Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

den bedeutendsten Antheil an dem Wülstchen der Sensitive hat, !nmgiebt eine Mitte, die durch einen Röhrenbündel gebildetwird. Es war bedeutend zu erfahren, welcher der beiden Theiledas eigentliche Organ der Bewegung sey; das Parenchym warweggenommen, das Blatt fuhr fort zu leben, aber es hatte dieFähigkeit verloren, sich zu bewegen. Diese Erfahrung zeigtalso, daß in dem Rindentheil der Aufblähung die Beweglich-keit vorhanden ist, welche man, wenigstens durch ihre Functio-nen, dem Muscularsystem der Thiere vergleichen kanu. >Herr Dutrochet hat überdieß erkannt, daß kleine, hiervonabgeschnittene Theile, in's Wasser geworfen, sich auf die Weisebewegen, daß sie eine krumme Linie beschreiben, deren tiefeSeite jederzeit sich nach dem Mittelpunkte des Wülstchensrichtet. Diese Bewegung belegt er mit dem allgemeinen Namender Jncurvation, welche er ansieht als das Element allerBewegungen, welche in den Vegetabilien, ja in den Thierenvorgehen. Diese Jncurvation zeigt sich übrigens auf zwei ver-schiedene Weisen; die erste nennt der Verfasser oscillirendeJncurvation, also benannt, weil sie einen Wechsel von Beugungund Anziehung bemerken läßt; die zweite aber die fixeJncurvation, welche keinen solchen Wechsel von Bewegungenzeigt; jene ist die, die man in der Sensitive bemerkt, unddiese bemerkt man in den Brillen und in den schlängeligenStängeln der Convolveln, der Klematis, der Bohnen u. s. w.Aus diesen Beobachtungen schließt Herr Dutrochet, daß dieReizbarkeit der Sensitive aus einer vitalen Jncurvation ihrenUrsprung nehme."

Vorstehende, diese Angelegenheit immer mehr in's Klaresetzende Aeußerungen kamen mir dennoch später zur Kenntniß,als ich schon an den viel weiter schauenden Ansichten unserestheuern Ritter von Martins lebhaften Antheil genommenhatte. In zweien nach Jahresfrist auf einander folgenden Vor-lesungen hatte er in München und Berlin sich umständlich unddeutlich genug hierüber erklärt. Ein freundlicher Besuch des-selben, als er von dem letztem Orte zurückkam, gewährte mirin dieser schwierigen Sache eine mündliche Nachmessung, welchesich durch charakteristische, wenn schon flüchtige Zeichnung nochmehr in's Klare setzte. Die in der Isis, Jahrgang 1828und 1829, abgedruckten Aufsätze wurden mir nun zugänglicher,und die Nachbildung eines an jenem Orte vorgewiesenenModells ward mir durch die Geneigtheit des Forschers, undzeigte sich zur Versinnlichung, wie Kelch, Krone'und die Be-fruchtungswerkzeuge entstehen, höchst dienlich.

Auf diese Weise war die wichtige Angelegenheit auf denWeg einer praktisch-didaktischen Ausarbeitung und Anwendunggeführt, und wenn der immer fortschreitende Mann, wie ermir vertrauen wollen, um die Anfänge einer solchen allgemeinenTendenz zu entdecken, sich bis zu den ersten Elementen derWissenschaft, zu den Akotyledonen gewendet hat, so werdenwir den ganzen Umfang der Lehre, von ihm ausgearbeitet,nach und nach zu erwarten haben.

Ich erlaubte mir indessen, nach meiner Weise, in dermittlern Region zu verharren, und zu versuchen, wie durchallgemeine Betrachtung der Anfang mit dem Ende und das

Erste mit dem Letzten, das Längstbekannte mit dem Neuen,das Feststehende mit dem Zweifelhaften in Verbindung zubringen sey. Für diesen Versuch darf ich wohl, da er nichtabzuschließen, sondern bloß zu fördern die Absicht hat, denAntheil der edlen Naturforscher mir erbitten.

Wir mußten annehmen, es walte in der Vegetation eineallgemeine Spiraltendenz, wodurch, in Verbindung mit demverticalen Streben, aller Bau, jede Bildung der Pflanzen,nach dem Gesetze der Metamorphose, vollbracht wird.

Die zwei Haupttendenzen also, oder wenn man will, diebeiden lebendigen Systeme, wodurch das Pflanzenleben sichwachsend vollendet, sind das Verticalsystem und das Spiral-system; keins kann von dem andern abgesondert gedacht werden,weil eins durch das andere nur lebendig wirkt. Aber nöthig istes zur bestimmten! Einsicht, besonders aber zu einem deutlichernVortrag, sie in der Betrachtung zu trennen, und zu untersuchen,wo eins oder das andere walte; da es denn bald, ohne seinenGegensatz zu überwältigen, von ihm überwältigt wird oder sichin's Gleiche stellt, wodurch uns die Eigenschaften dieses un-zertrennlichen Paares desto anschaulicher werden müssen.

Das Verticalsystem, mächtig, aber einfach, ist dasjenige,wodurch die offenbare Pflanze sich von der Wurzel absondertund sich in gerader Richtung gegen den Himmel erhebt; es istvorwaltend bei Monokotyledonen, deren Blätter schon sich ausgeraden Fasern bilden, die unter gewissen Bedingungen sichleicht von einander trennen und als starke Fäden zu mancherleiGebrauch haltbar sind. Wir dürfen hier nur des rüormiuintsnsx gedenken; und so sind die Blätter der Palme durch-gängig aus geraden Fasern bestehend, welche nur in frühesterJugend zusammenhängen, nachher aber, den Gesetzen der Meta-morphose gemäß, in sich selbst getrennt und durch fortgesetztesWachsthum vervielfältigt erscheinen.

Aus den Blättern der Monokotyledonen entwickeln sichöfters unmittelbar die Stängel, indem das Blatt sich aufblähtund zur hohlen Röhre wird, alsdann aber tritt an der Spitzedesselben schon die Achsenstellung dreier Blattspitzeu und alsodie Spiraltendenz hervor, woraus sodann der Blumen- undFruchtbüschel sich erhebt, wie solcher Fall im Geschlechte derAllien sich ereignet.

Merklich jedoch ist die Verticaltendenz auch über die Blumehinaus, und des Blüthen- und Fruchtstandes sich bemächtigend.Der geradaufsteigende Stängel der Oalla A.etI>iopicL zeigtoben seine Blattnatur zugleich mit der Spiraltendenz, indemsich die Blume einblättrig um die Spitze windet, durch welchejedoch die blüthen- und fruchttragende Säule vertical hervor-wächs't. Ob nun um diese Säule, nicht weniger um die des^rura, des Mais und anderer, sich die Früchte in spiralerBewegung an einander schließen, wie es wahrscheinlich ist,möge fernerweit untersucht werden. Aus alle Fälle ist dieseColumnartendenz als Abschluß des Wachsthums wohl zu be-achten.

Denn wir treffen, indem wir uns bei den Dikotyledonenumsehen, diese Verticaltendenz, wodurch die successive Entwick-lung der Stängelblätter und Augen in einer Folge begünstigt