Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre.

wir auf die verschiedenste Weise gewahr, bald als ein einfachesAbstoßen und Anziehen, bald als ein aufblickendes und ver-schwindendes Licht, als Bewegung der Luft, als Erschütterungdes Körpers, als Säurung und Entsäurung; jedoch immerals verbindend oder trennend, das Daseyn bewegend undirgend eine Art von Leben befördernd.

Indem man aber jenes Gewicht und Gegengewicht vonungleicher Wirkung zu finden glaubt, so hat man auch diesesVerhältniß zu bezeichnen versucht. Man hat ein Mehr undWeniger, ein Wirken ein Widerstreben, ein Thun ein Leiden,ein Vordringendes ein Zurückhaltendes, ein Heftiges einMäßigendes, ein Männliches ein Weibliches überall bemerktund genannt; und so entsteht eine Sprache, eine Symbolik, dieman auf ähnliche Fälle als Gleichniß, als nahverwandtenAusdruck, als unmittelbar passendes Wort anwenden undbenutzen mag.

Diese universellen Bezeichnungen, diese Natursprache auchauf die Farbenlehre anzuwenden, diese Sprache durch dieFarbenlehre, durch die Mannichfaltigkcit ihrer Erscheinungenzu bereichern, zu erweitern, und so die Mittheilung höhererAnschauungen unter den Freunden der Natur zu erleichtern,war die Hauptabsicht des gegenwärtigen Werkes.

Die Arbeit selbst zerlegt sich in drei Theile. Der erstegiebt den Entwurf einer Farbenlehre. In demselben sind dieunzähligen Fälle der Erscheinungen unter gewisse Haupt-phänomene zusammengefaßt, welche nach einer Ordnung auf-geführt werden, die zu rechtfertigen der Einleitung überlassenbleibt. Hier aber ist zu bemerken, daß, ob man sich gleichüberall an die Erfahrungen gehalten, sie überall zum Grundegelegt, doch die theoretische Ansicht nicht verschwiegen werdenkonnte, welche den Anlaß zu jener Aufstellung und Anordnunggegeben.

Ist es doch eine höchst wunderliche Forderung, die wohlmanchmal gemacht, aber auch selbst von denen, die sie machen,nicht erfüllt wird, Erfahrungen solle man ohne irgend eintheoretisches Band vortragen, und dem Leser, dem Schülerüberlassen, sich selbst nach Belieben irgend eine Ueberzeugungzu bilden. Denn das bloße Anblicken einer Sache kann unsnicht fördern. Jedes Ansehen geht über in ein Betrachten,jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Ver-knüpfen, und so kann man sagen, daß wir schon bei jedemaufmerksamen Blick in die Welt theoretisiren. Dieses aber mitBewußtseyn, mit Selbstkenntniß, mit Freiheit und, um unseines gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu thun undvorzunehmen, eine solche Gewandtheit ist nöthig, wenn dieAbstraktion, vor der wir uns fürchten, unschädlich, und dasErfahrungsresultat, das wir hoffen, recht lebendig und nützlichwerden soll.

Im zweiten Theil beschäftigen wir uns mit Enthüllung derNewtonschen Theorie, welche einer freien Ansicht der Farben-erscheinungen bisher mit Gewalt und Ansehen entgegengestan-den; wir bestreiten eine Hypothese, die, ob sie gleich nichtmehr brauchbar gefunden wird, doch noch immer eine her-kömmliche Achtung unter den Menschen behält. Ihr eigent-liches Verhältniß muß deutlich werden, die alten Irrthümersind wegzuräumen, wenn die Farbenlehre nicht wie bisherhinter so manchem andern, bester bearbeiteten Theile derNaturlehre zurückbleiben soll.

Da aber der zweite Theil unseres Werkes seinem Inhaltenach trocken, der Ausführung nach vielleicht zu heftig undleidenschaftlich scheinen möchte, so erlaube man uns hier einheiteres Gleichniß, um jenen ernstem Stoff vorzubereiten,und jene lebhafte Behandlung einigermaaßen zu entschuldigen.

Wir vergleichen die Newtonsche Farbentheorie mit eineralten Burg, welche von dem Erbauer anfangs mit jugend-licher Uebereilung angelegt, nach dem Bedürfniß der Zeit undUmstände jedoch nach und nach von ihm erweitert und aus-gestattet, nicht weniger bei Anlaß von Fehden und Feind-seligkeiten immer mehr befestigt und gesichert worden.

So verfuhren auch seine Nachfolger und Erben. Man wargenöthigt, das Gebäude zu vergrößern, hier daneben, hierdaran, dort hinaus zubauen, genöthigt durch die Vermehrunginnerer Bedürfnisse, durch die Zudringlichkeit äußerer Wider-sacher und durch manche Zufälligkeiten.

Alle diese fremdartigen Theile und Zuthaten mußten wiederin Verbindung gebracht werden durch die seltsamsten Galerien,Hallen und Gänge. Alle Beschädigungen, es sey von FeindesHand oder durch die Gewalt der Zeit, wurden gleich wieder-hergestellt. Man zog, wie es nöthig ward, üefere Gräben,erhöhte die Mauern und ließ es nicht an Thürmen, Erkernund Schießscharten fehlen. Diese Sorgfalt, diese Bemühungenbrachten ein Vorurtheil von dem hohen Werthe der Festunghervor, und erhielten's, obgleich Bau-und Befestigungskunstdie Zeit über sehr gestiegen waren, und man sich in andernFällen viel bessere Wohnungen und Waffenplätze einzurichtengelernt hatte. Vorzüglich aber hielt man die alte Burg inEhren, weil sie niemals eingenommen worden, weil sie somanchen Angriff abgeschlagen, manche Befehdung vereitelt undsich immer als Jungfrau gehalten hatte. Dieser Name, dieserRuf dauert noch bis jetzt. Niemand fällt es auf, daß der alteBau unbewohnbar geworden. Immer wird von seiner vor-trefflichen Dauer, von seiner köstlichen Einrichtung gesprochen.Pilger wallfahrten dahin; flüchtige Abrisse zeigt man in allenSchulen herum und empfiehlt sie der empfänglichen Jugendzur Verehrung, indessen das Gebäude bereits leer steht, nurvon einigen Invaliden bewacht, die sich ganz ernsthaft fürgerüstet halten.

Es ist also hier die Rede nicht von einer langwierigen Be-lagerung oder einer zweifelhaften Fehde. Wir finden vielmehrjenes achte Wunder der Welt schon als ein verlassenes, Ein-sturz drohendes Alterthum, und beginnen sogleich von Giebelund Dach herab es ohne weitere Umstände abzutragen, damitdie Sonne doch endlich einmal in das alte Ratten- und Eulen-nest hineinscheine und dem Auge des verwunderten Wanderersoffenbare jene labyrinthisch unzusammenhängende Bauart, dasenge Nothdürftige, das zufällig Aufgedrungene, das absichtlichGekünstelte, das kümmerlich Geflickte. Ein solcher Einblickist aber alsdann nur möglich, wenn eine Mauer nach der an-dern, ein Gewölbe nach dem andern fällt und der Schutt, soviel sich thun läßt, auf der Stelle hinweggeräumt wird.

Dieses zu leisten und wo möglich den Platz zu ebnen, diegewonnenen Materialien aber so zu ordnen, daß sie bei einemneuen Gebäude wieder benutzt werden können, ist die beschwer-liche Pflicht, die wir uns in diesem zweiten Theile auferlegthaben. Gelingt es uns nun, mit froher Anwendung möglichsterKraft und Geschickes jene Bastille zu schleifen und einen freien