Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Beitrüge zur Optik.

113

113. ,

Man sehe nun heraus und herab, vergleiche das rothe mit

dem weißen, die beiden blauen Vierecke mit einander, dasblaue mit dem rothen, das blaue mit dem weißen, und manwird die Verhältnisse dieser Flächen zu ihren Rändern deutlicheinsehen.

114.

Noch auffallender erscheinen die Ränder und ihre Verhält-nisse zu den farbigen Flächen, wenn man die farbigen Viereckeund das Schwarze auf weißem Grunde betrachtet; denn hierfällt jene Täuschung völlig weg, und die Wirkungen der Rän-der sind so sichtbar, als wir sie nur in irgend einem andernFalle gesehen haben. Man sehe zuerst das blaue und rotheViereck durch'« Prisma an. An beiden entsteht der blaue Randnunmehr oben; dieser, homogen mit dem Blauen, verbindetsich mit demselben und scheint es in die Hohe zu heben, nurdaß der hellblaue Rand oberwärts schon zu sichtbar ist. DasViolette ist auch herabwärts in's Blaue deutlich genug. Ebendieser obere blaue Rand ist nun mit dem rothen Viereckheterogen; er ist kaum sichtbar, und die violette Strahlungbringt, verbunden mit dem Gclbroth, eine Pfirsichbliithfarbezuwege.

115.

Wenn nun auch gleich in diesem Falle die obern Ränderdieser Vierecke nicht horizontal erscheinen, so erscheinen es dieuntern desto mehr; denn indem beide Farben, gegen dasWeiße gerechnet, dunkler sind, als sie gegen das Schwarze hellwaren, so entsteht unter beiden der rothe Rand mit seiner gel-ben Strahlung; er erscheint unter dem gelbrothen Viereck inseiner ganzen Schönheit, und unter dem blauen beinahe, wieer unter dem schwarzen erscheint, wie man bemerken kann,wenn man die darunter gesetzten Vierecke und ihre Ränder mitden obern vergleicht.

116.

Um nun diesen Versuchen die größte Mannichfaltigkeit undDeutlichkeit zu geben, find Vierecke von verschiedenen Farbenin der Mitte der Tafel halb auf die schwarze, halb auf dieweiße Seite geklebt. Man wird sie, nach jenen uns nun bei ^farbigen Flächen genugsam bekannt gewordenen Gesetzen, anihren Rändern verschiedentlich gefärbt finden, und die Viereckewerden in sich selbst entzwei gerissen und hinauf- oder hernnter-wärts gerückt scheinen. Da nun das Phänomen, das wir vor-hin an einem rothen und blauen Viereck auf schwarzem Grundebis zur Täuschung gesehen haben, uns an zwei Hälften einesVierecks von gleicher Farbe sichtbar wird, wie es denn an dem !mennigrothen kleinen Vierecke am allerauffallendsten ist, sowerden wir dadurch abermals auf die farbigen Ränder, ihreStrahlungen und auf die Wirkungen ihrer homogenen oderheterogenen Natur zu den Flächen, an denen sie erscheinen,aufmerksam gemacht.

117.

Ich überlasse den Beobachtern, die mannichfaltigen Schat-tirungen der halb auf Schwarz, halb auf Weiß befestigtenVierecke selbst zu vergleichen, und bemerke nur noch diescheinbare conträre Verzerrung, da Roth und Gelb aufSchwarz hinaufwärts, auf Weiß herunterwärt«, Blau ausSchwarz herunterwärts und auf Weiß hinaufwärts gezogenscheinen.

Goethe, Werke. VI.

118.

Es bleibt mir, ehe ich schließe, noch übrig, die schon be-kannten Versuche noch auf eine Art zu vermannichfaltigen. Esstelle der Beobachter die Tafel dergestalt vor sich, daß sich derschwarze Theil oben und der weiße unten befindet; er betrachtedurch's Prisma eben jene Vierecke, welche halb auf schwarzem,halb aus weißem Grunde stehen, nun horizontal neben einan-der: er wird bemerken, daß das rothe Viereck durch einen An-satz zweier rother Ränder gewinnt; er wird bei genauer Auf-merksamkeit die gelbe Strahlung von oben herein auf der rothenFläche bemerken, die untere gelbe Strahlung nach dem Weißenzu wird aber viel deutlicher seyn.

119.

Oben an dem gelben Viereck ist der rothe Rand sehr merk-lich, die gelbe Strahlung identificirt sich mit der gelben Fläche,nur wird solche etwas schöner dadurch. Der untere Rand hatnur wenig Roth, und die gelbe Strahlung ist sehr deutlich.Das hellblaue Viereck zeigt oben den dunkelrothen Rand sehrdeutlich; die gelbe Strahlung vermischt sich mit der blauenFarbe der Fläche, und bringt ein Grün hervor; der untereRand geht in eine Art von Violett über, die gelbe Strahlungist blaß. An dem blauen Viereck ist der obere rothe Rand kaumsichtbar, die gelbe Strahlung bringt herunterwärts ein schmutzi-ges Grün hervor; der untere rothe Rand und die gelbe Strah-lung zeigen sehr lebhafte Farben.

120 .

Wenn mannunin diesenFällenbemerkt, daß die rothe Flächedurch einen Ansatz aufbeiden Seiten zu gewinnen, die dunkelblauewenigstens von einer Seite zu verlieren scheint, so wird man,wenn man die Pappe umkehrt, daß der weiße Theil oben und d erschwarze unten sich befindet, das umgekehrte Phänomen erblicken.

121 .

Denn da nunmehr die homogenen Ränder und Strahlungenan den blauen Vierecken entstehen und sich mit ihnen verbinden,so scheinen sie beide vergrößert, ja ein Theil der Flächen selbstschöner gefärbt, und nur eine genaue Beobachtung wird dieRänder und Strahlungen von der Farbe der Fläche selbstunterscheiden lehren; das gelbe und rothe dagegen werden nun-mehr von den heterogenen Rändern eingeschränkt. Der obereblaue Rand ist an beiden fast gar nicht sichtbar; die violetteStrahlung zeigt sich als ein schönes Pfirsichblüth auf dem rothen,als ein sehr blasses auf dem gelben; die beiden untern Rändersind grün, an dem rothen schmutzig, lebhaft an dem gelben;die violette Strahlung bemerkt man unter dem rothen sehrwenig, mehr unter dem gelben.

122 .

Es lasten sich diese Versuche noch sehr vervielfältigen, wieich denn hier die farbigen Ränder der dunkelrothen, hochgelben,grünen und hellblauen Vierecke, die sich auf der einen Seiteder Tafel gleichfalls zwischen dem Schwarzen und Weißen be-finden, nicht umständlich beschreibe und hererzähle, da sie sichjeder Beobachter leicht selbst deutlich machen, und sich auf'sneue überzeugen kann, daß die farbigen Vierecke neben einan-der deßwegen durch's Prisma verschoben erscheinen, weil derAnsatz der homogenen und heterogenen Ränder eine Täuschunghervorbringt, die wir nur durch eine sorgfältige Reihe von Er-fahrungen rectificiren können.

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