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Bildung und Umbildung organischer Naturen.
dem Wasser, anzusehen wie silberweiße Flocken, welche sich nachdem weiblichen Individuum gleichsam bemühen und bestreben.Dieses aber steigt aus dem Grunde der Master, indem dieFederkraft seines spinalen Stängels nachlaßt, und eröffnet so-dann auf der Oberfläche eine dreigetheilte Krone, worin mandrei Narben bemerkt. Die auf dem Master schwimmendenFlocken streuen ihren Staminalstaub gegen jene Stigmen undbefruchten sie: ist dieses geleistet, so zieht sich der Spiralstängeldes Weibchens unter das Master zurück, wo nun die Samen, ineiner cylindrischen Kapsel enthalten, zur endlichen Reife gelangen.
Alle die Autoren, welche von der VnIIisneriu gesprochenhaben, erzählten die Art der Befruchtung auf verschiedene Weise.Sie sagten, der ganze Complex der männlichen Blume löse sichlos von dein kurzen unter dem Wasser beharrlichen Stängel,von welchem er sich durch heftige Bewegung absondere undbefreie. Unser Beobachter versuchte Knospen der männlichenBlumen von ihrem Stängel abzulösen und fand, daß keine aufdem Master hin und wieder schwamm, daß alle vielmehr zuGrund sanken. Von größerer Bedeutung aber ist die Strnctur,wodurch der Stängel mit der Blume verbunden wird. Hier istkeine Articulation zu sehen, welche sich doch bei allen Pflanzen-organen findet, die sich trennen lasten. Derselbe Beobachteruntersuchte die silberweißen Flocken und erkannte sie als eigent-liche Antheren; indem er den Kolben leer von allen solchen Ge-fäßen fand, so bemerkte er an denselben zarte Fäden, worannoch einige Antheren befestigt waren, die auf einem kleinen,dreigetheilten Discus ruhten, welches gewiß die dreigetheiltenGeröllen sind, worin die Antheren eingeschlossen waren.
Indem wir nun dieses merkwürdige, vielleicht an andernPflanzen sich wiederholende Beispiel der Betrachtung nachden-kender Naturforscher empfehlen, so können wir nicht unterlassen,diese augenfällige Erscheinung, einiges wiederholend, ferner zubesprechen.
Die Verticaltendenz ist hier dem männlichen Individuumeigen; der Stängel steigt ohne weiteres gerade in die Höhe,und wie er die Oberfläche des Wassers erreicht, entwickelt sichunmittelbar die Scheide aus dem Stängel selbst, genau mitihm verbunden, und hüllt den Kolben ein, nach Analogie der03 .Hu und ähnlicher.
Wir werden dadurch das Mährchen los von einem Gelenke,das, ganz unnatürlich zwischen dem Stängel und der Blumeangebracht, ihr die Möglichkeit verschaffen sollte, sich abzulösenund lüstern auf die Freite zu gehen. An Luft und Licht undihren Einflüssen entwickelt sich erst die männliche Blüthe, aberfest mit ihrem Stängel verbunden; die Antheren springen vonihren Stielchen und schwimmen lustig auf dem Master umher.Indessen mildert der Spiralstängel des Weibchens seine Feder-kraft, die Blume erreicht die Oberfläche des Wassers, entfaltetsich und nimmt den befruchtenden Einfluß auf. Die bedeutendeVeränderung, welche nach der Befruchtung in allen Pflanzenvorgeht, und welche immer etwas auf Erstarrung hindeutet,wirkt auch hier. Die Spiralität des Stängels wird angestrengt,und dieser bewegt sich wieder zurück, wie er gekommen ist, wor-auf denn der Same zur Reife gedeiht.
Gedenken wir an jenes Gleichniß, das wir oben von Stabund Convolvel gewagt haben, gehen wir einen Schritt weiterund vergegenwärtigen uns die Rebe, die sich uni den Ulmbanmschlingt, so sehen wir hier das Weibliche und Männliche, das
Bedürftige, das Gewährende neben einander in verticaler undspiraler Richtung, von der Natur unsern Betrachtungen em-pfohlen.
Kehren wir nun in's Allgemeinste zurück und erinnern andas, was wir gleich anfangs aufstellten, das vertical- so wiedas spiralstrebende System sey in der lebendigen Pflanze aus'sinnigste verbunden, sehen wir nun hier jenes als entschiedenmännlich, dieses als entschieden weiblich sich erweisen, so könnenwir uns die ganze Vegetation von der Wurzel aus androgynischingeheim verbunden vorstellen; worauf denn, in Verfolg derWandlungen des Wachsthums, die besten Systeme sich imoffenbaren Gegensatz aus einander sondern, und sich entschiedengegen einander über stellen, um sich in einem höhern Sinnewieder zu vereinigen.
Weimar, im Herbst 183t.
Freundlicher Zuruf.
1820.
Eine mir in diesen Tagen wiederholt sich zudringende Freudekann ich am Schlüsse nicht verbergen. Ich fühle mich mit nahenund fernen, ernsten, thätigen Forschern glücklich im Einklang.Sie gestehen und behaupten, man solle ein Unerforschlichesvoraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbstkeine Gränzlinie ziehen.
Muß ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen,ohne jemals zu wissen, wie es eigentlich mit mir beschaffen sey:studire ich mich nicht immer fort, ohne mich jemals zu begreifen,mich und andere, und doch kommt man fröhlich immer weiterund weiter.
So auch mit der Welt I Liege sie ansang- und endelos voruns, unbegränzt sey die Ferne, undurchdringlich die Nähe —es sey so! aber wie weit und wie tief der Menschengeist in seineund ihre Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmtnoch abgeschlossen.
Möge nachstehendes heitere Reimstück in diesem Sinne auf-genommen und gedeutet werden!
„In's Innre der Natur —"
O, du Philister! —
„Dringt kein erschaffner Geist."
Mich und GeschwisterMögt ihr an solches WortNur nicht erinnern;
Wir denken: Ort für OrtSind wir im Innern.
„Glückselig, wem sie nurDie äußre Schale weis't!"
Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen,
Und fluche drauf, aber verstohlen,
Sage mir tausend«, tausendmale:
Alles giebt sie reichlich und gern;
Natur hat weder KernNoch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seyst.