Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bildung und Umbildung organischer Naturen.

möchte es fast besser seyn den Irrthum zu fixiren als im Wahrenzu schwanken.

Versuchen wir jedoch in diesem weiten und breiten Feldeein und den andern Pfahl einzuschlagen! Ein Paar Capital-thiere, der Löwe, der Elephant, erreichen durch das Ueberge-wicht der vordern Extremitäten einen besonders hohen, eigent-lichen Bestiencharakter: denn sonst bemerkt man überhaupt anden vierfllßigen Thieren eine Tendenz der Hintern Extremitäten,sich über die vordern zu erheben, und wir glauben hierin dieGrundlage zum reinen aufrechten Stande des Menschen zu er-blicken. Wie sich solches Bestreben jedoch nach und nach zurDisproportion steigern könne, ist bei dem Geschlecht der Nagerin die Augen fallend.

Wollen wir aber diese Gestaltsveränderungen gründlich be-urtheilen, und ihren eigentlichen Anlaß zunächst erkennen, sogestehen wir den vier Elementen, nach guter alter Weise, denbesondern Einfluß zu. Suchen wir nun das Geschöpfe in derRegion des Wassers, so zeigt es sich schweinartig im Ufersumpse,als Biber sich an frischen Gewässern anbauend; alsdann, immernoch einige Feuchtigkeit bedürfend, gräbt sich's in die Erde undliebt wenigstens das Verborgene, furchtsam-neckisch vor derGegenwart der Menschen und anderer Geschöpfe sich versteckend.Gelangt endlich das Geschöpf auf die Oberfläche, so ist es hupf-und sprunglustig, so daß sie aufgerichtet ihr Wesen treiben undsogar zweifüßig, mit wundersamer Schnelle, sich hin und herbewegen.

Jn's völlig Trockene gebracht, finden wir zuletzt den Einflußder Lnsthöhe und des alles belebenden Lichtes ganz entscheidend.Die leichteste Beweglichkeit wird ihnen zu Theil, sie handeln undwirken auf das behendeste, bis sogar ein vogelartiger Sprungin einen scheinbaren Flug übergeht.

Warum giebt uns die Betrachtung unseres einheimischenEichhörnchens so viel Vergnügen? Weil es, als die höchsteAusbildung seines Geschlechtes, eine ganz besondere Geschick-lichkeit vor Augen bringt. Gar zierlich behandelt es ergreiflichkleine appetitliche Gegenstände, mit denen es muthwillig zuspielen scheint, indem es sich doch nur eigentlich den Genußdadurch vorbereitet und erleichtert. Dieß Geschöpfchen, eineNuß eröffnend, besonders aber einen reifen Fichtenzapfen ab-speisend, ist höchst graziös und liebenswürdig anzuschauen.

Nicht aber nur die Grundgcstalt verändert sich bis zumUnkenntlichen, auch die äußere Haut verhüllt diese Geschöpfe ^auf das verschiedenste. Am Schwänze zeigen sich schuppen- ,und knorpelartige Ringe, am Körper Borsten und Stacheln, !sich zum zartesten, sanftesten Felle mit bemerklichen Uebergängenendlich ausgleichend.

Bemüht man sich nun, die fernern Ursachen solcher Erschei-nungen zu entdecken, so sagt man sich: nicht allein sind es jeneelementaren Einflüsse, die eine durchdringende Gewalt hierausüben, man wird auch auf andere bedeutende Anlässe garbald hingewiesen.

Diese Geschöpfe haben einen lebhaften Nahrungstrieb, dasOrgan des Ergreifens. Die zwei Vorderzähne im Ober-und Unterkiefer nahmen schon früher unsere Aufmerksamkeit >in Anspruch, sie sind alles und jedes anzukneipen geschickt;daher denn auch dieses Geschöpf auf die verschiedenste Weiseund Wege für seine Erhaltung besorgt ist. Ihr Genuß istvielfach; einige sind auf animalische Nahrung begierig, auf i

vegetabilische die meisten, wobei das Nagen als ein schnopcrndesVorkosten und außer dem eigentlichen Sättigungsgeschäft in garmancher Rücksicht zu betrachten ist. Es befördert ein über-flüssiges Aneignen der Nahrung zu materieller Anfüllung desMagens, und kann auch wohl als fortgesetzte Uebung, als un-ruhiger Beschäftigungstrieb, der zuletzt in Zerstörungskrampsausartet, angesehen werden.

Nach Befriedigung des nächsten Bedürfnisses haschen siedemnach sehr lebhaft, aber sie möchten dennoch gern in sichererFülle wohnen; daher der Sammlertrieb, und zunächst garmanche Handlung, die einer überlegten Kunstfertigkeit ganzähnlich sehen möchte.

Wie sich nun das Gebilde der Nagethiere hin und her wiegtund keine Gränzen zu kennen scheint, so findet es zuletzt sich docheingeschlossen in der allgemeinen Animalität und muß diesemoder jenem Thiergcschlecht sich annähern; wie es sich denn so-wohl gegen die Raubthiere als gegen die Wiederkäuer hinneigt,gegen den Affen wie gegen die Fledermaus, und noch gar anderndazwischen liegenden Geschlechtern sich anähnelt.

Wie könnten wir aber solche weitumsichtige Betrachtungenmit Bequemlichkeit anstellen, wären uns nicht Herrn d'AltonsBlätter vorgelegt, bei deren Anblick Bewunderung und Be-nutzung immerfort einander die Hände bieten? Und wie sollenwir Lob und Dank genugsam ausdrücken, wenn diese durch soviel bedeutende Geschlechter nunmehr durchgeführte, an Reinheitund Richtigkeit sich immer gleichbleibende, an hervortretenderKraft und Ausführlichkeit sich immer steigernde Darstellung sogroße Dienste leistet? Sie enthebt uns auf einmal aus demsinneverwirrenden Zustande, in den uns frühere Bemerkungengar oft versetzten, wenn wir Gerippe im ganzen oder einzelnenzu vergleichen suchten. Es sey nun, daß wir sie auf Reisenmehr oder weniger flüchtig, oder durch ein successives Ansam-meln bedächtig um uns gestellt ansahen, immer mußten wirunser Bestreben in Bezug auf ein Ganzes als unzulänglich undunbefriedigend bedauern.

Jetzt hängt es von uns ab, so große Reihen, als wir nurwünschen, vor uns zu legen, das Gemeinsame wie das Wider-sprechende neben einander zu betrachten, und so die Fähigkeitunseres Anschauens, die Fertigkeit unserer Combinationen undUrtheile mit Gemächlichkeit und Ruhe zu prüfen, auch, in sofernes dem Menschen gegeben ist, uns mit der Natur wie mit unsselbst mehr und mehr in Einklang zu setzen.

Aber jene bildlichen Darstellungen überlassen uns nichtetwa nur einem einsamen Nachdenken, sondern ein genügsamerText dient uns zugleich als geistreiches Gespräch; wie wir dennohne solche Mitwirkung das Vorstehende nicht mit einer gewissenLeichtigkeit und Zeitersparniß würden gewonnen haben.

Und so möchte es überflüssig seyn, die wichtigen hinzugefüg-ten Druckblätter den Freunden der Natur noch besonders zu em-pfehlen. Sie enthalten eineallgemeineVergleichungderNagethiergerippe, und sodann allgemeine Bemerkungenüber die äußern Einflüsse auf die organische Entwicklung derThiere. Wir haben sie oben bei unserer flüchtigen Darstellungtreulich genutzt, aber lange nicht erschöpft, und fügen nur nochfolgende Resultate hinzu.

Eine innere und ursprüngliche Gemeinschaft aller Organisa-tion liegt zum Grunde; die Verschiedenheit der Gestalten da-gegen entspringt aus den nothwendigen Beziehungsverhältnifsen