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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Materialien zur Geschichte ter Farbenlehre.

Daß an diesen dergestalt entwickelten und entdeckten Lich-tern keine weitere Veränderung vorgehe, davon sucht er sichund andere durch das Lxxeriincuturr, orneis zu überzeugen;worauf er denn in dreizehn Propositionen seine Lehre mit allenClauseln und Cautelen, wie sie hernach völlig stehen geblieben,vorträgt, und da er die Farben zuerst aus dem weißen Lichtentwickelt, zuletzt sich genöthigt sieht, das weiße Licht wiederaus ihnen zusammenzusetzen.

Dieses glaubt er vermittelst der Linse zu leisten, die erohne weitere Vorbereitung einführt, und sich für vollkommenbefriedigt hält, wenn er das im Brennpunkt aufgehobene far-bige Bild für das wieder zusammengebrachte, vereinigte, ge-mischte ausgeben kann.

Die Folgerung, die er aus allem diesem zieht, ist sodann,vaß es unnütz sey, sich mit Verbesserung der dioptrischenFernrohre abzugeben, daß man sich vielmehr bloß an diekatoptrischen halten müsse, wozu er eine neue Vorrichtungausgesonnen.

Die ersten Confessionen und Behauptungen Newtons wur-den in jenem von uns angezeigten Briefe an die KöniglicheSocietät der Wissenschaften gebracht, und durch die Trans-aktionen öffentlich bekannt. Sie sind das erste, was vonNewtons Lehre im Publicum erscheint, und uns in manchemSinne merkwürdig, besonders auch deßhalb, weil die erstenEinwendungen seiner Gegner vorzüglich-gegen diesen Briefgerichtet sind.

Nun haben wir gesehen, daß sein Hauptfehler darin bestan-den, daß er jene Fragen, die sich hauptsächlich darauf beziehen,ob äußere Bedingungen bei der Farbeuerscheinung mitwirken?zu schnell und übereilt beseitigt und verneint, ohne aus dienähern Umstände genauer hinzusehen. Deßwegen haben wirihm bei einigen Punkten völlig, bei andern zum Theil undabermals bei andern nicht widersprechen müssen und können;und wir haben deutlich zu machen gesucht, welche Punkte undin wiefern sie haltbar sind, oder nicht. Widerstrebt nun einerseiner ersten Gegner irrigerweise den haltbaren Punkten, somuß er bei der Controvers verlieren, und es entsteht ein gutesVorurtheil für das Ganze; widerstrebt ein Gegner den un-haltbaren Punkten, aber nicht kräftig genug, und auf die un-rechte Weise, so muß er wieder verlieren, und das Falsche erhältdie Sanction des Wahren.

Schon in diesem Briefe, wie in allen Beantwortungen, dieer gegen seine ersten Gegner richtet, findet sich jene von unsin der Polemik angezeigte Behandlungsart seines Gegenstandes,die er auf seine Schüler fortgepflanzt hat. Es ist ein fort-dauerndes Setzen und Aufheben, ein unbedingtes Aussprechenund augenblickliches Limitiren, daß zugleich alles und nichtswahr ist.

Diese Art, welche eigentlich bloß dialektisch ist, und einemSophisten zienite, der die Leute zum Besten haben wollte,findet sich, so viel mir bekanntgeworden, seit der scholastischenZeit wieder zuerst bei Newton. Seine Vorgänger, von denwiederauflebenden Wissenschaften an, waren, wenn auch oftbeschränkt, doch immer treulich dogmatisch, wenn auch unzuläng-lich, doch redlich didaktisch; Newtons Vertrag hingegen bestehtaus einem ewigen Hinterstzuvörderst, aus den tollsten Traus-positionen, Wiederholungen und Verschränkuugen, aus dog-matisirten und didaktisirten Widersprüchen, die man vergeblich

zu fassen strebt, aber doch zuletzt auswendig lernt, und alsoetwas wirklich zu besitzen glaubt.

Und bemerken wir nicht im Leben in manchen andern Fällen,wenn wir ein falsches Aperxu, ein eigenes oder fremdes, mitLebhaftigkeit ergreifen, so kann es nach und nach zur fixen Ideewerden, und zuletzt in einen völligen partiellen Wahnsinn aus-arten, der sich hauptsächlich dadurch manifestirt, daß man nichtallein alles einer solchen Vorstellungsart Günstige mit Leiden-schaft festhält, alles zart Widersprechende ohne weiteres besei-tigt, sondern auch das auffallend Entgegengesetzte zu seinenGunsten auslegt I

Newtons Verhältniß zur Societät.

Newtons Verdienste, die ihm schon als Jüngling eine be-deutende Lehrstelle verschafft, wurden durchaus höchlich geachtet.Er hatte sich im Stillen gebildet, und lebte meist mit sich selbstund seinem Geiste — eine Art zu seyn, die er auch in späternZeiten fortsetzte. Er hatte zu mehreren Gliedern der König-lichen Societät, die mit ihm beinahe von gleichem Alter war,besonders aber zu Oldenburg, ein sehr gutes Verhältniß.

Oldenburg, aus Bremen gebürtig, Bremischer Consnl inLondon während des langen Parlaments, verließ seine öffent-liche Stelle und ward Hofmeister junger Edelleute. Bei seinemAufenthalte in Oxford ward er mit den vorzüglichsten Männernbekannt und Freund, ^nd als die Akademie sich bildete, Secre-tär derselben, eigentlich der auswärtigen Angelegenheiten, wennHooke die innern anvertraut waren.

Als Welt- und Geschäftsmann herangekommen, war seineThätigkeit und Ordnungsliebe völlig ausgebildet. Er hatte sehrausgebreitete Verbindungen, corrcspoudirte mit Aufmerksamkeitund Anhaltsamkeit. Durch ein kluges, folgerechtes Bemühenbeförderte vorzüglich er den Einfluß und Ruhm der KöniglichenSocietät, besonders im Auslande.

Die Gesellschaft hatte kaum einige Zeit bestanden, als New-ton in seinem dreißigsten Jahre darin aufgenommen wurde.Wie er aber seine Theorie in einen Kreis eingeführt, der alleTheorien entschieden verabscheute, dieses zu untersuchen ist wohldes Geschichtsforschers werth.

Des Denkers einziges Besitzthum sind die Gedanken, dieans ihm selbst entspringen; und wie ein jedes Aperxu, dasuns angehört, in unserer Natur ein besonderes Wohlbefindenverbreitet, so ist auch der Wunsch ganz natürlich, daß es andereals das Unsrige anerkennen, indem wir dadurch erst etwas zuwerden scheinen. Daher werden die Streitigkeiten über diePriorität einer Entdeckung so lebhaft; recht genau besehen, sindes Streitigkeiten um die Existenz selbst.

Schon in früherer Zeit fühlte jeder die Wichtigkeit diesesPunktes. Man konnte die Wissenschaften nicht bearbeiten, ohnesich mehrern mitzutheilen, und doch waren die mehrern seltengroß genug, um das, was sie empfangen hatten, als ein Em-pfangenes anzuerkennen. Sie eigneten sich das Verdienst selbstzu, und man findet gar manchen Streit wegen solcher Prä-vccupationen. Galilei, um sich zu verwahre», legte seineEntdeckungen in Anagrammen mit bcigeschriebenem Datumbei Freunden nieder, und sicherte sich so die Ehre des Besitzes.

Sobald Akademien und Societäten sich bildeten, wurdensie die eigentlichen Gerichtshöfe, die dergleichen aufzunehmen