Zur Farbriüchre.
Didaktischer Theil.
Der Durchlauchtigsten
Herzogin und Frauen Luisen
regierenden Herzogin von Sachsen-Welinor und trisenach.
Durchlauchtigste Herzogin!
Gnädigste Frau!
Wäre der Inhalt des gegenwärtigen Werkes auch nichtdurchaus geeignet, Ew. Durchlaucht vorgelegt zu werden,könnte die Behandlung des Gegebenen bei schärferer Prüfungkaum genug thun, so gehören doch diese Bände Ew. Durch-laucht ganz eigentlich an, und sind seit ihrer frühern EntstehungHöchstdenenselben gewidmet geblieben.
Denn hätten Ew. Durchlaucht nicht die Gnade gehabt,über die Farbenlehre so wie über verwandte Naturerscheinungeneinem mündlichen Vertrag Ihre Aufmerksamkeit zu schenken,so hätte ich mich wohl schwerlich im Stande gefunden, mirselbst manches klar zu machen, manches Auseinanderliegendezusammenzufassen und meine Arbeit, wo nicht zu vollenden,doch wenigstens abzuschließen.
Wenn es bei einem mündlichen Vortrage möglich wird,die Phänomene sogleich vor Augen zu bringen, manches inverschiedenen Rücksichten wiederkehrend darzustellen, so istdieses freilich ein großer Vortheil, welchen das geschriebene,das gedruckte Blatt vermißt. Möge jedoch dasjenige, wasaus dem Papier mitgetbeilt werden konnte, Höchstdieselben zueinigem Wohlgefallen an jene Stunden erinnern, die mirunvergeßlich bleiben, sowie mir ununterbrochen alles dasmannichfaltige Gute vorschwebt, da« ich seit längerer Zeit undin den bedeutendsten Augenblicken meines Lebens mir und vorvielen andern Ew. Durchlaucht verdanke.
Mit innigster Verehrung mich unterzeichnendEw. Durchlaucht
unterthäntgster
Weimar, den SO. Januar 1808. 3. W. v. Goethe.
Vorwort.
Ob man nicht, indem von den Farben gesprochen werdensoll, vor allen Dingen des Lichtes zu erwähnen habe, ist eine
l ganz natürliche Frage, aus die wir jedoch nur kurz und auf-j richtig erwiedern, es scheine bedenklich, da bisher schon so! viel und mancherlei von dem Lichte gesagt worden, das Gesagte! zu wiederholen oder das oft Wiederholte zu vermehren.
> Denn eigentlich unternehmen wir umsonst, das Wesen! eines Dings auszudrücken. Wirkungen werden wir gewahr,! und eine vollständige Geschichte dieser Wirkungen umfaßtel wohl allenfalls das Wesen jenes Dinges. Vergebens bemühenwir uns, den Charakter eines Menschen zu schildern; manstelle dagegen seine Handlungen, seine Thaten zusammen, undein Bild des Charakters wird uns entgegentreten.
Die Farben sind Thaten des Lichts, Thaten und Leiden.In diesem Sinne können wir von denselben Aufschlüsse überdas Licht erwarten. Farben und Licht stehen zwar unter ein-ander in dem genauesten Verhältniß, aber wir müssen uns beide^ als der ganzen Natur angehörig denken; denn sie ist es ganz,die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will.
Eben so entdeckt sich die ganze 'Natur einem andern Sinne.. Man schließe das Auge, man öffne, man schärfe das Ohr,und voin leisesten Hauch bis zum wildesten Geräusch, vom ein-fachsten Klang bis zur höchsten Zusammenstimmung, von demheftigsten leidenschaftlichen Schrei bis zum sanftesten Worteder Vernunft ist es nur die Natur, die spricht, ihr Daseyn,ihre Kraft, ihr Leben und ihre Verhältnisse offenbart, so daßein Blinder, dem das unendlich Sichtbare versagt ist, im Hör-baren ein unendlich Lebendiges fassen kann.
So spricht die Natur hinabwärts zu andern Sinnen, zubekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht siemit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen. DemAufmerksamen ist sie nirgends todt noch stumm; ja dem starrenErdkörper hat sie einen Verkanten zugegeben, ein Metall, an' dessen kleinsten Theilen wir dasjenige, was in der ganzenMasse vorgeht, gewahr werden sollten.
So mannichfaltig, so verwickelt und unverständlich uns oftdiese Sprache scheinen mag, so bleiben doch ihre Elementeimmer dieselbigen. Mit leisem Gewicht und Gegengewicht! wägt sich die Natur hin und her, und so entsteht ein Hüben undDrüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und Hernach, wo-durch alle die Erscheinungen bedingt werden, die uns im Raumund in der Zeit entgegentreten.
Diese allgemeinen Bewegungen und Bestimmungen werden