Bildung und Umbildung organischer Naturen.
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der Raupe, die Blume hingegen aus und an der Pflanze ent-wickeln.
Betrachten wir nun die Gestalt der Raupe gegen die Gestaltdes Schmetterlings, so finden wir folgenden Hauptunterschiedzwischen beiden. Die Raupe besteht, wie ein anderer geglie-derter Wurm, aus Theilen, die einander ziemlich ähnlich sind,wenn sich auch Kopf und Hintertheil einigermaaßen auszeichnen.Die vordem Füße sind wenig von den Hintern Wärzchen ver-schieden, und die Körper in ziemlich gleiche Ringe getheilt.Durch das fortschreitende Wachsthum wird eine Haut nach derandern zersprengt und abgelegt. Die folgende scheint sich erstwieder zu erzeugen, um, wenn sie, zu weit ausgedehnt, keineElasticität mehr hat, abermals zu zerspringen und abzufallen.Die Raupe wird immer größer, ohne ihre Gestalt eigentlichzu verändern. Nun kommt ihr Wachsthum endlich auf denPunkt, auf dem es nicht weiter kann, und so geht eine son-derbare Veränderung vor in dem Geschöpf. Es sucht sich einesgewissen Gespinnstes zu entledigen, das zu den Systemenseines Körpers gehörte, wobei das Ganze, wie es scheint, zu-gleich von allem Ueberfliissigen des der Verwandlung in edlereOrgane Entgegenstehenden gereinigt wird. Nach Maaßgabedieser Ausleerung nimmt der Körper an Länge ab, an Breitejedoch nicht verhältnißmäßig zu, und indem er in diesem Zu-stande seine Haut abwirft, befindet sich darunter, nicht wiesonst ein dem ehemaligen Thiere ähnliches, sondem ein ganzverschiedenes Geschöpf.
Bei einer weitem Ausführung der Metamorphose derJn-secten müssen nun auch die unterschiedenen Charaktere beiderZustände umständlicher angezeigt werden. Hier wenden wiruns, unserer Absicht gemäß, sogleich zu den Schmetterlingen,und finden einen sehr wichtigen Unterschied gegen die Raupe.Der Körper besteht nicht mehr aus ähnlichen Theilen; die ver-schiedenen Ringe haben sich in Systeme zusammengeordnet;theils find sie völlig verschwunden, theils noch kenntlich. Wirsehen drei entschiedene Abtheilungen, das Haupt mit seinenHülfsorganen, die Bmst mit den ihrigen und den Leib, anwelchem ebenfalls die Organe seiner Bestimmung sich ausge-bildet haben. Ob wir nun gleich dem Wurme seine Indivi-dualität nicht absprechen konnten, so erschien er uns deßwegendoch so unvollkommen, weil seine Theile gegen einander ineinem gleichgültigen Verhältnisse standen, einer ungefähr anWerth und Würde so viel als der andere besaß und vermochte,woraus denn nichts als höchstens Nahrung und Wachsthumund gemeine Absonderung entsprang; dagegen jene Abson-derungen der Gefäße und Säfte, wodurch ein neues Indivi-duum erst hervorspringen kann, in diesem Zustande nichtmöglich war. Nur erst dann, wenn durch eine langsame heim-liche Wirkung die verwandlungsfähigen Organe zu ihrerhöchsten Vollkommenheit gediehen, wenn bei der gehörigenTemperatur die nöthige Ausleerung und Austrocknung vor sichgegangen, dann sind die Glieder geeignet, sich zu entscheiden,aus ihrem frühern Verhältniß tretend, sich von einander auf'smöglichste abzusondern, ungeachtet ihrer innerlichen Verwandt-schaft, bestimmte, entgegengesetzte Charaktere anzunehmen,und indem sie sich in Systeme zusammendrängen, die mannich-faltigen energischen Operationen des Lebens möglich zu machen.
So ein unvollkommenes und vergängliches Geschöpf einSchmetterling in seiner Art, verglichen mit den Sängethieren,
^ auch seyn mag, so zeigt er uns doch durch seine Verwandlung,
^ die er vor unsern Augen vornimmt, den Vorzug eines voll-kommenem Thiers vor einem unvollkommenem; die Ent-schiedenheit ist es seiner Theile, die Sicherheit, daß keinerfür den andern gesetzt, noch genommen werden kann, jedervielmehr zu seiner Function bestimmt und bei derselben aufimmer festgehalten bleibt.
Nun wollen wir noch einen flüchtigen Blick auf diejenigenErfahrungen thun, die uns belehren, daß manche Thiere ganzeverlorene Gliedmaaßen wieder ersetzen können. Dieser Fallkann jedoch nur bei Geschöpfen, deren Glieder gleichgültigsind, wo eins in die Wirkung und Würde des andern nach-rücken kann, eintreten, oder bei solchen, deren Natur, wieder Amphibien, durch das Element, in welchem sie leben,weicher, schwebender, nachgiebiger erhalten wird.
Daher entspringt aus der völligen Entschiedenheit derGlieder die Würde der vollkommensten Thiere, und besondersdes Menschen. Hier hat, in der regelmäßigsten Organisation,alles bestimmte Form, Stelle, Zahl, und was auch diemannichfaltige Thätigkeit des Lebens für Abweichungen her-vorbringen mag, wird das Gomze sich immer wieder in seinGleichgewicht stellen.
Hätten wir aber nöthig gehabt, uns durch die Betrachtungder Pflanzen- und Jnsecten-Metamorphose herauf zu winden,wenn wir nicht hoffen könnten, dadurch auch über die Gestaltder vollkommenem Thiere einigen Aufschluß zu erhalten?
Wir haben dort gesehen, daß aller Betrachtung über Pflanzenund Jnsecten der Begriff einer successiven Verwandlung iden-tischer Theile neben oder nach einander zum Grunde liegenmüsse, und nun wird es uns beim Untersuchen des Thierkörperszum größten Vortheil gereichen, wenn wir uns den Begriffeiner gleichzeitigen, von der Zeugung an schon bestimmtenMetamorphose aneignen können.
So ist z. B. in die Augen fallend, daß sämmtliche Wirbel-knochen eines Thieres einerlei Organe sind, und doch würde,wer den ersten Halsknochen mit einem Schwanzknochen unmit-telbar vergliche, nicht eine Spur von Gestaltsähnlichkeit finden.
Da wir nun hier identische und doch so sehr verschiedeneTheile vor Augen sehen und uns ihre Verwandtschaft nichtleugnen können, so haben wir, indem wir ihren organischenZusammenhang betrachten, ihre Berührung untersuchen undnach wechselseitiger Einwirkung forschen, sehr schöne Aufschlüssezu erwarten.
Denn eben dadurch wird die Harmonie des organischenGanzen möglich, daß es aus identischen Theilen besteht, diesich in sehr zarten Abweichungen modificiren. In ihremInnersten verwandt, scheinen sie sich in Gestalt, Bestimmungund Wirkung aus's weiteste zu entfernen, ja sich einander ent-gegenzusetzen, und so wird es der Natur möglich, die ver-schiedensten und doch nahe verwandten Systeme, durch Modi-fication ähnlicher Organe, zu erschaffen und in einander zuverschlingen.
Die Metamorphose jedoch wirkt bei vollkommenem Thierenauf zweierlei Art: erstlich daß, wie wir oben bei den Wirbel-knochen gesehen, identische Theile, nach einem gewissen Schema,durch die bildende Kraft auf die beständigste Weise verschiedenumgeformt werden, wodurch der Typus im allgemeinen mög-lich wird; zweitens daß die in dem Typus benannten einzelnen