Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bilkung und Umbildung organischer Naturen.

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methodisch, als Knnstpflege erfahrungsgemäß - praktisch sicherauf ihren Füßen; von beiden Seiten wird niemand für siebange. Da nun aber auch die Idee unaufhaltsam hereinwirkt,so muß der Lehrvortrag immer schwieriger werden, worinwir den vorstehenden Aeußerungen des unbekannten Freundesund Mitarbeiters vollkommen beipflichten; nicht weniger dieHoffnung, die er uns am Ende giebt, sehr gerne hegen undPflegen.

Lebens- und Formgeschichte der Pflanzenwelt vonSchelver.isrr.

Den Wünschen und Hoffnungen, die wir bezüglich aufPflanzenkunde, deren Begründung, Mittheilung, Ueberliefe-rung deutlich ausgesprochen, kommt hier unser alter Freundund Studiengenoffe auf das vollständigste entgegen. Mag esseyn, daß eine vor zwanzig Jahren persönlich eingeleitete unddann im Stillen immerfort geführte Wechselwirkung und Bil-dung mir dieses Buch verständlicher, annehmlicher, eingreifendermacht als vielleicht andern, genug, mich hat eine solche Gabehöchlich erfreut und meinen Glauben an lebendig dauernde Ver-hältnisse, bei fortschreitender Entwicklung beider Theile, aber-mals gestärkt.

Wer das Büchlein in die Hand nimmt, lese zuvörderst dasdritte Hruptstück über das Studium der Botanik Seite 78.

Ihm wird der schöne Gedanke entgegentreten, daß jedesWissen, wie es sich im Menschengeschlecht manifestirt, jederTrieb zur Erkenntniß und zur Thätigkeit als ein Lebendigesanzusehen sey, schon alles enthaltend, was es in weltgeschicht-licher Folge sich zueignen und aus sich selbst entwickeln werde.

Hier also steht Bemerken und Aufmerken, Erblicken undBeschauen, Erfahren und Betrachten, Sammeln und Zurecht-stellen, Ordnen und Ueberschauen, Einsicht und Geisteser-bebung, Fülle und Methode in stets lebendigem Bezug. DasErste hat Anspruch, zugleich das Letzte, das Unterste dasOberste, das Roheste das Zarteste zu werden, und wenn zueiner solchen Steigerung Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausendenöthig sind, so wird die Betrachtung derselben nur um destowürdiger und werther; aber auch um so freier von Vorurtheilwill sie gehalten seyn. Alles, was gethan und geleistet wor-den, es sey noch so gering, behält seinen Werth; alles, wasempfunden und gedacht worden, tritt in seine Würde, undalles, wie es in's Leben trat, bleibt in der Geschichte neben undnach einander bestehend und lebendig.

Auf diese Weise können wir unsere Vorgänger überschreiten,ohne sie zu verdunkeln, mit Gleichzeitigen wetteifern, ohne siezu verletzen; ja es wäre vielleicht kein Traum, zu hoffen, daßalle, wenn sie nur den Standpunkt recht faßten, einander indie Hände arbeiten könnten. Warum soll ein ideelles Vor-wärtSdringen, als wenn man mit Adlerauge und Schwingesich über die Atmosphäre erheben wollte, nicht auch dasjenigeBemühen zu schätzen wissen, welches in feuchten Erdregionenverweilt und ein Auge waffnet, um das Unendliche im Kleinenzu finden!

Ein Aufsatz unseres Verfassers, in eben diesem Sinne ge-schrieben: Die Aufgabe der höhern Botanik, findetsich in dem zweiten Theil des zehnten Bandes der neuen Acten

der Leopoldinisch-Carolinischen Akademie, Bonn 1821, einemvorzüglich ausgestatteten Volum, von dessen Mittheilung wirschon in kurzer ^eit viel Vortheil gezogen.

Dr. Ernst Meyer, gegenwärtig Ordinär-Professor ander Universität zu Königsberg und Director des dortigen bota-nischen Gartens, ein in dieser Angelegenheit früh erworbenerFreund, dessen schon eher hätte gedacht werden sollen, hieraber auf Veranlassung der Jahreszahl nicht unzeitig geschieht.

Das Glück seines persönlichen Umgangs ist mir nie gewor-den, aber eine einstimmende Theilnahme förderte mich schonseit den ersten Jahren.

Von einem solchen Wechselsweisen Vertrauen möge genüg-sames Zeugniß folgende Nachweisung geben. Man sehe:Goethe, zur Naturwifsenschast, besonders zur Morphologie,im ersten Hefte des zweiten Bandes 1822.

Hier wird man auf der 28. Seite Probleme finden, bezüg-lich auf Organisation überhaupt und auf vegetabilische insbe-sondere, welche fragweise der Herausgeber seinem einsichtigenFreunde zutraulich vorlegte. Sodann folgt auf der 31. Seiteeine sinnvolle Erwiederung des geschätzten Mannes. Beider-seitige Aeußerungen möchten auch wohl fernerhin als Betrach-tungen aufregend und vicldeutend angesehen werden. (Sieheim 30. Bd. den Aufsatz: Probleme und Erwiederung.)

Gedachter Freund hat übrigens, ohne in Schriften derMetamorphose ausdrücklich und umständlich zu erwähnen, seitJahren durch reine Lehre und eifrige Fortpflanzung höchlich ge-fördert. Einen Beweis davon giebt nachstehendes bedeutende,von einem seiner Hörer ausgegangene Werk, dessen wir mitVergnügen zu erwähnen haben.

*RLpers Luuureratio klupüordisruua ist eine derseltenen Schriften, die wenig von Metamorphose reden, ihrenGegenstand aber ganz der Idee derselben gemäß behandeln, unddadurch bei Andersgesinnten um so leichter Eingang finden.Auch war der Stoff einer solchen Behandlung vor andern fähig.Schon Richard, der wahre Verfasser von Michaux's klarnLoresli-^wericsus, hatte in diesem Werke gezeigt, daß das,was Linus als einzelne Blume der Euphorbien betrachtete, sichauch als Blüthenstand oder blos eompositus bewachten lasse,das vermeinte Pistill als centrale weibliche Blume, die angeb-lich gegliederten Stamina als ein Berticill gestielter einmän-niger männlicher Blumen, die Corolle als Jnvolucrum u. s. w.Durch Vergleichung mit dem Bau und der Entwicklungsartverwandter Gattungen suchte später Robert Brown, ingleichenRöper, vornehmlich durch Benutzung zahlreicher, höchst merk-würdiger Mißbildungen, jene Ansicht zu bestätigen. *

(In dem Jahre 1823 erhielten wir ein vorzügliches Werk:I.. 8. k'ieälseuäsri äs institutioue lueäisi-usiu lidri äuo, tirouuiu atgus seüolsrum esuss eäiti.Unter den geistvollen Anweisungen zum gründlichen medicini-schen Studium widmete er auch der Botanik mehrere Para-graphen und sagt Seite 102 im 62.:Das Wachsthum derPflanze zeigt also nichts völlig Freies oder Willkürliches, sondern