Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

Mitgenosien, sowohl seines Wissens als wegen seiner Geradheitund Sanftmuth, verschied er im einundsechzigsten Jahre seinesAlters, vermißt von der ganzen Akademie, bei der er seitsiebenundzwanzig Jahren sich als thätiges Mitglied erwiesenhatte. Weder die Familie noch seine hinterlassenen Papierekonnten irgend etwas liefern, woraus man einigermaaßen eineumständlichere Lebensbeschreibung hätte bilden können. Aberdie Einförmigkeit, in welcher ein Gelehrter einsam und einge-zogen lebte, der seine Jahre nur im Studirzimmer zubrachte,giebt so wenig Stoff zu Biographie, daß wir wahrscheinlichhierbei nicht viel vermissen. Der eigentliche, bedeutende undnützliche Theil vom Leben eines solchen Mannes ist in seinenSchriften aufbewahrt; durch sie wird sein Name der Nachwelt ^überliefert. Also, indem uns eine Lebensbeschreibung abgeht,geben wir das Verzeichniß seiner akademischen Arbeiten, welchesgar wohl für eine Lobrede (bllo^e) gelten kann: denn es läßtmehr als die schönsten Redensarten die Größe des Verlustsempfinden, den wir durch seinen Tod erleiden."

Also schätzte und ehrte eine frenide Naüon öffentlich schonvor zwanzig Jahren unsern trefflichen Landsmann, den eineherrschende Schule, mit der er sich nicht vereinigen konnte,schon früh aus seinem Vaterlands hinausgeschoben hatte, undich freue mich bekennen zu dürfen, daß ich seit mehr als fünf-undzwanzig Jahren von ihm und an ihm gelernt habe. Wiewenig bekannt er jedoch diese Zeit in Deutschland gewesen,zeugt unser so verdienter als redlicher Meckel, bei Gelegenheiteiner Uebersetzung des Aufsatzes über die Bildung desDarmkanals im bebrüteten Hühnchen, Halle 1812.

Möge mir die Parze vergönnen, umständlich darzulegen,wie ich seit so vielen Jahren mit und neben diesem vorzüglichenManne gewandelt, wie ich dessen Charakter, Ueberzeugungund Lehre zu durchdringen gesucht, wie weit ich mit ihm über-einstimmen können, wie ich mich zu fernern Fortschritten an-getrieben fühlte, jedoch ihn immer dankbar im Auge behalten.Gegenwärtig ist nur von feiner Ansicht der Pflanzenverwand-lung die Rede, die er schon in seiner Probeschrist und derendeutscher wettern Ausführung an den Tag legte, am deut-lichsten aber im erstgenannten akademischen Aufsätze zu-sammengefaßt und ausgesprochen hat. Ich nehme daher dieseStellen nach der Mcckelschen Uebersetzung hier daMar aus, undfüge nur wenige Anmerkungen hinzu, um auf dasjenige hinzu-deuten, was ich in der Folge ausführlicher entwickeln möchte.

Caspar Friedrich Wolf

über Pflanzcnbittmilg.

Ich versuchte die meisten Theile der Pflanzen, welche diegrößte Aehnlichkeit mit einander haben, deßhalb leicht verglichenwerden können, die Blätter nämlich, den Kelch, die Blumen-blätter, die Fruchthülle, den Samen, den Stängel, die Wurzelihrer Entstehung nach zu erklären. Da bestätigte sich denn, daßdie verschiedenen Theile, woraus die Pflanzen bestehen, ein-ander außerordentlich ähnlich sind, und deßhalb ihrem Wesenund ihrer Entstehungsweise nach leicht erkannt werden. In derThat bedarf es keines großen Scharfsinnes, um, besonders beigewissen Pflanzen, zu bemerken, daß der Kelch sich von denBlättern nur wenig unterscheidet und, um es kurz zu sagen,nichts als eine Sammlung mehrerer kleinerer und unvoll-kommener Blätter ist. Sehr deutlich sieht man dieß bei mehrern

jährigen Pflanzen mit zusammengesetzten Blumen, wo dieBlätter allmählig desto kleiner, unvollkommener und zahlreicherwerden, und desto näher an einander rücken, je höher sie amStamme stehen, bis endlich die letzten, unmittelbar unter derBlume befindlichen, äußerst klein und dicht zusammengedrängt,die Blätter des Kelches darstellen und, zusammengenommen,den Kelch selbst bilden.

Nicht weniger deutlich ist auch die Fruchthülle aus mehrernBlättern zusammengesetzt, nur mit dem Unterschiede, daß dieBlätter, welche im Kelche bloß zusammengedrängt sind, hiermit einander verschmelzen. Die Richtigkeit dieser Meinung be-weist nicht bloß das Aufspringen mehrerer Samenkapseln unddas freiwillige Zerfallen derselben in ihre Blätter, als in dieTheile, woraus sie zusammengesetzt sind, sondern schon diebloße Betrachtung und die äußere Ansicht der Fruchthülle.Endlich sind selbst die Samen, ungeachtet sie auf den erstenAnblick nicht die geringste Aehnlichkeit mit Blättern haben, dochin der That wieder nichts als verschmolzene Blätter: denn dieLappen, in welche sie sich spalten, sind Blätter, aber unterallen der ganzen Pflanze am unvollkommensten entwickelt, un-förmlich, klein, dick, hart, saftlos und weiß. Jeder Zweifel ander Richtigkeit dieser Behauptung wird gehoben, wenn mansieht, wie diese Lappen, sobald der Samen der Erde anver-traut wird, damit die in der mütterlichen Pflanze unterbrocheneVegetation fortgesetzt werde, sich in die vollkommensten grünen,saftigen Blätter, die sogenannten Samenblätter, umwandeln.Daß aber auch die Blumenkrone und die Staubgefäße weiternichts als modificirte Blätter sind: wird aus einzelnen Beob-achtungen wenigstens sehr wahrscheinlich. Man sieht nämlichnichtselten die Blätter des Kelches in Blumenblätter, und umgekehrtdiese in Kelchblätter übergehen. Wenn nun die Kelchblätterwahre Blätter, die Blumenblätter aber nichts als Kelchblättersind, so ist es wohl keinem Zweifel unterworfen, daß auch dieBlumenblätter modificirte wahre Blätter sind. Auf ähnlicheWeise sieht man auch in den Linn6schcn Polyandristen dieStaubfäden häufig sich in Blumenblätter verwandeln, unddadurch gefüllte Blumen bilden, umgekehrt aber Blumenblätterin Staubfäden übergehen, woraus sich wieder ergiebt, daßauch die Staubgefäße ihrem Wesen nach eigentlich Blätter sind.Mit Einem Worte, in der ganzen Pflanze, deren Theile ausden ersten Anblick so außerordentlich von einander abweichen,sieht man, wenn man alles reiflich erwägt, nichts als Blätterund Stängel, indem die Wurzel zu diesem gehört. Diese sinddie nächsten unmittelbaren und zusammengesetzten Theile der-selben; die entfernten und einfachen, woraus diese wieder ge-bildet werden, sind Gesäße und Bläschen.

Wenn also alle Theile der Pflanze, den Stängel ausge-nommen, auf die Form des Blattes zurückgeführt werdenkönnen und nichts als Modifikationen derselben sind, so ergiebtsich leicht, daß die Generationstheorie der Pflanzen nicht sehrschwer zu entwickeln ist, und zugleich ist der Weg bezeichnet,den man einschlagen muß, wenn man diese Theorie liefern will.Zuerst muß durch Beobachtungen ausgemittelt werden, aufwelche Weise die gewöhnlichen Blätter sich bilden oder, wasgleichbedeutend ist, wie die gewöhnliche Vegetation vor sich geht,auf welchen Gründen sie beruht und durch welche Kräfte siewirklich wird? Ist man hierüber im Reinen, so müssen dieUrsachen, die Umstände und Bedingungen erforscht werden,