenn sie sich auch nachbarlich an das harte Ge-stein, an das beweglichere Leben, hüben und drüben anlehnt.Die allerentferntesten jedoch haben eine ausgesprochene Ver-wandtschaft, sie lassen sich ohne Zwang unter einander ver-gleichen.
Wie sie sich nun unter Einen Begriff sammeln lassen, sowurde mir nach und nach klar und klarer, daß die Anschauungnoch auf eine höhere Weise belebt werden könnte — eine For-derung, die mir damals unter der sinnlichen Form einer über-sinnlichen Urpflanze vorschwebte. Ich ging allen Gestalten,wie sie mir vorkamen, in ihren Veränderungen nach, und soleuchtete mir am letzten Ziel meiner Reise, in Sicilien, die