Bildung und Umbildung organischer Naturen.
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erst gleichsam einen Katalog liefern, wobei im Hintergründedie Absicht lag, bei glücklicher Gelegenheit, die zu vergleichendenGlieder in einem Museum wirklich zusammenzustellen; woraussich von selbst ergeben müßte, daß jede Gliederreihe einenandern Bergleichungsmoment erfordern würde.
Wie bei den Hülfsorganen, Armen und Füßen, zu ver-fahren , darauf deutet obige Skizze. Man ging vom Starren,fast Unbeweglichen, nur in Einem Sinne Brauchbaren zummannichfaltigst- und geschicktesi-Beweglichen, wie denn solches,noch durch mehrere Geschöpfe verfolgt, höchst erwünschte An-sichten verleihen mußte.
Wäre nun aber vom Hals die Rede, so würde man vomlängsten zum kürzesten schreiten, von der Giraffe zum Wall-fisch. Die Betrachtung des Siebbeins ginge von dem weitesten,unbedingtesten aus bis zum verengtesten, gedrängtesten, vomSchuppenthier bis zum Affen, vielleicht zum Vogel, da dennder Gedanke sogleich weiter gedrängt wird, wenn man sieht,wie vergrößerte Augäpfel jenen Knochen immer mehr in dieEnge treiben.
Ungern brechen wir ab; wer aber erkennt nicht, welche un-endliche Mannichfaltigkeit der Ansichten aus diese Weise sichergebe, und wie wir veranlaßt, ja gezwungen werden, alleübrigen Systeme zugleich mitzudenken?
Führen wir unsere Phantasie noch einen Augenblick zu denoben näher betrachteten Extremitäten zurück, vergegenwärtigenwir uns, wie sich der Maulwurs zum lockern Erdboden, diePhoca zum Wasser, die Fledermaus zur Luft bildet, und wieuns das Knochengerüst, so gut wie das lebendige umhäuteteThier, hiervon in Kenntniß zu setzen vermag, so werden wirauf's neue die organische Welt mit erhöhtem leidenschaftlichemSinne zu fassen trachten.
Wenn Vorstehendes den Naturfreunden dieser unserer Tagevielleicht weniger bedeutend scheint als mir vor dreißig Jahren— denn hat uns nicht zuletzt Herr d'Alton über alle unsereWünsche hinausgehoben? — so will ich nur gestehen, daß iches eigentlich dem Psychologen widme. Ein Mann wie HerrErnst Stiedenroth sollte seine erlangte hohe Einsicht in dieFunktionen des menschlichen Geistkörpers und Körpergeistestreulich anwenden, um die Geschichte irgend einer Wissenschaftzu schreiben, welche denn symbolisch für alle gelten würde.
Die Geschichte der Wissenschaft nimmt immer aus demPunkte, wo man steht, ein gar vornehmes Ansehen; manschätzt wohl seine Vorgänger und dankt ihnen gewissermaaßenfür das Verdienst, das sie sich um uns erworben; aber es istdoch immer, als wenn wir mit einem gewissen Achselzucken dieGränzen bedauerten, worin sie ost unnütz, ja rückschreitend sichabgequält; niemand sieht sie leicht als Märtyrer an, die einunwiederbringlicher Trieb in gefährliche, kaum zu überwindendeLagen geführt, und doch ist oft, ja gewöhnlich, mehr Ernst inden Altvätern, die unser Daseyn gegründet, als unter den ge-nießenden, meistentheils vergeudenden Nachkommen.
Doch von solchen gewissermaaßen hypochondrischen Be-trachtungen wenden wir uns zu höchst erfreulichen Thätigkeiten,wo Kunst und Wissenschaft, Erkennen und Bilden sich, aufsehr hohem Punkte gemeinsam wirkend, zutraulich die Händebieten.
Die Skelette der Nagcthiere,
abgebildet und verglichen von d'Alton.
Erste Abtheilung zehn Tafeln, zweite acht Tafeln,
Bonn I82Z und t82t,
^ 1824
, Die erste Absicht meiner morphologischen Hefte war, von^ ältern Papieren einiges aufzubewahren, wo nicht zum Nutzen^ der Gegenwart und Zukunft, doch zum Andenken eines red-lichen Strebens in Betrachtung der Natur. Diesem Sinne^ zufolge nahm ich vor kurzem abermals gewisse osteologischeFragmente zur Hand und fühlte, besonders bei Revision des! Abdrucks, wo uns gewöhnlich alles klarer vorkommt, aus das! lebhafteste, daß es nur Vorahnungen, nicht Vorarbeiten ge-
> Wesen.
! In eben dem Augenblick gelangte nun obgemeldeteS Werk
> zu mir, und versetzte mich aus der ernsten Region des Stau-! nenS und Glaubens in die behaglichen Gegenden des Schauens
und Begreifens.
^ Ueberdenke ich nun das Nagergeschlecht, dessen Knochen-, gestalt, mit angedeuteter äußerer Hülle, meisterhaft auf das! mannichfaltigste gebildet vor mir liegt, so erkenne ich, daß eszwar generisch von innen determinirt und festgehalten sey, nach! außen aber zügellos sich ergehend, durch Um- und Um-^ gestaltung sich specificirend, aus das allervielfachste verändert! werde.
^ Woran die Natur das Geschöpf eigentlich fesselt, ist sein^ Gebiß; was es ergreifen kann und muß, soll es zermalmen vor! allen Dingen. Der unbeholfene Zustand der Wiederkäuer ent«
> springt aus der Unvollkommenheit des Kauens, aus der Noth-wendigkeit wiederholten Zermalmens des schon halb Gekochten.
Die Nager dagegen sind in diesem Betracht höchst merk-würdig gebildet. Scharfes, aber geringes Erfassen, eiligeSättigung, auch nachher wiederholtes Abraspeln der Gegen-! stände, fortgesetztes fast krampfhaft leidenschaftliches, absichtslos! zerstörendes Knuspern, welches denn doch wieder in den Zweck,
> sich Lager und Wohnungen aufzubauen und einzurichten, un-mittelbar eingreift und dadurch abermals bewährt, daß im
! organischen Leben selbst das Unnütze, ja das Schädliche selbst,in den nothwendigen Kreis des Daseyns aufgenommen, in's! Ganze zu wirken und als wesentliches Bindemittel disparaterEinzelnheiten gefordert wird.
! Im ganzen hat das Nagergeschlecht eine wohl proportionirteerste Anlage: das Maaß, in welchem cS sich bewegt, ist nichtallzugroß; die ganze Organisation ist Eindrücken aller Art ge-öffnet, und zu einer nach allen Seiten hin richtungsfähigen Ver-satilität vorbereitet und geeignet.
Wir möchten dieses unstete Schwanken von einer mangel-haften, relativ schwächlichen, wenn auch sonst in sich kräftigenZähnung ableiten, wodurch dieses Geschlecht, sich einer gewissenWillkür der Bildung bis zur Unserm hinzugaben, in Lockerheitgelassen ist, wenn dagegen bei Raubthieren, die mit sechsSchncidezähnen abgeschlossen und einen! Echzahn begünstigt sind,alle Monstrosität unmöglich wird.
Wer aber, der sich mit solchen Untersuchungen ernstlich abgab,hat nicht erfahren, daß eben dieses Schwanken von Form zuUnform, von Unserm zu Form den redlichen Beschauer in eineArt von Wahnsinn versetzt? denn für uns beschränkte Geschöpfe