Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

(Abhandlungen der Naturforschcnden Gesellschaft in Halle, H. 1.1809). Auch Laurenz Oken führte die Metamorphose inseiner Naturphilosophie weiter aus.")

(In demselben Jahre (1818) findet sich in der ZeitschriftIsis ein Aufsatz, S. 991, der wahrscheinlich Nees von Esen-beck zum Verfasser hat; er ist überschrieben:Von der Meta-morphose der Botanik," und tritt, geschichtlich den Gegen-stand einleitend, mit den Worten auf:TheoPhrastoS warSchöpfer der neuern Botanik, Goethe ist ihr ein freund-licher, milder Vater geworden, zu dem die Tochter, menschlichempfindend und liebend, in wohlgebildeter Leiblichkeit immerzärtlicher die Augen aufschlagen wird, je mehr sie, den erstenKinderjahren entwachsen, den Werth ihres eigenen schönenDaseyns und der väterlichen Pflege erkennen lernt.

I. W. von Goethes Versuch, die Metamorphoseder Pflanzen zu erklären. Gotha. Bei Ettinger.1790. 86 S. 8. wird uns jetzt noch näher an's Herz gelegtdurch das erste Heft einer neuen periodischen Folge von wissen-schaftlichen Abhandlungen, unter dem gemeinschaftlichen Titel:Zur Naturwissenschaft überhaupt rc.")

(Dr. H. F. Autenrieth: Dis>puisitio Hussstiorüs scs-clemiose cks ckiseriiuius sexuslis zsm in sewiuidus plsu-turum äiosoisruiu axpsrsnte, xrseiuio re^is Ornats.TubinAse. 1821. 4. kennt die Metamorphosenlehre und be-rührt sie S. 29, indem er sagt:Die Art, wie in der Pflanzedes Hanfes die Zeugungstheile der beiden Geschlechter gebildetsind, trifft mit dem völlig zusammen, was Goethe schon vor-mals ausgesprochen hat, und ich habe daher geglaubt anführenzu müssen, daß ich sowohl die Antheren als die Samen mitihren Stempeln aus den Kelchblättern habe entstehen sehen.")

( 1822.1

Auch darf ich mein dankbares Anerkennen nicht verschweigeneiner Stelle, die ich in den Ergänzungsblättern zurJenaischen Literaturzeitung Nr. 47, 1821, las:

Nees von Esenbecks Handbuch der Botanik schließt sich anGoethes, Steffens', Schelvers, Okens, Kiefers, Wilbrandsbotanische Bestrebungen an: denn diese Männer zeugen, jederauf seine^Weise, von dem nämlichen Geiste. Wer möchte aberhier ängstlich untersuchen wollen, was darin diesem oder jenemgehöre, oder wer gar, die gewonnene Erkenntniß, wie einenäußern todten Besitz behandelnd, eigensüchtig sein Recht derPriorität geltend machen wollen, da ja jeder vielmehr dem all-gemeinen Lenker zu danken hat, wenn dieser in unsern Tagenviele in dieselbe Schule geführt, und das stille Zusammenwirkenverschiedener Gemüther zu Einem Ziele unserer Zeit zur un-schätzbaren Mitgäbe verlieh!"

Durch einen solchen, zur Einigkeit bei Behandlung desAechten und Wahren rathenden und dringenden Ausruf wirddie Erfüllung der Wünsche, die ich unter dem Titel: MeteoredesliterarischenHimmels(S. Bd. XXX.) ausgesprochen,vorbereitet und, möge der gute Genius wollen! ganz nahegebracht.

So wie es keine Glaubensgenossen geben kann ohne Ent-sagung beschränkter Eigenheit, obgleich jeder seine Individua-lität beibehält, eben so wenig kann in der höhern Wissenschaftlebendig zusammengewirkt und die eigentliche Verfassung derNaturstadt Gottes erkannt und, in sofern wir darin eingreifen,geregelt werden, wenn wir nicht als Bürger unsern Eigenheitenpatriotisch entsagen und uns in's Ganze dergestalt versenken,daß unser thätigster, einzelner Antheil innerhalb dem Wohl desGanzen völlig verschwinde, und nur künftig wie verklärt inGesellschaft mit tausend andern der Nachwelt vorschwebe.

Ferner darf ich nicht verschweigen, wie bedeutend mir eineRecension gewesen, welche über Wenderoths Lehrbuchder Botanik in den Göttinger Anzeigen, 22. Stück, 1822,sich findet.

Referent, nachdem er die Schwierigkeiten bemerkt, in einemLehrbuche der Botanik ideelle und reelle Pflanzenkunde zu über-liefern, eilt, auf den Hauptpunkt zu kommen, welcher nachseiner Ueberzeugung die Quelle des zu rügenden Schwankensfast aller neuern Werke über allgemeine Botanik seyn möchte.

Es kommt nämlich darauf an, ob wir die Pflanze in ihrerlebendigen Metamorphose, als ein Etwas, das nur im geregel-ten Wechsel Bestand hat, verfolgen, oder ob wir sie als einBeharrliches und folglich Todtes in irgend einem oder einigenweit aus einander liegenden Zuständen auffassen und festhaltenwollen. Die Wahl ist entscheidend. Wer sich mit Linus sür'sletztere erklärt, geht am sichersten; wer sich «der einmal in denUmlauf der Metamorphose einläßt, darf nicht mehr stillstehenoder gar zurückschreiten. Von dem ersten Bläschen an, worausPilz und Alge, wie das Samenkorn der höchsten Pflanze her-vorgeht , muß er den Gang der Entwicklung verfolgen. Diehöhern Organe der Pflanzen darf er nicht von Wurzel undStäugel, sondern einzig und allein aus dem Knoten ableiten,aus dem auch Wurzel und Stängel erst geworden. Die ganzePflanze darf er nicht als Object der Anschauung so geradezu fürein Individuum nehmen, sondern nachforschen, wie dieselbedurch allmählige Reihung eines Knoten an den andern, derenjeder das Vermögen hat, unter Umständen selbstständig zuvegetiren, zu der Gesammtform gelangte. Daraus geht dannein bestimmter genetischer Begriff der Species im Pflanzenreich,welchen viele beinahe aufgegeben, weil sie ihn aus anderm Wegevergebens gesucht, gleichsam von selbst hervor; und die Kritikder in unserer Zeit so oft behaupteten und bestrittenen Ver-wandlungen einer Pflanze in die andere, welche der Natur-forscher, ohne aller Gewißheit zu entsagen, nicht einräumendarf, gewinnt wieder einen festen Boden."

Hier möchte ich nun nach meiner Weise noch folgendesanfügen. Die Idee ist in der Erfahrung nicht darzustellen,kaum nachzuweisen; wer sie nicht besitzt, wird sie in der Er-scheinung nirgends gewahr; wer sie besitzt, gewöhnt sich leicht, überdie Erscheinung hinweg, weit darüber hinauszusehen, und kehrtfreilich nach einer solchen Diastole, um sich nicht zu verlieren,wieder an die Wirklichkeit zurück, und verfährt Wechselsweisewohl so sein ganzes Leben. Wie schwer es sey auf diesem Wegefür Didaktisches oder wohl gar Dogmatisches zu sorgen, ist demEinsichtigen nicht fremd.

Die Pflanzenkunde steht als gelehrtes Wissen künstlich-