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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

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Viele Jahre l»üht sich die Societät vergebens mit ihm ab.Sehr ernstlich wird ihin auferlegt, er soll regelmäßig Versuchemachen, sie vorher anzeigen, in den folgenden Sessionen wirk-lich darlegen; wobei die gute Societät freilich nicht bedenkt,daß Sessionen nicht dazu geeignet sind. Versuche anzustellenund sich von den Erscheinungen vollständig zu überzeugen. Wieihnen denn auch eininal ein Vogel den Gefallen nicht thun will,unter der Mayow'schen Glocke, ehe die Versammlung ausein-andergeht, zu sterben.

Aehnliche Fälle benutzt Hooke zu allerlei Ausflüchten. Ergehorcht nicht oder nur halb; man verkümmert ihm seine Pen-sion, er wird nicht gefllglamer, und wie es in solchen Fällengeht, man ermüdet streng zu seyn, man bezahlt ihm zuletzt ausGunst und Nachsicht seine Rückstände auf einmal. Er zeigt eineAnwandlung von Besserung, die nicht lange dauert, und dieSache schleppt sich ihren alten Gang.

So sah es mit der innern Verfassung eines Gerichtshofesaus, bei dessen Entscheidung über eine bedeutende und weiteingreifende Theorie sich die wissenschaftliche Welt beruhigensollte.

Jsaak Newton,

geb. tvir, gkft. 17L<

Unter denen, welche die Naturwissenschaften bearbeiten,lassen sich vorzüglich zweierlei Arten von Menschen bemerken.

Die ersten, genial, produktiv und gewaltsam, bringen eineWelt aus sich selbst hervor, ohne viel zu fragen, ob sie mit derwirklichen übereinkommen werde? Gelingt es, daß dasjenige,was sich in ihnen entwickelt, mit den Ideen des Weltgeisteszusammentrifft, so werden Wahrheiten bekannt, wovor dieMenschen erstaunen und wofür sie Jahrhunderte lang dankbarzu seyn Ursache haben. Entspringt aber in so einer tüchtigengenialen Natur irgend ein Wahnbild, das in der allgemeinenWelt kein Gegenbild findet, so kann ein solcher Irrthum nichtminder gewaltsam um sich greifen und die Menschen Jahrhun-derte durch hinreißen und übervortheilen.

Die von der zweiten Art, geistreich, scharfsinnig, behutsam,zeigen sich als gute Beobachter, sorgfältige Experimentatoren,vorsichtige Sammler von Erfahrungen; aber die Wahrheiten,welche sie fordern, wie die Irrthümer, welche sie begehen, sindgering. Ihr Wahres fügt sich zu dem anerkannten Richtigenoft unbemerkt oder geht verloren; ihr Falsches wird nichtaufgenommen, oder wenn es auch geschieht, verlischt esleicht.

Zu der ersten dieser Classen gehört Newton, zu der zweitendie bessern seiner Gegner. Er irrt, und zwar aus eine entschie-dene Weise. Erst findet er seine Theorie plausibel, dann über-zeugt er sich mit Uebereilung, ehe ihm deutlich wird, welchermühseligen Kunstgriffe es bedürfen werde, die Anwendungseines hypothetischen Aperyu's durch die Erfahrung durchzu-führen. Aber schon hat er sie öffentlich ausgesprochen, und nunverfehlt er nicht, alle Gewandtheit seines Geistes aufzubieten,um seine These durchzusetzen; wobei er mit unglaublicher Kühn-heit das ganz Absurde als ein ausgemachtes Wahre der Weltin's Angesicht behauptet.

Wir haben in der neuern Geschichte der Wissenschafteneinen ähnlichen Fall an Tycho de Brahe. Dieser hatte sich

gleichfalls vergriffen, indem er das Abgeleitete für das Ur-sprüngliche, das Untergeordnete für das Herrschende in seinemWeltsystem gestellt hatte. Auch er war zu geschwind mit dieserunhaltbaren Grille hervorgetreten; seine Freunde und gleich-zeitigen Verehrer schreiben in ihren vertraulichen Briefen dar-über ganz unbewunden und sprechen deutlich aus, daß Tycho,wenn er nicht schon sein System publicirt und eine Zeit langbehauptet hätte, das Copernicanische wahrscheinlich annehmenund dadurch der Wissenschaft großen Dienst leisten würde; da-hingegen nunmehr zu fürchten sey, daß er den Himmel öfternach seiner Lehre ziehen und biegen werde.

Schon die Zeitgenossen und Mitarbeiter Tychos befreitensich von seiner ängstlichen, verwirrenden Meinung. Aber New-ton theilte seine Ueberzeugung so wie seine Hartnäckigkeit seinenSchülern mit, und wer den Parteigeist kennt, wird sich nichtverwundern, daß diese keine Augen und Ohren mehr haben,sondern das alte Credo immerfort wiederholen, wie es ihnender Meister eingelernt.

Der Charakter, die Fähigkeiten, das Benehmen, die Schick-sale seiner Gegner können nur im einzelnen vorgetragen werden.Zum Theil begriffen sie nicht, worauf es ankam, zum Theilsahen sie den Irrthum wohl ein, hatten aber weder Kraft nochGeschick noch Opportunität, ihn zu zerstören.

Wir finden 1666 Newton, als Studirenden zu Cambridge,mit Verbesserung der Teleskope und mit Prismatischen Ver-suchen zu diesem Zweck beschäftigt, wobei er seine Farbentheoriebei sich festsetzt. Von ihm selbst haben wir hierüber drei Arbeiten,aus welchen wir seine Denkweise übersehen, dem Gange, dener genommen, folgen können.

I-eetioiies Oxties.e.

Nachdem er 1667 Magister, 1669 Professor der Mathe-matik an Barrows Stelle geworden, hält er in diesem und denbeiden folgenden Jahren der studirenden Jugend Vorlesungen,in welchen er das Physische der Farbenphänomene durch mathe-matische Behandlung so viel als möglich an dasjenige heranzu-ziehen sucht, was man von ihm in seiner Stelle erwartet. Crarbeitet diese Schrift nachher immer weiter aus, läßt sie aberliegen, so daß sie erst nach seinem Tode 1729 gedruckt wird.

Brief an den Sekretär der Londoner Societät.

Im Jahre 1671 wird er Mitglied der Londoner Societät,und legt ihr sein neues katoptrisches Teleskop vor und zugleichseine Farbentheorie, aus welcher gefolgert wird, daß die diop-trischen Fernröhre nicht zu verbessern seyen.

Dieser Brief eigentlich beschäftigt uns hier, weil Newtonden Gang, den er genommen, sich von seiner Theorie zu über-zeugen, darin ausführlich erzählt, und weil es überhaupt hin-reichend wäre, uns einen vollkommenen Begriff von der New-tonschen Lehre zu geben.

An diesen Brief schließen sich auch die ersten Einwürfe gegendie Newtonsche Lehre, welche nebst den Antworten des Ver-fassers bis 1676 reichen.