Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil. 135

179.

Doch wir abstrahiren vorerst, indem wir uns zu den durch-sichtigen Mitteln wenden, von aller ihnen einigermaaßen bei-wohnenden Trübe, und richten unsere ganze Aufmerksamkeitauf das hier eintretende Phänomen, das unter dem Kunstnamcnder Refraction bekannt ist.

180.

Wir haben schon bei Gelegenheit der physiologischen Farbendasjenige, was man sonst Augentäuschungen zu nennen Pflegte,als Thätigkeiten des gesunden und richtig wirkenden Auges ge-rettet (2), und wir kommen hier abermals in den Fall, zuEhren unserer Sinne und zu Bestätigung ihrer Zuverlässigkeiteiniges auszuführen.

181.

In der ganzen sinnlichen Welt kommt alles überhaupt aufdas Verhältniß der Gegenstände unter einander an, vorzüglichaber auf das Verhältniß des bedeutendsten irdischen Gegen-standes , des Menschen, zu den übrigen. Hierdurch trennt sichdie Welt in zwei Theile, und der Mensch stellt sich als einSubject dem Object entgegen. Hier ist es, wo sich der Prak-tiker in der Erfahrung, der Denker in der Speculation ab-müdet und einen Kamps zu bestehen aufgefordert ist, der durchkeinen Frieden und durch keine Entscheidung geschloffen werdenkann.

182.

Immer bleibt es aber auch hier die Hauptsache, daß dieBeziehungen wahrhaft eingesehen werden. Da nun unsereSinne, in sofern sie gesund sind, die äußern Beziehungen amwahrhaftesten aussprechcn, so können wir uns überzeugen, daßsie überall, wo sie dem Wirklichen zu widersprechen scheinen,das wahre Verhältniß desto sicherer bezeichnen. So erscheintuns das Entfernte kleiner, und eben dadurch werden wir jdie Entfernung gewahr. An farblosen Gegenständen brachtenwir durch farblose Mittel farbige Erscheinungen hervor, und !wurden zugleich auf die Grade des Trüben solcher Mittel auf- !merksam. l

183. !

Eben so werden unserm Auge die verschiedenen Grade der

Dichtigkeit durchsichtiger Mittel, ja sogar noch andere Physischeund chemische Eigenschaften derselben bei Gelegenheit der Re-sraction bekannt, und fordern uns auf, andere Prüfungenanzustellen, um in die von einer Seite schon eröffneten Ge- !Heimnisse auf physischem und chemischem Wege völlig einzu- .dringen.

184.

Gegenstände, durch mehr oder weniger dichte Mittel ge- ^sehen, erscheinen uns nicht an der Stelle, an der sie sich, nach ^den Gesetzen der Perspective, befinden sollten. Hierauf beruhen !die dioptrischen Erscheinungen der zweiten Classe. ^

185. !

Diejenigen Gesetze des Sehens, welche sich durch mathe- !

matische Formeln ausdrücken lassen, haben zum Grunde, daß, ^so wie das Licht sich in gerader Linie bewegt, auch eine gerade ^Linie zwischen dem sehenden Organ und dem gesehenen Gegen- ^stand müsse zu ziehen seyn. Kommt also der Fall, daß das jLicht zu uns in einer gebogenen oder gebrochenen Linie anlangt, !daß wir die Gegenstände in einer gebogenen oder gebrochenen ?Linie sehen, so werden wir alsobald erinnert, daß die dazwischen- !

liegenden Mittel sich verdichtet, daß sie diese oder jene fremdeNatur angenommen haben.

186.

Diese Abweichung vom Gesetz des geradlinigen Sehenswird im allgemeinen die Refracüon genannt, und ob wir gleichvoraussetzen können, daß unsere Leser damit bekannt sind, sowollen wir sie doch kürzlich von ihrer objectiven und subjectiven -Seite hier nochmals darstellen.

187.

Man lasse in ein leeres kubisches Gefäß das Sonnenlichtschräg in der Diagonale hineinscheinen, dergestalt daß nur diedem Licht entgegengesetzte Wand, nicht aber der Boden er-leuchtet sey; man gieße sodann Wasser in dieses Gesäß, undder Bezug des Lichtes zu demselben wird sogleich verändertseyn. Das Licht zieht sich gegen die Seite, wo es herkommt,zurück, und ein Theil des Bodens wird gleichfalls erleuchtet.An dem Punkte, wo nunmehr das Licht in das dichtere Mitteltritt, weicht es von seiner geradlinigen Richtung ab und scheintgebrochen; deßwegen man auch dieses Phänomen die Bre-chung genannt hat. So viel von dem objectiven Versuche.

188.

Zu der subjectiven Erfahrung gelangen wir aber folgender-maaßen. Man setze das Auge an die Stelle der Sonne, dasAuge schaue gleichfalls in der Diagonale über die eine Wand,so daß es die ihm entgegenstehende jenseitige innere Wandflächevollkommen, nichts aber vom Boden sehen könne. Man gießeWasser in das Gefäß, und das Auge wird nun einen Theil desBodens gleichfalls erblicken, und zwar geschieht es auf eineWeise, daß wir glauben, wir sehen noch immer in geraderLinie: denn der Boden scheint uns herausgehoben; daher wirdas subjektive Phänomen mit dem Namen der Hebung be-zeichnen. Einiges, was noch besonders merkwürdig hierbei ist,wird künftig vorgetragen werden.

189.

Sprechen wir dieses Phänomen nunmehr im allgemeinenaus, so können wir, was wir oben angedeutet, hier wieder-holen, daß nämlich der Bezug der Gegenstände verändert, ver-rückt werde.

190.

Da wir aber bei unserer gegenwärtigen Darstellung dieobjectiven Erscheinungen von den subjectiven zu trennen ge-meint sind, so sprechen wir das Phänomen vorerst subjectivaus, und sagen, es zeige sich eine Verrückung des Gesehenenoder des zu Sehenden.

191.

Es kann nun aber das unbegränzt Gesehene verrückt wer-den, ohne daß uns die Wirkung bemerklich wird. Verrückt sichhingegen das begränzt Gesehene, so haben wir Merkzeichen,daß eine Verrückung geschieht. Wollen wir uns also von einersolchen Veränderung des Bezuges unterrichten, so werden wiruns vorzüglich an die Verrückung des begränzt Gesehenen, andie Verrückung des Bildes zu halten haben.

192.

Diese Wirkung überhaupt kann aber geschehen durch paralleleMittel: denn jedes parallele Mittel verrückt den Gegenstandund bringt ihn sogar im Perpendikel dem Auge entgegen.Merklicher aber wird dieses Verrücken durch nicht ParalleleMittel.