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Bildung und Umbildung organischer Naturen.
Wir erkennen daran, daß die Bedingung dieses Schal-werdens der freie Raum sey, welcher durch die Ausdehnungdes untern Schlauchtheils entsteht; und hier, bei genauer Be-trachtung, scheint es, als wenn jeder Schalpunkt sich eile, dienächsten aufzuzehren, sich auf ihre Kosten zu vergrößern, undzwar in dem Augenblick, ehe sie zum Werden gelangen. Eineschon gewordene noch so kleine Schale kann von einem heran-kommenden Nachbar nicht aufgespeis't werden; alles Gewordenesetzt sich mit einander in's Gleichgewicht. Und so sieht man dasin der Entenmuschel regelmäßig gebundene, gesetzliche Wachs-thum in der andern zum freiern Nachrücken aufgefordert, womancher einzelne Punkt so viel Besitz und Raum sich anmaßt,als er nur gewinnen kann.
So viel aber ist auch bei diesem Naturproduct mit Be-wunderung zu bemerken, daß selbst die gewissermaaßen auf-gelös'te Regel doch im ganzen keine Verwirrung zur Folge hat,sondern daß die in llspss snatitbru so löblich und gesetzlichentschiedenen Hauptpunkte des Werdens und Wirkens sich auchim xoUicexs genau nachweisen lassen, nur daß man sodannoberwärts von Stelle zu Stelle kleine Welten sieht, die sichgegen einander ausdehnen, ohne hindern zu können, daß nachihnen sich ihres Gleichen, obgleich beengt und im geringernMaaßstabe, bilden und entwickeln.
Wer das Glück hätte, diese Geschöpfe im Augenblick, wenndas Ende des Schlauches sich ausdehnt und die Schalenwerdnngbeginnt, mikroskopisch zu betrachten, dem müßte eins der herr-lichsten Schauspiele werden, die der Naturfreund sich wünschenkann. Da ich nach meiner Art zu forschen, zu wissen und zugenießen mich nur an Symbole halten darf, so gehören dieseGeschöpfe zu den Heiligthümcrn, welche fetischartig immer vormir stehen und durch ihr seltsames Gebilde die nach dem Regel-losen strebende, sich selbst immer regelnde und so im Kleinstenwie im Größten durchaus gott- und menschenähnliche Natursinnlich vergegenwärtigen.
Betrachtungen über eine Sammlung krankhaften Elfenbeins.
1798 .
Für die pathologische Knochenlehre sind die Wirkungen derNatur in den Elephantenzähnen merkwürdig, wenn bleierneoder eiserne Kugeln in dieselben gedrungen sind und die Thieresich hernach, längere oder kürzere Zeit, noch am Leben erhaltenhaben. Die Sammlung, die vor uns liegt, giebt Gelegenheitzu verschiedenen Betrachtungen, die ich, ohne weitere Vor-bereitung, mittheile und das Allgemeinere, was etwa zu sagenwäre, bis zum Schluß verspare.
Nr. 1. Hier sieht man auf der Oberfläche des Zahns dieZerschmetterung, welche die nicht tief eingedrungene eiserneKugel verursacht hat. Vielleicht lebte das Thier zu kurz, alsdaß die Natur den Schaden wieder ergänzen und die äußereVerletzung völlig hatte zuschließen können, welches sie sonstjederzeit zu bewirken scheint, wenn die Kugel tief genug ein-gesenkt ist.
Nr. 2. Ein merkwürdiges Stück! Eine Bleikugel ist inden Zahn eingedrungen, und die Natur hat die Zerstörung,die aus der Oberfläche angerichtet worden, beinahe wiedergeheilt. Wir bemerken, daß um die Kugel herum eine
Veränderung der Knochenmasse vorgeht; es scheint eine Artvon Gerinnung zu seyn, von Trennung solcher Theile, welche,innig zusammen verbunden, das Elfenbein organisch bilden.Dieses Phänomen sehen wir noch deutlicher an.
Nr. 3, wo eine bräunliche Masse, welche durchscheinenderist als das Elfenbein, sich um die Kugel herum angeschlossen hat.
Diese Gerinnung aber scheint nicht allein unmittelbar umden fremden Körper herum vorzugehen; wir können bei Nr. 2und 3 auch in einiger Entfernung davon und ohne anschei-nenden Zusammenhang mit dem Hauptsitze der Krankheit solchedurchscheinende Punkte bemerken, welche wie eine geronnene,stockende, geschiedene Materie aussehen; ein Phänomen, daswir bei
Nr. 4 noch näher kennen lernen, wo sich solche Punkte inden Fasern des Elfenbeins der Länge nach erzeugt haben. Mansieht deutlich, daß die durchscheinende Materie körnig und insich nicht vollkommen zusammenhängend sey. Das Elfenbeinunmittelbar daran ist an manchen Orten dergestalt verändert,daß es ein weißes, in das Milchige ziehendes Ansehen hat,übrigens aber ist die ganze umgebende Elfenbeinmasse schönund gesund. Schade, daß dieses Stück zu klein ist, und mannicht wissen kann, wo die Kugel gesessen und auf welche Ent-fernung von der Kugel sich diese kranke Wirkung erstreckt hat!
Nr. 5 giebt uns zur Betrachtung von einer andern ArtAnlaß. Eine eiserne Kugel ist einige Linien tief in den Zahnhineingedrungeu; nach außen zu ist die Wunde verwachsen,aber inwendig hat sich die Gerinnung weiter ausgebreitet.Die reine Natur des Elfenbeins ist meist zerstört; man glaubteine Gerinnung abermals deutlich zu sehen, und es scheint,als wenn eine Art von Zerstörung des reinen Elfenbeins vongewissen Punkten aus vor sich gehe, welche, indem sie sichkreisartig verbreiten, endlich an andere Kreise stoßen, welcheauf gleiche Weise gewirkt worden sind; und so wird ein größereroder kleinerer Raum auf eine krankhafte Weise desorganisirt.
Nr. 6 zeigt uns diese vermuthete Operation deutlicher,wobei merkwürdig ist, daß sich in dem kranken Umfange auchHöhlungen befinden, welche zum Theil mit einem feinenHäntchen überzogen sind. Diese zeigen sich noch stärker bei
Nr. 7, wo die innerhalb des zerstörten Theils entstandenenHöhlen sich wieder mit feinen Knochenwärzchen anzufüllenscheinen.
Haben wir nun bisher die krankhafte Wirkung der ver-letzten Knochenstelle bemerkt, so betrachten wir ferner dieGegenwirkung des gesunden Ganzen. Schon bei Nr. 5 ließsich an einigen Stellen eine Absonderung des kranken Theilesvom gesunden bemerken; Nr. 6 zeigt uns dieselbe noch deut-licher, Nr. 7 hingegen unwidersprechlich; denn nicht alleinsehen wir an Einer Seite die nahe Ablösung des krankenTheiles von dem daran stoßenden gesunden, sondern die miteinem Stern bezeichnete convexe Fläche ist offenbar nicht durcheinen Sägeschnitt von dem Zahn, in welchem sie sich befand,getrennt worden, sondern die Natur selbst hat sie abgelös't.Nr. 8 bestätigt alles Vorhergesagte noch mehr, indem derkranke Theil von dem gesunden dergestalt abgelös't ist, daß erhin und wieder geschoben werden kann, und also seine völligeAbgestorbenheit allem Zweifel entzieht.
Aus dem, was bisher bemerkt worden, glauben wir alsofolgern zu können, daß die durch den fremden Körper im