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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Beiträge zur Optik.

sind, sondern nur unter gewissen Umständen gesehen werden,möchte ich absolute Farben nennen, die mit ihnen correspon-direnden Oberflächen farbigeKörPer.

27 .

Wir bemerken, daß wir allen absoluten Farben körperlicheRepräsentanten stellen können, welche, ob sie gleich nicht indem Glänze wie jene erscheinen, dennoch sich ihnen in einemhohen Grade nähern und eine gewisse Verwandtschaft anzeigen.

28 .

Sind diese farbigen Körper von der Art, daß sie ihre Eigen-schaften ungefärbten oder anders gefärbten Körpern leicht mit-theilen, so nennen wir siesärbende Körper, oder nachdemVorschlage Herrn Hosraths Lichtenberg Pigmente.'

29 .

Wie wir nun auf diese Weise farbige Körper und Pigmentetheils finden, theils bereiten und mischen können, welche dieprismatischen Farben so ziemlich repräsentiern, so ist das reineWeiß dagegen ein Repräsentant des Lichts, das reine Schwarzein Repräsentant der Finsterniß, und in jenem Sinne, wie wirdie prismatische Erscheinung farbig nennen, ist Weiß undSchwarz keine Farbe; aber es giebt so gut ein weißes alsschwarzes Pigment, mit welchem sich diese Erscheinung aufandere Körper übertragen läßt.

30 .

Unter den eigentlich farbigen Erscheinungen sind nur zwei,die uns einen ganz reinen Begriff geben, nämlich Gelb undBlau. Sie haben die besondere Eigenschaft, daß sie, zusammenvermischt, eine dritte Farbe hervorbringen, die wir Grünnennen.

31 .

Dagegen kennen wir die rothe Farbe nie in einem ganzreinen Zustande; denn wir finden, daß sie sich entweder zumGelben oder zum Blauen hinneigt.

38 .

Von den übrigen Mischungen und Abstufungen wird erstin der Folge die Rede seyn können.

1 .

Prismatische Erscheinungen im allgemeinen.

33 .

Das Prisma, ein Instrument, welches in den Morgen-ländern so hoch geachtet wird, daß sich der Chinesische Kaiserden ausschließenden Besitz desselben, gleichsam als ein Majestäts-recht, vorbehält, dessen wunderbare Erscheinungen uns in derersten Jugend auffallen, und in jedem Alter Verwunderungerregen, ein Instrument, auf dem beinahe allein die bisherangenommene Farbentheorie beruht, ist der Gegenstand, mitdem wir uns zuerst beschäftigen werden.

34 .

Das Prisma ist allgemein bekannt, und es ist kaum nöthigzu sagen, daß solches ein länglicher gläserner Körper sey, dessenbeide Endflächen aus gleichen, parallelstehenden Triangeln ge-bildet sind. Parallele Ränder gehen rechtwinkelig von denWinkeln beider Endflächen aus, verbinden diese Endflächen undbilden drei gleiche Seiten.

l Errlebeni Natmlehre, fünfte Auflage, S, 3IS.

35 .

Gewöhnlich sind die Dreiecke, durch welche die Gestalt desPrismas bestimmt wird, gleichseitig, und folglich auch alleWinkel derselben gleich, und jeder von sechzig Graden. Es sinddiese zum Gebrauch ganz bequem und können bei unsern Ver-suchen nicht entbehrt werden. Doch wird es auch nöthig seyn,solche Prismen anzuwenden, deren Basis ein gleichschenkeligerspitzwinkeliger Triangel, ungefähr von fünfzehn bis zwanzigGraden, ist. Rechtwinkelige und stumpfwinkelige Prismen lassenwir vorerst unberührt.

36 .

Wenn wir ein gewöhnliches gleichseitiges Prisma vor dieAugen nehmen, so erscheinen uns die Gegenstände auf einemannichfaltige Weise gefärbt; die Erscheinung ist blendend undmanchen Augen schmerzhaft. Ich muß daher wünschen, daßdiejenigen, welche an meinen Bemühungen Antheil nehmenmöchten, und nicht gewohnt sind, durch'« Prisma zu sehen,zuerst ihr Auge daran üben, theils um sich an die Erscheinungzu gewöhnen, theils die Verwunderung, welche die Neuheitderselben erregt, einigermaaßen abzustumpfen. Denn sollenVersuche methodisch angestellt und in einer Reihe vorgetragenwerden, so ist es nöthig, daß die Seele des Beobachters aus derZerstreuung sich sammle und von dem Staunen zur Betrachtungübergehe.

37 .

Man nehme also zuerst das Prisma vor, betrachte durchdasselbe die Gegenstände des Zimmers und der Landschaft; manhalte den Winkel, durch den man sieht, bald oberwärts baldunterwärts; man halte das Prisma horizontal oder verticalund man wird immer dieselbigen Erscheinungen wahrnehmen.Die Linien werden im gewissen Sinne gebogen und gefärbtseyn; schmale, kleine Körper werden ganz farbig erscheinen,und gleichsam farbige Strahlen von ihnen ausfahren; mauwird Gelb, Roth, Grün, Blau, Violett und Pfirsichblllth baldhier und da erblicken; alle Farben werden harmoniren; manwird eine gewisse Ordnung wahrnehmen, ohne sie genau be-stimmen zu können, und ich wünsche, daß man diese Erschei-nungen so lange betrachte, bis man selbst ein Verlangen empfin-det, das Gesetz derselben näher einzusehen, und sich aus diesemglänzenden Labyrinthe herauszufinden. Alsdann erst wünschteich, daß man zu den nachstehenden Versuchen überginge, undsich gefallen ließe, der Demonstration mit Aufmerksamkeit zufolgen, und das, was erst Spiel war, zu einer ernsthaften Be-schäftigung zu machen.

II.

Besondere prismatische Versuche.

38 .

Ein durchsichtiger Körper kann im allgemeinen Sinne pris-matisch heißen, wenn zwei Flächen desselben in einem Winkelzusammen laufen. Wir haben auch bei einem jeden Prismanur auf diesen Winkel, welcher gewöhnlich derbrechende Winkelgenannt wird, zu sehen, und es kommen bei den Versuchen,welche gegenwärtig angestellt werden, nur zwei Flächen inBetracht, welche durch denselben verbunden werden. Bei einemgleichwinkeligen Prisma, dessen drei Flächen gleich sind, denken