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Bildung und Umbildung organischer Naturen.
wenn man, nach großer Bemühung und Anstrengung, sichendlich selbst und die Sache zu verstehen glaubt; es treibt zumWahnsinn, den Irrthum immer wiederholen zu hören, ausdem man sich mit Noth gerettet hat, und peinlicher kann unsnichts begegnen, als wenn das, was uns mit unterrichteten,einsichtigen Männern verbinden sollte, Anlaß giebt einer nichtzu vermittelnden Trennung.
Ueberdieß waren die Aeußerungen meiner Freunde keines-wegs von schonender Art, und es wiederholte sich dem viel-jährigen Autor die Erfahrung, daß man gerade von verschenk-ten Exemplaren Unlust und Verdruß zu erleben hat. Kommtjemanden ein Buch durch Zufall oder Empfehlung in die Hand,er lies't es, kauft es auch wohl; überreicht ihm aber ein Freundmit behaglicher Zuversicht fein Werk, so scheint es, als sey esdarauf abgesehen, ein Geistesübergewicht aufzudringen. Datritt nun das radicale Böse in seiner häßlichsten Gestalt hervor,als Neid und Widerwille gegen frohe, eine Herzensangelegen-heit vertrauende Personen. Mehrere Schriftsteller, die ich be-fragte , waren mit diesem Phänomen der unsittlichen Welt auchnicht unbekannt.
Einen Freund und Gönner jedoch, welcher, während derArbeit so wie nach deren Vollendung, treulich eingewirkt, mußich an dieser Stelle rühmen. Carl von Dalberg war es,ein Mann, der wohl verdient hätte, das ihm angeborene undzugedachte Glück in friedlicher Zeit zu erreichen, die höchstenStellen durch unermüdete Wirksamkeit zu schmücken, und denVortheil derselben mit den Seinigen bequem zu genießen. Mantraf ihn stets rührig, theilnehmend, fördernd, und wenn mansich auch seine Vorstellungsart im ganzen nicht zueignen konnte,so fand man ihn doch im einzelnen jederzeit geistreich über-helfend. Bei aller wissenschaftlichen Arbeit bin ich ihm vielschuldig geworden, weil er das mir eigenthümliche Hinstarrenauf die Natur zu bewegen, zu beleben wußte. Denn er hatteden Muth, durch gewisse gelenke Wortformeln das Angeschautezu vermitteln, an den Verstand heranzubringen.
Eine günstige Recension in den Göttinger Anzeigen,Februar 1791, konnte mir nur halb genügen. Daß ich mitausnehmender Klarheit meinen Gegenstand behandelt, warmir zugestanden; der Recensent legte den Gang meines Ver-trags kürzlich und reinlich dar; wohin es aber deute, war nichtausgesprochen, und ich daher nicht gefördert. Da man mirnun zugab, daß ich den Weg in's Wissen von meiner Seitewohl gebahnt habe, so wünschte ich brünstig, daß man mir vondorther entgegenkäme; denn es war mir gar nichts daran ge-legen, hier irgendwo Fuß zu fassen, sondern so bald als möglichdurch diese Regionen, unterrichtet und aufgeklärt, durchzu-schreiten. Da es aber nicht nach meinen Hoffnungen und Wün-schen erging, so blieb ich meinen bisherigen Anstalten getreu.Herbarien wurden zu diesem Zwecke gesammelt; ich verwahrtesogar manche Merkwürdigkeit in Spiritus, ließ Zeichnungenverfertigen, Kupfertafeln stechen: alles das sollte der Fort-setzung meiner Arbeit zu gute kommen. Der Zweck war, dieHaupterscheinung vor Augen zu bringen, und die Anwendbar-keit meines Vertrags zu bethätigen. Nun ward ich aber unver-hofft in ein höchst bewegliches Leben hingerissen. MeinemFürsten folgte ich, und also dem Preußischen Heer, nach Schle-sien, in die Champagne, zur Belagerung von Mainz. Diesedrei Jahre hinter einander waren auch für mein wissenschaft-
liches Bestreben höchst Vortheilhaft. Ich sah die Erscheinungender Natur in offener Welt, und brauchte nicht erst einen zwirns-fädigen Sonnenstrahl in die finsterste Kammer zu lassen, umzu erfahren, daß Hell und Dunkel Farben erzeuge. Dabei be-merkte ich kaum die unendliche Langeweile des Feldzugs, diehöchst verdrießlich ist, wenn Gefahr dagegen uns belebt undergetzt. Ununterbrochen waren meine Betrachtungen, unaus-gesetzt das Aufzeichnen des Bemerkten, und mir, dem un-schreibfeligen, stand der gute Genius abermals schönschreibendzur Seite, der mir in Carlsbad und früher so förderlich ge-wesen.
Da mir nun alle Gelegenheit entzogen war, in Büchernmich umzusehen, benutzte ich meine Druckschrift gelegentlich,daß ich gelehrte Freunde, welche der Gegenstand interessirte,bittend anging, mir zu Liebe, in ihrem weitverbreiteten Lese-kreis gefällig Acht zu geben, was schon über diese Materie ge-schrieben und überliefert wäre: denn ich war längst überzeugt,es gebe nichts Neues unter der Sonne, und man könne garwohl in den Ueberlieferungen schon angedeutet finden, waswir selbst gewahr werden und denken, oder wohl gar hervor-bringen. Wir sind nur Originale, weil wir nichts wissen.
Jener Wunsch aber ward mir gar glücklich erfüllt, als meinverehrter Freund Friedrich August Wolf mir seinen Namens-vetter andeutete, der längst auf der Spur gewesen, die ich nunauch verfolgte. Welcher Vortheil mir dadurch geworden, weißtsich zunächst aus.
Entdeckung eines trefflichen Vorarbeiters.
1817 .
Caspar Friedrich Wolf, geboren zu Berlin im Jahre1733, studirt zu Halle, promovirt 1759. Seine Dissertation:INeoria ^eusrntionis setzt viele mikroskopische Beobachtungenund ein ernstes, anhaltendes Nachdenken voraus, wie man sievon einem sechsundzwanzigjährigen jungen Manne kaum er-warten darf. Nun prakticirt er in Breslau: lies't zugleich Phy-siologie und andere Collegien im Lazareth daselbst. Nach Berlinberufen, setzt er seine Vorlesungen fort. Er wünscht seinenZuhörern einen vollständigen Begriff von der Generation zugeben, läßt deßhalb 1764 einen deutschen Octavband drucken,dessen erste Abtheilung historisch und polemisch, die zweite dog-matisch und didaktisch ist. Hieraus wird er als Akademiker nachSt. Petersburg versetzt, wo er denn in den Commentarienund Acten von 1767 bis 1792 als ein fleißiger Mitarbeitererscheint. Alle seine Aufsätze beweisen, daß er sowohl seinemStudiengange als seinen Ueberzeugungen durchaus treu ge-blieben, bis an sein Ende, welches 1794 erfolgte. Seine Mit-brüder drücken sich folgendermaaßen über ihn aus.
„Er brachte nach St. Petersburg schon den wohlbefestigtenRuf eines gründlichen Anatomen und tiefsinnigen Physiologen,einen Ruf, den er in der Folge zu erhalten und zu verniehrenwußte, durch die große Zahl trefflicher Aufsätze, welche in denSammlungen der Akademie verbreitet sind: Er hatte sich schonfrüher berühmt gemacht durch eine tief und gründlich gedachteProbeschrift über die Zeugung, und durch den Streit, inwelchen er deßhalb mit dem unsterblichen Haller gerieth, der,ungeachtet ihrer Meinungsverschiedenheit, ihn immer ehrenvollund freundschaftlich behandelte. Geliebt und geschätzt von seinen