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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

auf eine neue oder, unter andern Umständen, auf eine Ruck-zusammensetzung zu warten scheinen.

Zwar bemerkt man, daß die mineralischen Körper, in so-fern sie ähnliche oder verschiedene Grundtheile enthalten, auchin sehr abwechselnden Gestalten erscheinen; aber eben dieseMöglichkeit, daß der Grundtheil einer neuen Verbindung un-mittelbar auf die Gestalt wirke und sie sogleich bestimme, zeigtdas Unvollkommene dieser Verbindung, die auch eben so leichtwieder aufgelös't werden kann.

So sehen wir gewisse Mineralkörper bloß durch das Ein-dringen fremder Stoffe entstehen und vergehen: schöne durch-sichtige Krystalle zerfallen zu Pulver, wenn ihr Krystallisations-wasser verraucht, und ein entfernter liegendes Beispiel seyerlaubt die zu Borsten und Haaren durch den Magnet ver-einigten Eisenspäne zerfallen wieder in ihren einzelnen Zu-stand , sobald der mächtig verbindende Einfluß entzogen wird.

Das Hauptkennzeichen der Mineralkörper, auf das wir hiergegenwärtig Rücksicht zu nehmen haben, ist die Gleichgültigkeitihrer Theile in Absicht auf ihr Zusammensetzn, ihre Co- oderSubordination. Sie haben nach ihrer Grundbestimmung ge-wisse stärkere oder schwächere Verhältnisse, die, wenn sie sichzeigen, wie eine Art von Neigung aussehen; deßwegen dieCheinikcr auch ihnen die Ehre einer Wahl bei solchen Ver-wandtschaften zuschreiben, und doch sind es oft nur äußereDeterminationen, die sie da- oder dorthin stoßen oder reißen,wodurch die Mineralkorper hervorgebracht werden, ob wir ihnengleich den zarten Antheil, der ihnen an dem allgemeinen Lebens-hauche der Natur gebührt, keineswegs absprechen wollen.

Wie sehr unterscheiden sich dagegen organische Wesen, auchnur unvollkommene! Sie verarbeiten zu verschiedenen Or-ganen die in sich aufgenommene Nahrung, und zwar, das übrigeabsondernd, nur einen Theil derselben. Diesem gewähren sieetwas Vorzügliches und Eigenes, indem sie manches mitmanchem auf das innigste vereinen, und so den Gliedern, zudenen sie sich hervorbilden, eine das mannichfaltigste Leben be-zeugende Form verleihen, die, wenn sie zerstört ist, aus denUeberresten nicht wieder hergestellt werden kann.

Vergleichen wir nun diese unvollkommenen Organisationenmit den vollkommenem, so finden wir, daß jene, wenn sieauch die elementaren Einflüsse mit einer gewissen Gewalt undEigenheit verarbeiten, doch die daraus entstandenen organi-schen Theile nicht zu der hohen Determination und Festigkeiterheben können, als es von den vollkommenem Thiernaturengeschieht. So wissen wir, um nicht tiefer herabzusteigen, daßz. B. die Pflanzen, indem sie sich in einer gewissen Folge aus-bilden, ein und dasselbe Organ unter höchst verschiedenen Ge-stalten darstellen.

Die genaue Kenntniß der Gesetze, wonach diese Meta-morphose geschieht, wird die botanische Wissenschaft, sowohlin sofern sie nur beschreibt als in sofern sie in die innere Naturder Pflanzen einzudringen gedenkt, gewiß weiter bringen.

Hier ist davon nur so viel zu bemerken. Die uns in dieSinne fallenden organischen Theile der Pflanze, Blätter undBlumen, Staubfäden und Stempel, die verschiedensten Hüllen,und was sonst an ihr bemerkt werden mag, sind alles identischeOrgane, die, durch eine Succession von vegetativen Opera-tionen, nach und nach so sehr verändert und bis zum Unkennt-lichen hinangetrieben werden.

Einerlei Organ kann als zusammengesetztestes Blatt aus-gebildet und als Stipula in die größte Einfalt zurückgezogenwerden. Eben dasselbe Organ kann sich nach verschiedenenUmständen zu einer Tragknospe oder zu einem unfruchtbarenZweige entwickeln. Der Kelch, indem er sich übereilt, kannzur Krone werden, und die Krone kann sich rückwärts demKelche nähern. Dadurch werden die mannichfaltigsten Bildungender Pflanzen möglich, und derjenige, der bei seinen Beob-achtungen diese Gesetze immer vor Augen hat, wird davongroße Erleichterung und Vortheil zeigen.

Daß man bei der Geschichte der Jnsecten auf die Meta-morphose derselben genau Rücksicht zu nehmen habe, und daßmau ohne diesen Begriff die Oekonomie der Natur in diesemReiche keineswegs übersehen könne, war auffallender, und istfrüher beherzigt worden. Die Verwandlung der Jnsecten anund für sich genau zu betrachten und mit der Pflanzenver-wandlung zu vergleichen, wird ein sehr angenehmes Geschäftseyn; gegenwärtig davon nur so viel, als zu unserm Zweckedient.

Die Pflanze erscheint fast nur einen Augenblick als Indi-viduum, und zwar da, wenn sie sich als Samenkorn von derMutterpflanze loslös't. In dem Verfolg des Keimens erscheintsie schon als ein Vielfaches, au welchem nicht allein ein identi-scher Theil aus identischen Theilen entspringt, sondern auchdiese Theile durch Succession verschieden ausgebildet werden,so daß ein mannichfaltiges, scheinbar verbundenes Ganzes zu-letzt vor unsern Augen da steht.

Allein daß dieses scheinbare Ganze aus sehr unabhängigenTheilen bestehe, giebt theils der Augenschein theils die Er-fahrung: denn Pflanzen, in viele Theile getrennt und zerrissen,werden wieder als eben so viele scheinbare Ganze aus der Erdehervorsprossen.

An dem Jnsect hingegen zeigt sich uns ein anderer Fall.Das von der Mutter losgetrennte abgeschlossene Ei manifestirtsich schon als Individuum; der herauskriechende Wurm istgleichfalls eine isolirte Einheit; seine Theile sind nicht alleinverknüpft, nach einer gewissen Reihe bestimmt und geordnet,sondern sie sind auch einander subordinirt; sie werden, wo nichtvon einem Willen geleitet, doch von einer Begierde angeregt.Hier ist ein ausgesprochens Oben und Unten, ein entschiedenesVorn und Hinten; die sämmtlichen Organe sind nach einergewissen Reihe entwickelt, so daß keins an die Stelle desandern treten kann. Indessen ist die Raupe ein unvollkommenesGeschöpf, ungeschickt zur nothwendigsten aller Funktionen, zurFortpflanzung, wohin sie auf dem Wege der Verwandlung nurgelangen kann.

Bei der Pflanze bemerken wir Successionen der Zuständemit Zusammensetzn verknüpft. Die Stängel bestehen von derWurzel auf, indem sich die Blume schon entwickelt; dasZeugungsgeschäft geht vor sich und die frühern, vorbereitendenOrgane zeigen sich noch kräftig und lebendig; nur alsdann erst,wenn der befruchtete Same seiner Reife sich nähert, welkt dasGanze zusammen.

Bei dem Jnsect ist es ganz anders. Eine jede Haut, diees abwirft, läßt es alsobald hinter sich, und aus der letztenRaupenhülle schlüpft ein entschieden abgesondertes Geschöpf;jeder folgende Zustand ist von dem vorhergehenden getrennt,kein Rückschritt möglich. Der Schmetterling kann sich nur aus