Bildung und Umbildung organischer Naturen.
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wird, mit dem Spiralsystem, wodurch die Fructification abge-schlossen werden sollte, im Conflict; eine durchgewachsene Rosegiebt hievon das schönste Zeugniß.
Dagegen haben wir eben in dieser Classe die entschiedenstenBeispiele von einer durchgesetzten Derticaltendenz und mög-lichster Beseitigung der gegentheiligen Einwirkung. Wir wollennur von dem gewöhnlichsten Lein reden, welcher durch die ent-schiedenste Verticalbildung sich zur allgemeinen Nutzbarkeitqualificirt. Die äußere Hülle und der innere Faden steigenstracks und innig vereint hinauf; man gedenke, welche Mühees kostet, eben diese Spreu vom Faden zu sondern, wie unver-weslich und unzerreißbar derselbe ist, wenn die äußere Hülle,selbst mit dem größten Widerstreben, den durch die Natur be-stimmten Zusammenhang aufgeben soll. Zufällig hat sich dasRösten der Pflanze einen ganzen Winter unter dem Schneefortgesetzt, und der Faden ist dadurch nur schöner und dauer-hafter geworden.
Ueberhaupt aber, was braucht es mehr Zeugniß, da wirja unser ganzes Leben hindurch von Leinwand umgeben sind,welche durch Waschen und Wiederwaschen, durch Bleichen undWiederbleichen endlich das elementare Ansehen reiner irdischerMaterien als ein blendendes Weiß gewinnt und wieder gewinnt.
Hier nun auf dem Scheidepunkte, wo ich die Betrachtungder Verticaltendenz zu verlassen und mich zu der Spirale zuwenden gedenke, begegnet mir die Frage, ob die alterne Stel-lung der Blätter, die wir an dem emporwachsenden Stängelder Dikotyledonen bemerken, diesem oder jenem System ange-höre? Und ich will gestehen, daß mir scheine, als ob sie jenem,dem Verticalsystem, zuzuschreiben sey, und daß eben durch dieseArt des Hervorbringens das Streben nach der Höhe in senk-rechter Richtung bewirkt werde. Diese Stellung nun kann ineiner gewissen Folge, unter gegebenen Bedingungen und Ein-flüssen, von der Spiraltendenz ergriffen werden, wodurch aberjene unbeständig erscheint und zuletzt gar unmerklich wird, javerschwindet.
Doch wir treten nun auf den Standpunkt, wo wir dieSpiraltendenz ohne weiteres gewahr werden.
Ob wir gleich oben die so viel beobachteten Spiralgefäße zubetrachten abgelehnt haben, ob wir sie gleich als Homoiomerienoder das Ganze verkündende und constituirende Theile zuschätzen wußten, so wollen wir doch hier nicht unterlassen, derelementaren, mikroskopischen Pflanzen zu gedenken, welche alsOscillarien bekannt und uns durch die Kunst höchst vergrößertdargestellt worden: sie erweisen sich durchaus schraubenförmig,und ihr Daseyn und Wachsthum in solcher merkwürdigen Be-wegung, daß man zweifelhaft ist, ob mau sie nicht unter dieThiere zählen solle. Wie denn die erweiterte Kenntniß undtiefere Einsicht in die Natur uns erst vollkommen von demallen vergönnten gränzenlosen und unverwüstlichen Leben einentschiedeneres Anschauen gewähren wird; daher wir dennoberwähntem Beobachter gar gerne glauben wollen, daß diefrische Rinde einer Nessel ihm eine besondere spirale Bewegungangedeutet habe.
Um uns nun aber zur eigentlichen Spiraltendenz zu wenden,so verweisen wir auf obiges, was von unserm Freunde vonMartins ausgeführt worden, welcher diese Tendenz in ihrer
Machtvollkommenheit als Abschluß des BlüthenstandeS dar-gestellt, und begnügen uns, einiges hierher Gehörige, theils aufdas Allgemeine theils auf das Intermediäre bezüglich, beizu-bringen, welches methodisch vorzutragen erst künftigen denken-den Forschern möchte anheimgegeben seyn.
Auffallend ist das Uebergewicht der Spiraltendenz bei denConvolveln, welche von ihrem ersten Ursprung an, wedersteigend noch kriechend, ihre Existenz fortsetzen können, sonderngenöthigt sind, irgend ein Geradaussteigendes zu suchen, woransie, immer fort sich windend, hin in die Höhe klimmen können.
Gerade aber diese Eigenschaft giebt Gelegenheit, unsernBetrachtungen durch ein sinnliches Beispiel und Gleichniß zuHülfe zu kommen.
Mau trete zur Sommerzeit vor eine im Gartenboden ein-gesteckte Stange, an welcher eine Winde von unten an, sichfortschlängelnd, in die Höhe steigt, sich festanschließend, ihrlebendiges Wachsthum verfolgt. Mau denke sich nun Con-volvel und Stange, beide gleich lebendig, aus Einer Wurzelaufsteigend, sich Wechselsweise hervorbringend, und so unauf-haltsam fortschreitend. Wer sich diesen Anblick in ein inneresAnschauen verwandeln kann, der wird sich den Begriff sehr er-leichtert haben. Die rankende Pflanze sucht das außer sich, wassie sich selbst geben sollte und nicht vermag.
Das Spiralsystem ist für den ersten Anblick offenbarer inden Dikotyledonen. Solches in den Monokotyledonen undweiter hinab aufzusuchen bleibt vorbehalten.
Wir haben die rankende Convolvel gewählt. Gar manchesandere dergleichen wird sich finden.
Nun sehen wir jene Spiraltendenz in den Gäbelchen, inden Brillen.
Diese erscheinen auch wohl an den Enden zusammen-gesetzter Blätter, wo sie ihre Tendenz, sich zu rollen, gar wohlmanifestiren.
Die eigentlichen, völlig blattlosen Brillen sind als Zweigeanzusehen, denen die Solidescenz abgeht, die, voll Saft undbiegsam, eine besondere Irritabilität zeigen.
Brille der Passionsblume, sich für sich selbst zusammen-rollend.
Andere müssen durch äußern Reiz angeregt und aufgefor-dert werden.
Mir ist der Weinstock das höchste Musterbild.
Mansche, wie die Gäbelchen sich ausstrecken, von irgendwoher eine Berührung suchend; irgendwo angelehnt, fassensie, klammern sie sich an.
Es sind Zweige, dieselbigen, welche Trauben tragen.
Einzelne Beeren findet man wohl an den Böcklein.
Merkwürdig ist es, daß der dritte Knoten an der Wein-ranke keine Brille hervorbringt; wohin das zu deuten sey, istuns nicht klar geworden.
Die Spiralgefäße betrachten wir als die kleinsten Theile,welche dem Ganzen, dem sie angehören, vollkommen gleichsind und, als Homoiomerien angesehen, ihm ihre Eigenheitenmittheilen, und, von demselben wieder Eigenschaft und Bestim-mung erhalten. Es wird ihnen ein Selbstleben zugeschrieben,