Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Bildung und Umbildung organischer Naturen. 83

beschreiben, wie man den Menschen, sobald man bloß aus ihnRücksicht nimmt, betrachten und behandeln muß.

Alle Anmerkungen der vergleichenden Anatomie, welche beiGelegenheit der menschlichen beigebracht werden, mögen, ein-zeln genommen, nützlich und dankenswerth seyn, im ganzenaber bleiben sie unvollständig und, genau betrachtet, eherzweckwidrig und verwirrend.

Wie nun aber ein solcher Typus aufzufinden, zeigt unsder Begriff desselben schon selbst an; die Erfahrung muß unsdie Theile lehren, die allen Thieren gemein, und worin dieseTheile bei verschiedenen Thieren verschieden sind; alsdann trittdie Abstraktion ein, sie zu ordnen und ein allgemeines Bildauszustellen.

Daß wir hierbei nicht bloß hypothetisch verfahren, sind wirdurch die Natur des Geschäfts versichert; denn indem wir unsnach Gesetzen umsehen, wonach lebendige, aus sich selbst wir-kende, abgesonderte Wesen gebildet werden, so verlieren wir juns nicht in's Weite, sondern belehren uns im Innern. Daßdie Natur, wenn sie ein solches Geschöpf hervorbringen will,ihre größte Mannichfaltigkeit in die absoluteste Einheit zusam-menschließen müsse, ergicbt sich aus dem Begriff eines leben-digen , entschiedenen, von allen andern abgesonderten und miteiner gewissen Spontaneität wirkenden Wesens. Wir haltenuns also schon der Einheit, Mannichfaltigkeit, Zweck- undGesetzmäßigkeit unseres Objects versichert. Sind wir nun be-dächtig und kräftig genug, mit einer einfachen, aber weitum-sassenden, mit einer gesetzmäßig-freien, lebhaften, aber regu-lirten Vorstellungsart unserm Gegenstände zu nahen, ihn zubetrachten und zu behandeln; sind wir im Stande, mit demComplex von Geisteskräften, den man Genie zu nennenpflegt, der aber oft sehr zweideutige Wirkungen hervorbringt,dem gewissen und unzweideutigen Genie der hervorbringendenNatur entgegenzubringen; könnten mehrere in Einem Sinneauf den ungeheuern Gegenstand loswirken: so müßte denn dochetwas entstehen, dessen wir uns als Menschen zu erfreuenhätten.

Ob wir nun aber schon unsere Bemühung bloß für anat, -misch erklären, so müßte sie doch, wenn sie fruchtbar, ja wennsie in unserm Falle überhaupt auch nur möglich seyn sollte,stets in physiologischer Rücksicht unternommen werden. Manhat also nicht bloß auf das Nebeinanderseyn der Theile zusehen, sondern auf ihren lebendigen, wechselseitigen Einfluß,auf ihre Abhängigkeit und Wirkung.

Denn wie die Theile, wenn sie im gesunden und lebendi-gen Zustand sich alle in einer wechselseitigen unaufhörlichenWirkung umfassen und die Erhaltung der schon gebildetenTheile nur durch gebildete Theile möglich ist, so muß die Bil-dung selbst, wie in ihrer Grundbestimmung, so auch in ihrenAbweichungen durch einen wechselseitigen Einfluß hervorgebrachtund determinirt werden, worüber uns aber nur eine sorgfäl-tige Ausführung Aufschluß und Deutlichkeit geben kann.

Bei unserer Vorarbeit zur Construction des Typus werdenwir vor allen Dingen die verschiedenen Vergleichungsarten,deren man sich bedient, kennen lernen, Prüfen und anwenden,so wie wir auch die angestellten Vergleichungen selbst, jedochmit großer Vorsicht, wegen der darin oft vorkommenden Irr-thümer, mehr nach aufgebautem Typus als zu Aufbauungdesselben benutzen können.

Der Vergleichungsarten aber, deren man sich mit mehrund mindern: Glücke bedient, finden sich folgende.

Vergleichung der Thiere unter einander, und zwar ent-weder einzeln oder thcilweise.

(Aufführung verschiedener Schriftsteller und Beurtheilungderselben. Buffon, Daubenton, Duverncy, Unzer, Camper,Sommerung, Blumenbach, Schneider.)

Ebenso wurden auch Thiere zum Menschen, zwar nie imganzen und absichtlich, doch theilweise und zufällig verglichen.

(Hierbei abermals Autoren und Bemerkungen.)

Ferner ist nian in Vergleichung der Menschenracen untereinander fleißig und aufmerksam gewesen, und man hat da-durch über die Raturgeschichte des Menschen ein heiteres Lichtverbreitet.

Die Vergleichung der beiden Geschlechter mit einander ist,zu tieferer Einsicht in das Geheimniß der Fortpflanzung, alsdes wichtigsten Ereignisses, der Physiologie unentbehrlich.Beider Objecte natürlicher Parallelismus erleichtert sehr dasGeschäft, bei welchem unser höchster Begriff, die Natur könneidentische Organe dergestalt modificiren und verändern, daßdieselben nicht nur in Gestalt und Bestimmung völlig anderezu seyn scheinen, sondern sogar in gewissem Sinne einen Ge-gensatz darstellen, bis zur sinnlichen Anschauung heranzuführenist. Ferner hat man bei Beschreibung des menschlichen Körpersschon früher darin eine große Erleichterung gefunden, wennman Haupttheile desselben unter einander, z. B. obere unduntere Extremitäten, verglich.

Kleinere Theile, z. B. Wirbelknochen, lassen sich gleichfallsmit großem Vortheile der Wissenschaft gegen einander halten,weil die Verwandtschaft der verschiedensten Gestalten sich dabeidem Beobachter auf das lebhafteste aufdringt.

Alle diese Vergleichungsarten werden uns bei unserer Ar-beit leiten, und sie mögen, nach aufgestelltem Typus, immernoch fort zu brauchen seyn; nur wird der Beobachter alsdannden Vortheil haben, daß er seine Forschungen mehr in Bezugauf ein Ganzes anstellen kann.

III.

Ueber die Gesetze der Organisation überhaupt, in sofern wir sie betConstruction des Typu« »or Augen haben sollen.

Um uns den Begriff organischer Wesen zu erleichtern, wer-fen wir einen Blick auf die Mineralkörper. Diese, in ihrenmannichfaltigen Grundtheilen so fest und unerschütterlich, schei-nen in ihren Verbindungen, die zwar auch nach Gesetzen ge-schehen, weder Gränze noch Ordnung zu halten. Die Bestand-theile trennen sich leicht, um wieder neue Verbindungen ein-zugehen; diese können abermals aufgehoben werden, und derKörper, der erst zerstört schien, liegt wieder in seiner Voll-kommenheit vor uns. So vereinen und trennen sich die ein-fachen Stoffe, zwar nicht nach Willkür, aber doch mit großerMannichfaltigkeit, und die Theile der Körper, welche wir un-organisch nennen, sind, ungeachtet ihrer Anneigung zu sichselbst, doch immer wie in einer suspendirten Gleichgültigkeit,indem die nächste, nähere oder stärkere Verwandtschaft sie ausdem vorigen Zusammenhange reißt und einen neuen Körperdarstellt, dessen Grundtheile, zwar unveränderlich, doch wieder