Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre.

Hülse zu fassen, oben und unten offen, an deren einem Ende isich ein schwarz angelaufener Spiegel im Charnier gleichsam !als ein Deckelchen bewegte. Diesen einfachen Apparat, womitdie eigentlichen Haupt- und Urversuche können angestellt wer-den, empfehlen wir jedem Naturfreunde; uns wenigstenskommt er nicht von der Seite. Reisenden würden wir ihn be-sonders empfehlen; denn wie angenehm müßte es sehn, ineinem Lande, wo der Himmel Monate lang blau ist, dieseVersuche von der frühesten Morgendämmerung bis zur letztenAbenddämmerung zu wiederholen! Man würde alsdann inden längsten Tagen auch schon mit einem einfachen Apparatden Bezirk um die Sonne, wo der schwarze Kreis erscheint,näher bestimmen können; ferner würde, je mehr man sich derLinie nähert, zu Mittage rings um den Horizont der weißeKreis vollkommen sichtbar sehn. Auf hohen Bergen, wo derHimmel immer mehr ein tieferes Blau zeigt, würde sehr in-teressant seyn zu erfahren, daß die Atmosphäre, auch aus demdunkelster. Blau den directen Widerschein zu uns herabsendend,immer noch das weiße Kreuz erzeugt; ferner müßte in nörd-lichen Ländern, wo die Nächte kurz, oder wo die Sonne gar-nicht untergeht, dieses allgemeine Naturgesetz wieder aus einebesondere Weise sich bethätigen. Auch wären bei leichtern oderdichtern Nebeln die Beobachtungen nicht zu versäumen, undwer weiß, was »eicht alles für Gelegenheiten einem geistreichenBeobachter die anmuthigste Belehrung darböten, nicht gerechnet,daß er sogar ein heiteres Spielzeug in der Tasche trägt, wo-durch er jedermann überraschen, unterhalten und zugleich einPhänomen allgemeiner bekannt machen kann, welches, alseine der wichtigsten Entdeckungen der neuesten Zeit, iinmermehr geachtet werden wird. Wenn nun solche muntere Männerin der weiten Welt auf diesen Punkt ihre Thätigkeit in» Vor-übergehen wendeten, so würde es Akademien der Wissenschaftenwohl geziemen, den von uns angezeigten vierfachen Apparatfertigen zu lassen, und in gleicher Zeit alle übrigen Körperund Einrichtungen, die wir in der Farbenlehre zu einfachernund zusammengesetztem Versuchen angedeutet, aufzustellen,dainit die entoptischen Farben in Gefolg der physiologischen,physischen und chemischen vorgezeigt, und die Farbenlehre,welche doch eigentlich auf die Augen angewiesen ist, endlicheinmal methodisch könne vor Augen gestellt werden.

Es würde sodann auch der Vertrag akademischer Lehrer in

! diesem Fache mehr Klarheit gewinne»», und dem frischen! Menschenverstände der Jugend zu Hülse kommen, anstatt daßman jetzt noch immer die Köpfe verderben muß, um sie be-lehren zu können. Und gerade in diesein Fache, vielleicht mehrals irgend einem andern, droht der Physik eine Verwirrung,die mehrere Lustra anhalten kann: denn indem man das alteUnhaltbare immer noch erhalten und fortpflanzen will, sodringt sich doch auch das neue Wahrhaftige, und wäre es auchnur in einzelnen Theilen, den Menschen auf; nun kommt dieZeit, wo man jenes nicht ganz verwerfen, dieses nicht ganzaufnehmen will, sondern beides einander zu accomodiren sucht,wodurch eine Halbheit und Verderbtheit in den Köpfen entsteht,durch keine Logik wiederherzustellen.

Xlll.

Schlußanwendmig, praktisch.

Zum Schlüsse wiederholen wir, was nicht genug zu »nieder-holen ist, daß eine jede ächte, treu beobachtete und redlich aus-gesprochene Naturmaxime sich in tausend und aber tausendFällen bewahrheiten und, in sofern sie prägnant ist, ihre Ver-wandtschaft mit eben so fruchtbaren Sätzen bethätigen müsse,und eben dadurch überall in's Praktische eingreifen werde,weil ja das Praktische eben in verständiger Benutzung undklugem Gebrauch desjenigen besteht, was uns die Natur dar-bietet.

Aus dieser Ueberzeugung fließt unsere Art, die Naturlehrezu behandeln; hierauf gründet sich unsere Gewissenhaftigkeit,erst die Phänomene in ihrem Urstande aufzusuchen, und siesodann in ihrer mannichfaltigsten Ausbreitung und Anwen-dung zu verfolgen.

Nach dieser Ueberzeugung haben wir unsere ganze Chro-matik und nun auch das Capitel der entoptischen Farben auf-gestellt; die Art unseres Verfahrens ist mit großem Bedachtunternommen, auch die Stellung und Folge der Phänomenenaturgemäß vorgetragen worden, wodurch wir unsere Arbeitden Freunden der Naturwissenschaft auf's beste zu empfehlenhoffen, andern, welche mit unserer Verfahrungsart unzufrieden,eine Umstellung des Vorgetragenen wünschen. Ws iiuxosetl»s kniest ok k»U tssüs, tllst ob uuckoiiiA rvlist Uns deenckous.

3eua, den 1. August 182V.