Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Biltung und Umbildung organischer Naturen,

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zur Außenwelt, und man darf daher eine ursprüngliche, gleich-zeitige Verschiedenheit und eine unaufhaltsam fortschreitendeUmbildung mit Recht annehmen, um die eben so konstantenals abweichenden Erscheinungen begreifen zu können.

Ein beigelegter Schmutztitel läßt uns vermuthen, daß hiereine Abtheilung des Ganzen gemeint sey; eine Vorrede sprichtdeutlich aus, daß nichts Ueberflüssiges aufgenommen, daß dasWerk nicht über Gebühr und Vermögen der Naturfreunde solleausgedehnt werden eine Zusage, die durch das bisher Ge-leistete schon vollkommen erfüllt ist.

'Nun aber finden wir dieser Sendung noch einige Druck-blätter beigelegt, welche allerdings voranzusetzen sind, indemwir derselben zuletzt erwähnen; sie enthalten die Dedication anJhro des Königs von Preußen Majestät.

Hier ist mit schuldigstem Dank anerkannt, daß diese Unter«nebmung vom Throne her sich bedeutender Unterstützung zuerfreuen habe, ohne welche sie kaum denkbar gewesen wäre.Deßhalb vereinigen sich denn auch alle Naturfreunde in einsolches dankbares Anerkennen. Und wenn wir schon lobens-werth nnd nützlich finden, daß die Großen der Erde dasjenige,was ein Privatmann mit Neigung und Sorgfalt gesammelt,nicht zerstreuen lassen, sondern, weislich zusammen gehalten,dem Oeffentlichen widmen; wenn mit höchstem Dank anerkanntwerden muß, Anstalten gegründet zu sehen, wo die Talenteerforscht, die Fähigern gefördert und zum Zwecke geführt wer-den können: so ist es doch vielleicht am preiswürdigsten, wenneine vorkommende seltene Gelegenheit genutzt wird; wenn dieLeistungen des einzelnen, der sein ganzes Leben mühsam, viel-leicht oft mühselig zubrachte, um das ihm eingeborene Talentauszubilden, um etwas als einzelner zu schaffen, was mehrernunmöglich gewesen wäre, gerade im rechten Augenblick derkräftigen That Anerkennung finden; wenn sogleich die höchstenObern nnd die ihnen nachgesetzten hohen Beamten die benei-denswcrthe Pflicht ausüben, zur dringenden Zeit den entschei-denden Moment zu begünstigen und eine schon im Beschränktenso weit gediehen« Frucht mit einer allersprießlichen Reife zu be-glücken.

Die Lepaden.

IM.

Die tiefgeschöpften und fruchtreichen Mittheilungen desHerrn Dr. Larus sind mir von dem größten Werthe; eineRegion nach der andern des gränzenlosen Naturreiches, inwelchem ich Zeit meines Lebens mehr im Glauben und Ahnenals im Schauen und Wissen mich bewege, klärt sich auf, undich erblicke, was ich im allgemeinen gedacht und gehofft, nun-mehr im einzelnen, und gar manches über Denken und Hoffen.Hierin finde ich nun die größte Belohnung eines treuenWirkens, und mich erheitert es gar öfters, wenn ich hie undda erinnert werde an Einzelnheiteu, die ich wie im Flugewegfing, und sie niederlegte in Hoffnung, daß sie sich einmalirgendwo lebendig anschließen würden, und gerade diese Hefte(zur Morphologie) sind geeignet, derselben nach und nach zugedenken.

Einige Betrachtungen über die Lepaden bringe ich dar, wieich sie in meinen Papieren angedeutet finde.

Jede zweischalige Muschel, die sich in ihren Wänden vonder übrigen Welt adsonrert, sehen wir billig als ein Judivi-dnum an: so lebt sie, so bewegt sie sich allensalls, so nährt siesich, Pflanzt sich fort, und so wird sie verzehrt. Die Lexusünntikern, die sogenannte Entenmuschel, erinnert unsgleich niit ihren zwei Hauptdecken an eine Bivalve; alleinschnell werden wir bedeutet, hier sey von einer Mehrheit dieRede: wir finden noch zwei Hülfschalen, nöthig, um das vicl-gliederige Geschöpf zu bedecken; wir sehen an der Stelle desSchlosses eine fünfte Schale, um dem Ganzen rückgratsweiseHalt und Zusammenhang zu geben. Das hier Gesagte wirdjedem deutlich, der Cuviers Anatomie dieses Geschöpfs: Llä-inoires 6u Llussum ck'bkistoirs naturell« Dorn. II. x. 100,vor sich nimmt.

Wir sehen aber hier kein isolirtes Wesen, sondern ver-bunden mit einem Stiele oder Schlauch, geschickt, sich irgendwoanzusaugen, dessen unteres Ende sich ausdehnt wie ein Uterus,welche Hülle des wachsenden Lebendigen sich sogleich von außenmit unerläßlichen Schaldecken zu scbützen geeignet ist.

Auf der Haut dieses Schlauches also finden sich an regel-mäßigen Stellen, die sich auf die innere Gestalt, auf bestimmteTheile des Thieres beziehen, prästabilirte fünf Schalenpunkte,welche, sobald sie in die Wirklichkeit eingetreten, sich bis aufeinen bestimmten Grad zu vergrößern nicht ablassen.

Hierüber würde nun eine noch so lange Betrachtung derLexus snstikers uns nicht weiter aufklären, da hingegen dieBeschallung einer andern Art, die zu niir unter dem NamenLexus pollicexs gekommen, in uns die tiefsten, allgemeinstenUeberzeugungen erweckt. Hier ist nämlich, bei derselben Haupt-bildung, die Haut des Schlauches nicht glatt, und etwa nurrunzelig, wie bei jeuer, sondern rauh, mit unzähligen kleinen,erhabenen, sich berührenden, rundlichen Punkten dicht besäet.Wir aber nehmen uns die Freiheit zu behaupten, eine jededieser kleinen Erhöhungen sey von der Natur mit Fähigkeitbegabt, eine Schale zu bilden, und weil wir dieß denken, soglauben wir es wirklich, bei mäßiger Vergrößerung, vor Augenzu sehen. Diese Punkte jedoch sind nur Schalen in der Mög-lichkeit, welche nicht wirklich werden, so lange der Schlauchsein anfängliches natürliches Engenmaaß behält. Sobald aberam untern Ende das wachsende Geschöpf seine nächste Um-gebung ausdehnt, so erhalten sogleich die möglichen Schaleneinen Antrieb, wirklich zu werden; bei Lexus auutiteru inRegel und Zahl eingeschränkt.

Nun waltet zwar bei Lexus pollicexs dieses Gesetz immernoch vor, aber ohne Zahleinschränkung: denn hinter den fünfHauptpunkten der Schalenwerdung entstehen abermals eiligeNachschalen, deren das innere wachsende Geschöpf, bei Un-zulänglichkeit und allzufrühcr Stockung der Hauptschalen, zufernerer Hülfe des Zudeckens und Sicherns bedarf.

Hier bewundern wir die Geschäftigkeit der Natur, denMangel der ausreichenden Kraft durch die Menge der Thätig-keiten zu ersetzen. Denn da, wo die fünf Hauptschalen nichtbis an die Verengerung reichen, entstehen sogleich in allendurch ihr Zusammenstoßen gebildeten Winkeln neue Schal-reihen, die, stufenweise kleiner, zuletzt eine Art von winzigerPerlenschnur um die Gränze der Ausdehnung bilden, wo so-dann aller Uebertritt aus der Möglichkeit in die Wirklichkeitdurchaus versagt ist.