Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur garbenlebr«.

Gesetz, daß uns der kleine nähere Gegenstand den großem ent-fernten zudeckt.

23.

Nach Beschaffenheit der Augen ist die Dauer dieses Ein-drucks verschieden. Sie verhält sich wie die Herstellung derNetzhaut bei dem Uebergang aus dem Hellen in's Dunkle (10),und kann also nach Minuten und Secunden abgemessen werden,und zwar viel genauer, als es bisher durch eine geschwungene,brennende Lunte, die dem Hinblickenden Auge als ein Cirkelerscheint, geschehen konnte.

24.

Besonders auch kommt die Energie in Betracht, woniiteine Lichtwirkung das Auge trifft. Am längsten bleibt das Bildder Sonne; andere mehr oder wenigerleuchtende Körper lassenihre Spur länger oder kürzer zurück.

25.

Diese Bilder verschwinden nach und nach, und zwar indemsie sowohl an Deutlichkeit als an Größe verlieren.

26.

Sie nehmen von der Peripherie herein ab, und man glaubtbemerkt zu haben, daß bei viereckten Bildern sich nach und nachdie Ecken abstumpfen, und zuletzt ein immer kleineres rundesBild vorschwebt.

27.

Ein solches Bild, dessen Eindruck nicht mehr bemerklich ist,läßt sich auf der Retina gleichsam wiederbeleben, wenn wir dieAugen öffnen und schließen und mit Erregung und Schonungabwechseln.

28.

Daß Bilder sich bei Augenkrankheiten vierzehn bis siebzehnMinuten, ja länger auf der Retina erhielten, deutet auf äußersteSchwäche des Organs, auf dessen Unfähigkeit, sich wieder-herzustellen , so wie das Vorschweben leidenschaftlich geliebteroder verhaßter Gegenstände aus dem Sinnlichen in's Geistigedeutet.

29.

Blickt man, indessen der Eindruck abgedachten Fensterbildesnoch dauert, nach einer hellgrauen Fläche, so erscheint dasKreuz hell und der Scheibenraum dunkel. In jenem Falle (20)blieb der Zustand sich selbst gleich, so daß auch der Eindruckidentisch verharren konnte; hier aber wird eine Umkehrung be-wirkt, die unsere Aufmerksamkeit aufregt und von der uns dieBeobachter mehrere Fälle überliefert haben.

30.

Die Gelehrten, welche auf den Cordilleras ihre Beob-achtungen anstellten, sahen um den Schatten ihrer Köpfe, derauf Wolken fiel, einen hellen Schein. Dieser Fall gehört wohlhierher: denn indem sie das dunkle Bild des Schattens fixirtenund sich zugleich von der Stelle bewegten, so schien ihnen dasgeforderte helle Bild um das dunkle zu schweben. Man be-trachte ein schwarzes Rund auf einer hellgrauen Fläche, sowird man bald, wenn man die Richtung des Blicks im ge-ringsten verändert, einen hellen Schein um das dunkle Rundschweben sehen.

Auch mir ist ein ähnliches begegnet. Indem ich nämlichauf dem Felde sitzend mit einem Manne sprach, der, in einigerEntfernung.' vor mir stehend, einen grauen Himmel zum

Hintergrund hatte, so erschien mir, nachdem ich ihn lange scharfund unverwandt angesehen, als ich den Blick ein wenig ge-wendet, sein Kopf von einem blendenden Schein umgeben.

Wahrscheinlich gehört hierher auch das Phänomen, daßPersonen, die bei Aufgang der Sonne an feuchten Wiesenhergehen, einen Schein um ihr Haupt erblicken, der zugleichfarbig seyn mag, weil sich von den Phänomenen der Refractionetwas einmischt.

So hat man auch um die Schatten der Luftballone, welcheauf Wolken fielen, helle und einigermaaßen gefärbte Kreisebemerken wollen.

Pater Beccaria stellte einige Versuche an über die Wetter-elektricität, wo er den papiernen Drachen in die Höhe steigenließ. Es zeigte sich um diese Maschine ein kleines glänzendesWölkchen von abwechselnder Größe, ja auch um einen Theilder Schnur. Es verschwand zuweilen, und wenn der Drachesich schneller bewegte, schien es auf dem vorigen Platze einigeAugenblicke hin und wieder zu schweben. Diese Erscheinung,welche die damaligen Beobachter nicht erklären konnten, wardas im Auge zurückgebliebene, gegen den hellen Himmel in einHelles verwandelte Bild des dunkeln Drachen.

Bei optischen, besonders chromatischen Versuchen, wo manoft mit blendenden Lichtern, sie seyen farblos oder farbig, zuthun hat, muß man sich sehr vorsehen, daß nicht das zurück-gebliebene Spectrum einer vorhergehenden Beobachtung sichmit in eine folgende Beobachtung mische und dieselbe verwirrtund unrein mache.

31.

Diese Erscheinungen hat man sich folgendermaaßen zu er-klären gesucht. Der Ort der Retina, auf welchen das Bild desdunkeln Kreuzes fiel, ist als ausgeruht und empfänglich anzu-sehen. Auf ihn wirkt die mäßig erhellte Fläche lebhafter alsaus die übrigen Theile der Netzhaut, welche durch die Fenster-scheiben das Licht empfingen, und nachdem sie durch einen soviel stärkern Reiz in Thätigkeit gesetzt worden, die graue Flächenur als dunkel gewahr werden.

32.

Diese Erklärungsart scheint für den gegenwärtigen Fallziemlich hinreichend; in Betrachtung künftiger Erscheinungenaber sind wir genöthigt, das Phänomen aus höher» Quellenabzuleiten.

33.

Das Auge eines Wachenden äußert seine Lebendigkeit be-sonders darin, daß es durchaus in seinen Zuständen abzuwech-seln verlangt, die sich am einfachsten vom Dunkeln zum Hellenund umgekehrt bewegen. Das Auge kann und mag nicht einenMoment in einem besondern, in einem durch das Object speci-ficirten Zustande identisch verharren: es ist vielmehr zu einerArt von Opposition genöthigt, die, indem sie das Extrem demExtreme, das Mittlere dem Mittlern entgegensetzt, sogleichdas Entgegengesetzte verbindet, und in der Succession sowohlals in der Gleichzeitigkeit und Gleichörtlichkeit nach einemGanzen strebt.

34.

Vielleicht entsteht das außerordentliche Behagen, das wirbei dem wohlbehandelten Helldunkel farbloser Gemälde undähnlicher Kunstwerke empfinden, vorzüglich aus dem gleichzeiti-gen Gewahrwerden eines Ganzen, das von dem Organ sonst