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Bildung und Umbildung organischer Staturen.
mich zu zerstreuen und zu vergnügen als zu unterrichten, undich kann bei meinen zögernden Betrachtungen den anmaßlichenGedanken nicht fassen, andere zu unterrichten in dem, was ichselbst nicht weiß.
„Doch ich gestehe, die Schwierigkeiten, die ich bei demStudium der Pflanzen fand, führten mich auf einige Vor-stellungen, wie sich wohl Mittel finden ließen, dasselbe zu er-leichtern und andern nützlich zu machen, und zwar indem manden Faden eines Pflanzensystems durch eine mehr schritthaltende,weniger den Sinnen entrückte Methode zu verfolgen wüßte,als es Tournefort gethan und alle seine Nachfolger, selbstLinne nicht ausgenommen. Vielleicht ist mein Gedanke nichtausführbar; wir sprechen darüber, wenn ich die Ehre habe,Sie wieder zu sehen."
Also schrieb er im Anfange des Jahres 1770; allein eshatte ihm unterdessen keine Ruhe gelassen; schon im August1771 unternimmt er, bei einem freundlichen Anlaß, die Pflicht,andere zu belehren, ja, was er weiß und einsieht, Frauen vor-zutragen, nicht etwa zu spielender Unterhaltung, sondern siegründlich in die Wissenschaft einzuleiten.
Hier gelingt es ihm nun, sein Wissen auf die ersten sinnlichvorzuweisenden Elemente zurückzuführen; er legt die Pflanzen-theile einzeln vor, lehrt sie unterscheiden und benennen. Kaumaber hat er hierauf die ganze Blume aus den Theilen wieder-hergestellt und sie benannt, theils durch Trivialnamen kenntlichgemacht, theils die Linnssche Terminologie ehrenhaft, ihrenganzen Werth bekennend, eingeführt, so giebt er alsobald einebreitere Uebersicht ganzer Massen. Nach und nach führt er unsvor Liliaceeu, Siliquosen und Siliculosen, Rachen- undMaskenblumen, Umbellen und Compositen zuletzt, und indemer auf diesem Wege die Unterschiede in steigender Mannich-saltigkeit und Verschränkung anschaulich macht, führt er unsunwirklich einer vollständigen erfreulichen Uebersicht entgegen.Denn da er an Frauenzimmer zu reden hat, versteht er, mäßigund gehörig, auf Gebrauch, Nutzen und Schaden hinzuweisen,und dieß um so schicklicher und leichter, da er, alle Beispielezu seiner Lehre aus der Umgebung nehmend, nur von demEinheimischen spricht und auf die exotischen Pflanzen, wie sieauch bekannt seyn und gepflegt werden mögen, keine Ansprüchemacht.
Im Jahre 1822 gab man unter den: Titel: Us Lotsuiixuscke Rousseau sämmtliche von ihm über diese Gegenstände ver-faßten Schriften in klein Folio sehr anständig heraus, begleitetmit farbigen Bildern, nach dem vortrefflichen Redoutö, allediejenigen Pflanzen vorstellend, von welchen er gesprochenhatte. Bei deren Ueberblick bemerkt man mit Vergnügen, wieeinheimisch ländlich er bei seinen Studien verfahren, indemnur Pflanzen vorgestellt sind, welche er auf seinen Spazier-gänger: unmittelbar konnte gewahr werden.
Seine Methode, das Pflanzenreich in's Engere zu bringen,neigt sich, wie wir oben gesehen haben, offenbar zur Eintheilungnach Familien; und da ich in jener Zeit auch schon zu Be-trachtungen dieser Art hingeleitet war, so machte sein Vertragauf mich einen desto größern Eindruck.
Und so wie die jungen Stndirenden sich auch am liebstenan junge Lehrer halten, so mag der Dilettant gern vom Dilet-tanten lernen. Dieses wäre freilich in Absicht auf Gründlichkeitbedenklich, wenn nicht die Erfahrung gäbe, daß Dilettanten
zum Vortheil der Wissenschaft vieles beigetragen. Und zwarist dieses ganz natürlich: Männer vom Fach müssen sich umVollständigkeit bemühen, und deßhalb den weiten Kreis inseiner Breite durchforschen; dem Liebhaber dagegen ist darumzu thun, durch das einzelne durchzukommen und einen Hoch-punkt zu erreichen, von woher ihm eine Uebersicht, wo nichtdes Ganzen, doch des meisten gelingen könnte.
Von Rousseaus Bemühungen bringe ich nur so viel nach,daß er eine sehr anmuthige Sorgfalt für das Trocknen derPflanzen und Anlegen von Herbarien beweist, und den Verlustdesselben innigst bedauert, wenn irgend eins zu Grunde geht,ob er gleich auch hier, im Widerspruch mit sich selbst, wederGeschick noch anhaltende Sorgsamkeit haben mochte, um, be-sonders bei seinen vielfachen Wanderungen, auf Erhaltunggenau zu achten; deßwegen er auch dergleichen Gesammeltesnur immer als Heu angesehen wissen will.
Behandelt er aber, einem Freund zu Liebe, die Moose mitbilliger Sorgfalt, so erkennen wir auf's lebhafteste, welchengründlichen Antheil ihm die Pflanzenwelt abgewonnen habe;welches besonders die RrsAmens xour un Oiotionimirs äesternaes ä'usaAS eu Lotsirigus vollkommen bestätigen.
So viel sey hier gesagt, um einigermaaßen anzudeuten,was wir ihm in jener Epoche unserer Studien schuldig ge-worden.
Wie er sich nun, befreit von allem nationalen Starrsinn,an die auf jeden Fall vorschreitendeu Wirkungen Linn6s hielt,so dürfen wir auch wohl von unserer Seite bemerken, daß esein großer Vortheil-sey, wenn wir beim Eintreten in ein füruns neues wissenschaftliches Fach es in einer Krise und einenaußerordentlichen Mann beschäftigt finden, hier das Vortheil-hafte durchzuführen. Wir sind jung mit der jungen Methode,unsere Anfänge treffen in eine neue Epoche, und wir werdenin die Masse der Bestrebsamen wie in ein Element aufge-nommen , das uns trägt und fördert.
Und so ward ich mit meinen übrigen Zeitgenossen Linn6sgewahr, seiner Umsicht, seiner alles hinreißenden Wirksamkeit.Ich hatte mich ihm und seiner Lehre mit völligem Zutrauenhingegeben; demuugeachtet mußte ich nach und nach empfinden,daß mich auf dem bezeichneten eingeschlagenen Wege manches,wo nicht irre machte, doch zurückhielt.
Soll ich nun über jene Zustände mit Bewußtseyn deutlichwerden, so denke man mich als einen geborenen Dichter, derseine Worte, seine Ausdrücke unmittelbar an den jedesmaligenGegenständen zu bilden trachtet, um ihnen einigermaaßengenugzuthun. Ein solcher sollte nun eine fertige Terminologiein's Gedächtniß aufnehmen, eine gewisse Anzahl Wörter undBeiwörter bereit haben, damit er, wenn ihm irgend eine Ge-stalt vorkäme, eine geschickte Auswahl treffend, sie zu charakte-ristischer Bezeichnung anzuwenden und zu ordnen wisse. Der-gleichen Behandlung erschien mir immer als eine Art vonMosaik, wo man einen fertigen Stift neben den andern setzt,um aus tausend Eiuzelnheiten endlich den Schein eines Bildeshervorzubringen; und so war mir die Forderung in diesemSinne gcwiffermaaßen widerlich.
Sah ich nun aber auch die Nothwendigkeit dieses Verfahrensein, welches dahin zweckte, sich durch Worte, nach allgemeinerUebereinkunft, über gewisse äußerliche Verkommenheiten derPflanzen zu verständigen, und alle schwer zu leistenden und