Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Didaktischer Theil.

159

471.

Sechste Bedingung. Wenn Metalle erhitzt werden,so entstehen auf ihrer Oberfläche flüchtig aus einander folgendeFarben, welche jedoch nach Belieben festgehalten werden können.

472.

Man erhitze einen polirten Stahl, und er wird in einemgewissen Grad der Wärme gelb überlaufen. Nimmt man ihnschnell von den Kohlen weg, so bleibt ihm diese Farbe.

473.

Sobald der Stahl heißer wird, erscheint das Gelbe dunkler,höher und geht bald in den Purpur hinüber. Dieser ist schwerfestzuhalten; denn er eilt sehr schnell in's Hochblaue.

474.

Dieses schöne Blau ist festzuhalten, wenn man schnell denStahl aus der Hitze nimmt und ihn in die Asche steckt. Dieblau angelaufenen Stahlarbeiten werden auf diesen! Wegehervorgebracht. Fährt man aber fort, den Stahl frei über demFeuer zu halten, so wird er in kurzem hellblau, und so bleibt er.

475.

Diese Farben ziehen wie ein Hauch über die Stahlplatle,eine scheint vor der andern zu fliehen; aber eigentlich ent-wickelt sich immer die folgende aus der vorhergehenden.

476.

Wenn man ein Federmesser in's Licht hält, so wird einfarbiger Streif quer über die Klinge entstehen. Der Theil desStreifes, der am tiefsten in der Flamme war, ist hellblau,das sich in's Blaurothe verliert. Der Purpur steht in derMitte, dann folgt Gelbroth und Gelb.

477.

Dieses Phänomen leitet sich aus dem vorhergehenden ab;denn die Klinge nach dem Stiele zu ist weniger erhitzt als ander Spitze, welche sich in der Flamme befindet; und so müssenalle Farben, die sonst nach einander entstehen, auf einmalerscheinen, und man kann sie auf das beste figirt aufbewahren.

478.

Robert Bohle giebt diese Farbensuccession folgender-maaßen an: tloricko tlsvo sck tlnvulw ssturuw et rubes-eeuteirr sauern srtiüoes ssnAuineum voesut), lircke ocklsriAuickum, xosteu sck ssturiorem a)-sneum. Dieses wäreganz gut, wenn man die Worte lunguickuZ und 8uturior ihreStellen verwechseln ließe. In wiefern die Bemerkung richtigist, daß die verschiedenen Farben auf die Grade der folgendenHärtung Einfluß haben, lassen wir dahingestellt seyn. DieFarben sind hier nur Anzeichen der verschiedenen Grade derHitze.

47S.

Wenn man Blei calciuirt, wird die Oberfläche erst grau-lich. Dieses grauliche Pulver wird durch größere Hitze gelbund sodann »ränge. Auch das Silber zeigt bei der ErhitzungFarben. Der Blick des Silbers beim Abtreiben gehört auchhierher. Wenn metallische Gläser schmelzen, entstehen gleich-falls Farben auf der Oberfläche.

480.

S icbente Bedingung. Wenn die Oberfläche desGlases angegriffen wird. Das Blindwerden des Glases istuns oben schon merkwürdig gewesen. Man bezeichnet durchdiesen Ausdruck, wenn die Oberfläche des Glases dergestaltangegriffen wird, daß es uns trüb erscheint.

481.

Das weiße Glas wird am ersten blind, deßgleichen ge-gossenes und nachher geschliffenes Glas, das bläuliche weniger,das grüne am wenigsten.

482.

Eine GlaStasel hat zweierlei Seiten, davon man die einedie Spiegelseite nennt. Es ist die, welche im Ofen oben liegt,an der man rundliche Erhöhungen bemerken kann. Sie istglätter als die andere, die im Ofen unten liegt, und anwelcher man manchmal Kritzen bemerkt. Man nimmt deß-wegen gern die Spiegelscite in die Zimmer, weil sie durch dievon innen anschlagende Feuchtigkeit weniger als die andereangegriffen, und das Glas daher weniger blind wird.

483.

Dieses Blindwerden oder Trüben des Glases geht nachund nach in eine Farbenerscheinung über, die sehr lebhaftwerden kann, und bei welcher vielleicht auch eine gewisseSuccession oder sonst etwas Ordnungsgemäßes zu entdeckenwäre.

484.

Und so hätten wir denn auch die physischen Farben vonihrer leisesten Wirkung an bis dahin geführt, wo sich dieseflüchtigen Erscheinungen an die Körper festsetzen, und wirwären auf diese Weise an die Gränze gelangt, wo die chemi-schen Farben eintreten, ja gewissermaaßen haben wir dieseGränze schon überschritten; welches für die Stetigkeit unseresVortrags ein gutes Vorurtheil erregen mag. Sollen wir abernoch zu Ende dieser Abtheilung etwas Allgemeines aussprechen,und aus ihren innern Zusammenhang hindeuten, so fügenwir zu dem, was wir oben (451454) gesagt haben, nochfolgendes hinzu.

485.

Das Anlaufen des Stahls und die verwandten Erfahrungenkönnte man vielleicht ganz bequem aus der Lehre von den trübenMitteln herleiten. Polirter Stahl wirft mächtig das Lichtzurück. Man denke sich das durch die Hitze bewirkte Anlaufenals eine gelinde Trübe; sogleich müßte daher ein Hellgelb er-scheinen , welches bei zunehmender Trübe immer verdichteter,gedrängter und röther, ja zuletzt Purpur- und rubinroth er-scheinen muß. Wäre nun zuletzt diese Farbe auf den höchstenPunkt des Dunkelwerdens gesteigert, und man dächte sich dieimmer fortwaltende Trübe, so würde diese nunmehr sich überein Finsteres verbreiten, und zuerst ein Violett, dann einDunkelblau und endlich ein Hellblau hervorbringen, und so dieReihe der Erscheinungen beschließen.

Wir wollen nicht behaupten, daß man mit dieser Er-klärungsart völlig auslange, unsere Absicht ist vielmehr, nurauf den Weg zu deuten, aus welchem zuletzt die alles um-fassende Formel: das eigentliche Wort des Räthsels, gefundenwerden kann.

Dritte Abtheilung.Chemische Farben.

486.

So nennen wir diejenigen, welche wir an gewissen Kör-pern erregen, mehr oder weniger fixiren, an ihnen steigern,