Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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NritriiZk zur Optik.

Erstes Stück.1791 .

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Einleitung.

1 .

Gegen die Reize der Farben, welche über die ganze sicht-bare Natur ausgebreitet sind, werden nur wenig Menschenunempfindlich bleiben. Auch ohne BezUg auf Gestalt sind dieseErscheinungen dem Auge gefällig, und machen an und für sicheinen vergnügenden Eindruck. Wir sehen das einfache Grüneiner frischgemähten Wiese mit Zufriedenheit, ob es gleich nureine unbedeutende Fläche'ist, und ein Wald thut in einigerEntfernung schon als große einförmige Masse unserm Augewohl.

2 .

Reizender als dieses allgemeine grüne Gewand, in welchessich die ganze vegetabilische Statur gewöhnlich kleidet, sind jeneentschiedenem Farben, womit sie sich in den Stunden ihrerHochzeitseier schmückt. Sie tritt aus ihrer alltäglichen Gleich-gültigkeit hervor, und zeigt endlich, was sie lange vorbereitet,unserm Auge. Sie wirkt auf einmal, schnell, zu dem größtenZwecke. Die Dauer künftiger Geschlechter wird entschieden,und wir sehen in diesem Augenblicke die schönsten und munterstenBlumen und Blüthen.

3 .

Wie angenehm beleben bunte und gescheckte Thiere dieWälder und die Wiesen! Wie ziert der Schmetterling dieStaude, der Vogel den Baum! Ein Schauspiel, das wirNordländer freilich nur aus Erzählungen kennen. Wir staunen,als hörten wir ein Mährchen, wenn der entzückte Reisende unsvon einem Palmenwalde spricht, auf den sich ein Flug dergrößten und buntesten Papageien niederläßt und zwischen seinendunkeln Aesten sich wiegt.

4 .

Eben so wird es uns, wenn wir eine Zeit lang in demschönen Italien gelebt, ein Mährchen, wenn wir uns erinnern,wie harmonisch dort der Himmel sich mit der Erde verbindetund seinen lebhaften Glanz über sie verbreitet. Er zeigt unsmeist ein reines, tiefes Blau; die auf- und untergehendeSonne giebt uns einen Begriff vorn höchsten Roth bis zum

lichtesten Gelb; leichte hin und wieder ziehende Wolken färbensich mannichfaltig, und die Farben des himmlischen Gewölbestheilen sich auf die angenehmste Art dem Boden mit, auf demwir stehen. Eine blaue Ferne zeigt uns den lieblichsten Ueber-gang des Himmels zur Erde, und durch einen verbreitetenreinen Duft schwebt ein lebhafter Glanz in tausendfachenSpielungen über der Gegend. Ein angenehmes Blau färbtselbst die nächsten Schatten; der Abglanz der Sonne entzücktuns von Blättern und Zweigen, indeß der reine Himmel sichim Wasser zu unsern Füßen spiegelt. Alles, was unser Augeübersieht, ist so harmonisch gefärbt, so klar, so deutlich, undwir vergessen fast, daß auch Licht und Schatten in diesem Bildesey. Nur selten werden wir in unsern Gegenden an jene para-diesischen Augenblicke erinnert, und ich lasse einen Vorhangüber dieses Gemälde fallen, damit es uns nicht an ruhigerBetrachtung störe, die wir nunmehr anzustellen gedenken.

5 .

Wenn wir die Körper, aus denen die Welt besteht, imBezüge auf Farben betrachten, so können wir leicht bemerken,daß diese zarten Erscheinungen, did bei gewissen Veränderungendes Körpers so leicht entstehen und verschwinden, nicht etwazufällig sind, sondern von beständigen Gesetzen abhängen. Ge-wisse Farben sind gewissen Geschöpfen eigen, und jede Ver-änderung der äußerlichen Erscheinung läßt uns auf eine innerewesentliche Veränderung schließen. Die Rose verbleicht, indemsie verblüht, und die bunte Farbe des Waldes verkündigt unsdie rauhe Jahreszeit.

6 .

Von diesen Erfahrungen geleitet, schließen wir, daß esmit andern Wirkungen der Natur eben so beschaffen sey. In-dem wir den Himmel blau sehen, schreiben wir der Luft eineblaue Eigenschaft zu, und nehmen an, daß wir diese alsdannerst gewahr werden, wann wir eine große Luftmasse vor unshaben. Wir erklären auch die blaue Farbe der Berge auf dieseWeise, ob wir gleich bei näherer Aufmerksamkeit leicht be-merken, daß wir mit dieser Erklärung nicht auslaugen;denn wäre sie richtig, so müßten die entferntesten Berge am^ dunkelblauesten erscheinen, weil sich zwischen uns und ihnen