Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

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und brauchbar zu trennen; und dieß gilt auch von Seiten derScheite des ältern Holzes, welches zu Dauben oder sonst ver-braucht wird; denn bei Trennung desselben müssen Keile vonEisen angewendet werden, die das Holz mehr schneiden alsspalten; sonst wird es unbrauchbar.

Daß das Wetter, Wind, Regen, Schnee große Einwirkungaus die Entwicklung der Spiralbewegung haben mag, gehtdaraus hervor, daß eben diese Reifbirken, aus dem Dickichtgeschlagen, weit weniger der Spiralbewegung unterworfen sindals die, so einzeln und nicht durch Gebüsch und größere Bäumestehen.

Herr Oberlandjägermeister von Fritsch äußerte EndeAugust in Ilmenau, als die Spiraltendenz zur Sprache kam,daß unter den Kiefern Fälle vorkämen, wo der Stamin vonunten bis oben eine gedrehte, gewundene Wirkung annehme;man habe geglaubt, du man dergleichen Bäume an der Brahnegefunden, eine äußere Wirkung durch heftige Stürme sey dieVeranlassung; man finde aber dergleichen auch in den dichtestenForsten, und es wiederhole sich der Fall nach einer gewissenProportion, so daß man ein bis etwa anderthalb Procent imganzen das Vorkommen rechnen könnte.

Solche Stämme würden in mehr als Einer Hinsicht beachtet,indem das Holz derselben nicht wohl zu Scheiten geschnitten,in Klaftern gelegt werden könnte, auch ein solcher Stamm zuBauholz nicht zu brauchen sey, weil seine Wirkung iinmer fort-dauernd durch ein heimliches Drehen eine ganze Contignationaus ihren Fugen zu rücken die Gewalt habe.

Aus dem Vorigen erhellt, daß während dem Austrocknendes Holzes die Krümmung sich fortsetzt, und sich bis zu einemhohen Grade steigert, wie wir im Folgenden gar manche durchVertrocknung zuerst entstehende und sichtbar werdende Spiral-bewegung erkennen werden.

Die vertrockneten Schoten des Tstll^rus tureus, nachvollkommen abgeschlossener Reife der Frucht, springen auf, undrollen sich jede nach auswärtser Richtung streng zusammen.Bricht man eine solche Schote auf, ehe sie vollkommen reif ist,so zeigt sich gleichfalls diese Schraubenrichtung, nur nicht sostark und nicht so vollkommen.

Die gerade Richtung ähnlicher Pflanzentheile wird verschie-dentlich gleichermaaßen abgelenkt. Die Schoten der im feuchtenSommer wachsenden Schwertbohnen sangen an sich zu winden,einige schneckenartig, andere in vollkommener Spirale.

Die Blätter der Italiänischen Pappel haben sehr zarte,straffe Blattstiele. Diese, von Jnsecten gestochen, verlierenihre gerade Richtung und nehmen die Spirale alsobald an, inzwei oder auch mehrern Windungen.

Schwillt das Gehäus des eingeschlossenen Jnsects hiernachauf, so drängen sich die Seiten des erweiterten Stiels dergestaltan einander, daß sie zu einer Art von Vereinigung gelangen.Aber an diesen Stellen kann man das Nest leicht aus einanderbrechen, und die frühere Gestaltung des gewundenen Stielsgar wohl bemerken.

kappus am Samen des Lrockiuiu Aruinuna, der biszur völligen Reife und Vertrocknung vertical an der Stütze,

um welche die Samen versammelt sind, sich strack gehalten,nunmehr aber sich schnell elastisch ringelt und sich dadurch selbstumherwirft.

Wir haben zwar abgelehnt, von den Spiralgefäßen alssolchen besonders zu handeln, finden uns aber doch genöthigt,noch weiter zu der mikroskopischen Elementarbotanik zurückzu-gehen und an die Oscillarien zu erinnern, deren ganzeExistenz spiral ist. Merkwürdiger vielleicht sind noch die unterden Namen Kulmseis aufgeführten, wo die Spirale aus lautersich berührenden Kügelchen besteht.

Solche Andeutungen muffen aus's leiseste geschehen, umuns an die ewige Congruenz zu erinnern.

Wenn man die Stiele des Löwenzahns an einem Endeaufschlitzt, die beiden Seiten des hohlen Röhrchens sachte voneinander trennt, so rollt sich jede in sich nach außen, und hängtin Gefolg dessen als eine gewundene Locke spiralförmig zugespitztherab; woran sich die Kinder ergehen und wir dem tiefstenNaturgeheimniß näher treten.

Da diese Stängel hohl und saftig sind, folglich ganz alsSplint angesehen werden können, die Spiraltendenz aber demSplint als dem lebendig Fortschreitenden angehört, so wirduns hier zugleich mit der stracksten verticalen Richtung noch dasverborgenste Spiralbestreben vor die Augen gebracht. Vielleichtgelänge es durch genauere, auch wohl mikroskopische Behand-lung das Verflechten der Vertical- und Spiraltextur näherkennen zu lernen.

Ein glückliches Beispiel, wie beide Systeme, mit denen wiruns beschäftigen, sich neben einander höchst bedeutend entwickeln,giebt uns die VsIliAnei-is, wie wir solche aus den neuestenUntersuchungen des Custoden am Königlichen botanischen Gartenzu Mantua, Paolo Barbiert, kennen lernen. Wir gebenseinen Aussatz auszugsweise übersetzt, mit unsern eingeschaltetenund angefügten Bemerkungen, in sofern wir den beabsichtigtenZwecken dadurch näher zu treten hoffen.

Die VsUisueiis wurzelt im Grunde eines nicht allzutiefenstehenden Wassers; sie blüht in den Monaten Juni, Juli undAugust, und zwar in getrennten Geschlechtern. Das männlicheIndividuum zeigt sich auf einem geradaufstrebenden Schaft,welcher, sobald er die Oberfläche des Wassers erreicht, an seinerSpitze eine vierblätterige, vielleicht dreiblätterige Scheide bildet,worin sich die Fruchtwerkzeuge angeheftet an einem konischenKolben befinden.

Wenn die Stamms noch nicht genugsam entwickelt sind, soist die Hälfte der Scheide leer, und beobachtet man sie alsdannmikroskopisch, so findet man, daß die innere Feuchtigkeit sichregt, um das Wachsthum der Scheide zu befördern, und zugleicher Zeit im Stiele sich kreisförmig bewegend zum Kolben,der die Stamina trägt, hinaufstrebt, wodurch Wachsthum undAusdehnung des Kolbens zugleich mit dem Wachsthum derBefruchtungswerkzeuge erzweckt wird.

Durch diese Zunahme des Kolbens jedoch ist die Scheidenicht mehr hinreichend, die Stamina zu umhüllen; sie theilt sichdaher in vier Theile, und die Fruchtwerkzeuge, sich von demKolben zu taufenden ablösend, verbreiten sich schwimmend auf