124
Zur Farbenlehre.
Farben zugleich erblicken; welches um so bequemer geschehenkann, als die Tafeln entfernter stehen, indem das Spectrumalsdann größer erscheint.
44.
Ich befand mich gegen Abend in einer Eisenschmiede, alseben die glühende Masse unter den Hammer gebracht wnrdc.Ich hatte scharf darauf gesehen, wendete mich um und blicktezufällig in einen offenstehenden Kohlenschoppen. Ein unge-heures purpurfarbenes Bild schwebte nun vor meinen Augen,und als ich den Blick von der dunkeln Oeffnung weg nach demhellen Breterverschlag wendete, so erschien mir das Phänomenhalb grün, halb purpurfarben, je nachdem es einen dunklernoder Hellern Grund hinter sich hatte. Auf das Abklingen dieserErscheinung merkte ich damals nicht.
45.
Wie das Abklingen eines umschriebenen Glanzbildes, ver-hält sich auch das Abklingen einer totalen Blendung der Re-tina. Die Purpurfarbe, welche die vom Schnee Geblendetenerblicken, gehört hierher, so wie die ungemein schöne grüneFarbe dunkler Gegenstände, nachdem man auf ein weißes Pa-pier in der Sonne lange hingesehen. Wie es sich näher damitverhalte, werden diejenigen künftig untersuchen, deren jugend-liche Augen, um der Wissenschaft willen, noch etwas auszu-stehen fähig sind.
46.
Hierher gehören gleichfalls die schwarzen Buchstaben, dieim Abendlichte roth erscheinen. Vielleicht gehört auch die Ge-schichte hierher, daß sich Blutstropfen auf dem Tische zeigten,an den sich Heinrich IV. von Frankreich mit dem Herzog vonGuise, um Würfel zu spielen, gesetzt hatte.
V.
Farbige Bilder.
47.
Wir wurden die physiologischen Farben zuerst beim Ab-klingen farbloser blendender Bilder, so wie auch bei abklingen-den allgemeinen farblosen Blendungen gewahr. Nun findenwir analoge Erscheinungen, wenn dem Auge eine schon specifi-cirte Farbe geboten wird, wobei uns alles, was wir bishererfahren haben, immer gegenwärtig bleiben muß.
48.
Wie von den farblosen Bildern, so bleibt auch von denfarbigen der Eindruck im Auge, nur daß uns die zur Opposi-tion aufgeforderte und durch den Gegensatz eine Totalität her-vorbringende Lebendigkeit der Netzhaut anschaulicher wird.
49.
Man halte ein keines Stück lebhaft farbigen Papiers oderseidenen Zeuges vor eine mäßig erleuchtete weiße Tafel, schaueunverwandt auf die kleine farbige Fläche und hebe sie, ohnedas Auge zu verrücken, nach einiger Kit hinweg, so wird dasSpectrnm einer andern Farbe auf der weißen Tafel zu sehenseyn. Man kann auch das farbige Papier an seinem Orte lassen,und mit dem Auge auf einen andern Fleck der weißen TafelHinblicken, so wird jene farbige Erscheinung sich auch dort sehenlassen; denn sie entspringt aus einem Bilde, das nunmehr demAuge angehört.
50 .
Um in der Kürze zu bemerken, welche Farben denn eigent-lich durch diesen Gegensatz hervorgerufen werden, bediene mansich des illuminirten Farbenkreises unserer Tafeln, der über-haupt naturgemäß eingerichtet ist, und auch hier seine gutenDienste leistet, indem die in demselben diametral einander ent-gegengesetzten Farben diejenigen sind, welche sich im AugeWechselsweise fordern. So fordert Gelb das Violette, Orangedas Blaue, Purpur das Grüne, und umgekehrt. So fordernsich alle Abstufungen Wechselsweise, die einfachere Farbe fordertdie zusammengesetztere, und umgekehrt.
51.
Oefter, als wir denken, kommen uns die hierher gehörigenFälle im gemeinen Leben vor, ja der Aufmerksame sieht dieseErscheinungen überall, da sie hingegen von dem ununterrichte-ten Theil der Menschen, wie von unsern Vorfahren, als flüch-tige Fehler angesehen werden, ja manchmal gar, als wären esVorbedeutungen von Augenkrankheiten, sorgliches Nachdenkenerregen. Einige bedeutende Fälle mögen hier Platz nehmen.
52.
Als ich gegen Abend in ein Wirthshaus eintrat und einwohlgewachsenes Mädchen mit blendend weißem Gesicht, schwar-zen Haaren und einem scharlachrothen Mieder zu mir in's Zim-mer trat, blickte ich sie, die in einiger Entfernung vor mirstand, in der Halbdämmerung scharf an. Indem sie sich nundarauf hinwegbewegte, sah ich auf der mir entgegenstehendenweißen Wand ein schwarzes Gesicht, mit einem hellen Scheinumgeben, und die übrige Bekleidung der völlig deutlichenFigur erschien von einem schönen Meergrün.
53.
Unter dem optischen Apparat befinden sich Brustbilder vonFarben und Schattirungen, denen entgegengesetzt, welche dieNatur zeigt, und man tzM, wenn man sie eine Zeit lang an-geschaut, die Scheingestalt alsdann ziemlich natürlich gesehenhaben. Die Sache ist an sich selbst richtig und der Erfahrunggemäß: denn in obigem Falle hätte mir eine Mohrin mitweißer Binde ein weißes Gesicht schwarz umgeben hervorge-bracht; nur will es bei jenen gewöhnlich klein gemalten Bildernnicht jedermann glücken, die Theile der Scheinfigur gewahr zuwerden.
54.
Ein Phänomen, das schon früher bei den NaturforschernAufmerksamkeit erregt, läßt sich, wie ich überzeugt bin, auchaus diesen Erscheinungen ableiten.
Man erzählt, daß gewisse Blumen im Sommer bei Abend-zeit gleichsam blitzen, phosphoresciren oder ein augenblicklichesLicht ausströmen. Einige Beobachter geben diese Erfahrungengenauer an.
Dieses Phänomen selbst zu sehen hatte ich mich oft bemüht,ja sogar, um es hervorzubringen, künstliche Versuche angestellt.
Am 19. Juni 1799, als ich zu später Abendzeit, bei der ineine klare Nacht übergehenden Dämmerung, mit einem Freundeim Garten auf und ab ging, bemerkten wir sehr deutlich an denBlumen des Orientalischen Mohns, die vor allen andern einesehr mächtig rothe Farbe haben, etwas Flammenähnliches,das sich in ihrer Nähe zeigte. Wir stellten uns vor die Staudenhin, sahen aufmerksam darauf, konnten aber nichts weiterbemerken, bis uns endlich, bei abermaligem Hin- und