Titanischer Theil.
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Eben diese Erscheinungen kommen noch in zwei ähnlichenFällen vor. Wenn ganze durchsichtige Massen sich von ein»ander in deni Grade trennen, daß die Flächen ihrer Theile sich»och hinreichend berühren, so sieht man dieselben Kreise undWellen mehr oder weniger. Man kann sie sehr schön hervor-bringen , wen» man eine erhitzte Glasmasse in's Wasser taucht,in deren verschiedenen Rissen und Sprüngen man die Farbenin mannichfaltigen Zeichnungen bequem beobachten kann. DieNatur zeigt uns oft dasselbe Phänomen an gesprungenem Berg-krystall.
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Häufig aber zeigt sich diese Erscheinung in der mineralischenWelt an solchen Steinarten, welche ihrer Natur nach blätterigsind. Tiefe ursprünglichen Lainellen sind zwar so innig ver-bunden, daß Steine dieser Art auch völlig durchsichtig undfarblos erscheinen können; doch werden die innerlichen Blätterdurch manche Zufälle getrennt, ohne daß die Berührung auf-gehoben werde; und so wird die uns nun genugsam bekannteErscheinung öfters hervorgebracht, besonders bei Kalkspathen,bei Fraueneis, bei der Adularia und mehrern ähnlich gebildetenMineralien. Es zeigt also eine Unkenntniß der nächsten Ur-sachen einer Erscheinung, welche zufällig so oft hervorgebrachtwird, wenn man sie in der Mineralogie für so bedeutendhielt, und den Exemplaren, welche sich zeigten, einen besondernWerth beilegte.
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Es bleibt uns nur noch übrig, von der höchst merkwürdigenUmwendung dieses Phänomens zu sprechen, wie sie uns vonden Naturforschern überliefert worden. Wenn man nämlich,anstatt die Farben bei reflectirtem Lichte zu betrachten, sie beidurchfallendem Licht beobachtet, so sollen au derselben Stelledie entgegengesetzten, nud zwar auf eben die Weise, wie wirsolche oben physiologisch, als Farben, die einander fordern,angegeben haben, erscheinen. An der Stelle des Blauen sollman das Gelbe, und umgekehrt, an der Stelle des Rothen dasGrüne u. s. w. sehen. Die nähern Versuche sollen künftig an-gegeben werden, um so mehr als bei uns über diesen Punktnoch einige Zweifel obwalten.
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Verlangte man nun von uns, daß wir über diese bishervorgetragenen epoptischen Farben, die unter der ersten Bedin-gung erscheinen, etwas Allgemeines aussprechen und diesePhänomene an die frühern physischen Erscheinungen anknüpfensollten, so würden wir folgendermaaßen zu Werke gehen.
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Die Gläser, welche zu den Versuchen gebraucht werden,sind als ein empirisch möglichst Durchsichtiges anzusehen. Siewerden aber, nach unserer Ueberzeugung, durch eine innigeBerührung, wie sie der Druck verursacht, sogleich auf ihrenOberflächen, jedoch nur auf das leiseste, getrübt. Innerhalbdieser Trübe entstehen sogleich die Farben, und zwar enthältjeder Ring das ganze System; denn indem die beiden entgegen-gesetzten, das Gelbe und Blaue, mit ihren rothen Enden ver-bunden sind, zeigt sich der Purpur, das Grüne hingegen, wie beidem prismatischen Versuch, wenn Gelb und Blau sich erreichen.
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Wie durchaus bei Entstehung der Farbe das ganze System
gefordert wird, haben wir schon früher mehrmals erfahren,und es liegt auch in der Natur jeder physischen Erscheinung,es liegt schon in dem Begriff von polarischer Entgegensetzung,wodurch eine elementare Einheit zur Erscheinung kommt.
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Daß bei durchscheinendem Licht eine andere Farbe sich zeigtals bei reflectirtem, erinnert uns an jene dioptrischen Farbender ersten Classe, die wir auf eben diese Weise aus deni Trübenentspringen sahen. Daß aber auch hier ein Trübes obwalte,daran kann fast kein Zweifel seyn: denn das Ineinandergreifender glättesten Glasplatten, welches so stark ist, daß sie fest aueinander hängen, bringt eine Halbvereinigung hervor, die jedervon beiden Flächen etwas an Glätte und Durchsichtigkeit ent-zieht. Den völligen Ausschlag aber möchte die Betrachtunggeben, daß in der Mitte, wo die Linse am festesten auf das an-dere Glas aufgedrückt und eine vollkommene Vereinigung her-gestellt wird, eine völlige Durchsichtigkeit entstehe, wobei mankeine Farbe mehr gewahr wird. Jedoch mag alles dieses seineBestätigung erst nach vollendeter allgemeiner Uebersicht desGanzen erhalten.
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Zweite Bedingung. Wenn man eine angehauchteGlasplatte mit dem Finger abwischt und sogleich wieder an-haucht, sieht man sehr lebhaft durch einander schwebende Far-ben, welche, indem der Hauch abläuft, ihren Ort verändernund zuletzt mit dem Hauche verschwinden. Wiederholt mandiese Operation, so werden die Farben lebhafter und schöner,und scheinen auch länger als die ersten Male zu bestehen.
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So schnell auch dieses Phänomen vorübergeht und so coufuses zu seyn scheint, so glaube ich doch folgendes bemerkt zuhaben. Im Anfange erscheinen alle Grundfarben und ihre Zu-sammensetzungen. Haucht man stärker, so kann man die Er-scheinung in einer Folge gewahr werden. Dabei läßt sich be-merken, daß, wenn der Hauch im Ablaufen sich von allenSeiten gegen die Mitte des Glases zieht, die blaue Farbe zuletztverschwindet.
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Das Phänomen entsteht am leichtesten zwischen den zartenStreifen, welche der Strich des Fingers auf der klaren Flächezurückläßt, oder es erfordert eine sonstige gewissermaaßen rauheDisposition der Oberfläche des Körpers. Auf manchen Gläsernkann man durch den bloßen Hauch schon die Farbenerscheinunghervorbringen, auf andern hingegen ist das Reiben mit demFinger nöthig; ja ich habe geschliffene Spiegelgläser gefunden,von welchen die eine Seite, angehaucht, sogleich die Farbenlebhaft zeigte, die andere aber nicht. Nach den überbliebenenFacetten zu urtheilen, war jene ehemals die freie Seite desSpiegels, diese aber die innere, durch das Quecksilber bedecktegewesen.
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Wie nun diese Versuche sich am besten in der Kälte anstellenlassen, weil sich die Platte schneller und reiner anhauchen läßtund der Hauch schneller wieder abläuft, so kann man auch, beistarkem Frost in der Kutsche fahrend, das Phänomen im großengewahr werden, wenn die Kutschenfenster sehr rein geputzt undsämmtlich aufgezogen sind. Der Hauch, der in der Kutschesitzenden Personen schlägt auf das zarteste an die Scheiben und