Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.
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Vierter Discurs. Von Farbenerscheinungen, die voninnern Modifikationen ihr Organe des Sehens entspringen.
Hier wird aufgeführt, was bei uns unter der Rubrik vonphysiologischen Farben vorkommt: Dauer des Eindrucks, far-biges Abklingen und dergleichen; zuletzt die Diakrisis des Augesdurch Licht, die Synkrisis durch Finsterniß. Und somit Hort erda auf, wo wir anfangen.
Die aus dem Capitel von den chemischen Farben ausge-. zogenen sechs Regeln übersetzen wir, weil man daraus das vor-sichtige Benehmen dieses Mannes am besten beurtheilen kann.
1) „Die fixen Farben erscheinen uns, wenn das Licht,durch die Materie, welche diese Farben hervorbringt, gedrun-gen, zu unsern Augen mit genügsamer Kraft zurückkehrt."
Dieses bezieht sich auf die wahre Bemerkung, daß jedechemisch specificirte Farbe ein Helles hinter sich haben muß, umzu erscheinen. Nur ist dieses nothwendige Erforderniß vonMariotte nicht genug eingesehen, noch deutlich genug aus-gedrückt.
2) „Die Säfte von allen blauen und violetten Blumen wer-den grün durch die Alkalien, und schön roth durch die Säuren."
3) „Die Absude rother Hölzer werden gelb durch die Säu-ren, violett durch die Alkalien; aber die Aufgüsse gelberPflanzen werden dunkel durch die Alkalien, und verlieren fastgänzlich ihre Farbe durch die Säuren."
4) „Die Vegetationen, die in freier Luft vorgehen, sindgrün; diejenigen an unterirdischen Oertern oder in der Finster-niß sind weiß oder gelb."
5) „Es giebt viele gelbe oder dunkle Materien, welche sichbleichen, wenn man sie Wechselsweise netzt und an der Sonnetrocknet. Sind sie sodann weiß, und bleiben sie lange unbe-fruchtet an der Luft, so werden sie gelb."
6) „Irdische und schwefelige Materien werden durch einegroße Hitze roth, und einige zuletzt schwarz."
Hierzu fügt der Verfasser die Bemerkung, daß man sehrviele Farbenerscheinungen auf diese sechs Regeln zurückführen undbei der Färberei so wie bei Verfertigung des farbigen Glasesmanche Anwendung davon machen könne. Unsere Leser werdensich erinnern, wie das Bewährte von diesen Regeln in unsererAbtheilung von chemischen Farben beigebracht ist.
Im ganzen läßt sich nicht ableugnen, daß Mariotte eineAhnung des Rechten gehabt und daß er auf dem Wege dahingewesen. Er hat uns manches gute Besondere aufbewahrt,für's Allgemeine aber zu wenig gethan. Seine Lehre ist mager,seinem Unterricht fehlt Ordnung, und bei aller Vorsichtigkeitspricht er doch wohl zuletzt, statt einer Erfahrungsregel, etwasHypothetisches aus. Aus dem bisher Vorgetragenen läßt sichnunmehr beurtheilen, in wiefern Mariotte als ein Gegner vonNewton anzusehen sey. Uns ist nicht bekannt geworden, daßer das, was er im Vorbeigehen gegen die neue Lehre geäußert,jemals wieder urgirt habe. Sein Aufsatz über die Farben magkurz vor seinem Tode herausgekommen seyn. Auf welche Weisejedoch die Newtonsche Schule ihn angefochten und um seinenguten Ruf gebracht, wird sich sogleich des nähern ergeben.
! Johann Theophilus Dcsagulicrs,
! gib. 1«8Z, gest. 1743.
^ Die Philosophen des Alterthums, welche sich mehr für den^ Menschen als für die übrige Natur interessirten, betrachteten^ diese nur nebenher und theoretisirten nur gelegentlich über die-! selbe. Die Erfahrungen nahmen zu, die Beobachtungen wur-^ den genauer und die Theorie eingreifender; doch brachten sie esi nicht zur Wiederholung der Erfahrung, zum Versuch.
Im sechzehnten Jahrhundert, nach frischer Wiederbelebungder Wissenschaften, erschienen die bedeutenden Wirkungen derNatur noch unter der Gestalt der Magie, mit vielem Aber-glauben umhüllt, in welchen sie sich zur Zeit der Barbarei ver-senkt hatten. Im siebzehnten Jahrhundert wollte man, wonicht erstaunen, doch sich immer noch verwundern, und die an-gestellten Versuche verloren sich in seltsame Künsteleien.
Doch war die Sache immer ernsthafter geworden. Werüber die Natur dachte, wollte sie auch schauen. Jeder Denkermachte nunmehr Versuche, aber auch noch nebenher. Gegendas Ende dieser Zeit traten immer mehr Männer auf, die sichmit, einzelnen Theilen der Naturwissenschaft beschäftigten, undvorzüglich diese durch Versuche zu ergründen suchten.
Durch diese lebhafte Verbindung des Expcrimentirens undTheorettstrens entstanden nun diejenigen Personen, welcheman, besonders in England, Natural- und Experimental-philosophcn nannte, so wie es denn auch eine Experimental-philosophie gab. Ein jeder, der die Naturgegenslände nur nichtgerade aus der Hand zum Mund, wie etwa der Koch, behan-delte, wer nur einigermaaßen konsequent aufmerksam auf dieErscheinungen war, der hatte schon ein gewisses Recht zu jenemEhrennamen, den man freilich in diesem Sinne vielen beilegenkonnte. Jedes allgemeine Raisonnement, das, tief oder flach,zart oder crud, zusammenhängend oder abgerissen, über Natur-gegenstände vorgebracht wurde, hieß Philosophie. Ohne diesenMißbrauch des Wortes zu kennen, bliebe es unbegreiflich, wiedie Londoner Societät den Titel philosophische Trans-actionen für die unphilosophischste aller Sammlungen hättewählen können.
Der Hauptmangel einer solchen unzulänglichen Behandlungblieb daher immer, daß die theoretischen Ansichten so vielereinzelnen vorwalteten, und dasjenige, was man sehen sollte,nicht einem jeden gleichmäßig erschien. Uns ist bekannt, wiesich Boyle, Hooke und Newton benommen.
Durch die Bemühungen solcher Männer, besonders aberder Londoner Societät, ward inzwischen das Interesse immerallgemeiner. Das Publicum wollte nun auch sehen und unter-richtet seyn. Diese Versuche sollten zu jeder Zeit auf eines jedenErfordern wieder dargestellt werden, und man fand nun, daßExperimentiren ein Metier werden müsse.
Dieß ward es zuerst durch Hawksbee. Er machte in Londonöffentliche Versuche der Elektricität, Hydrostatik und Lustlehre,und enthielt sich vielleicht am reinsten von allem Theoretischen.Keilt ward sein Schüler und Nachfolger. Dieser erklärte sich^ aber schon für Newtons Theorie. Hätte er die Farbenlehre be-^ handelt, wie Hawksbee die Lehre von der Elektricität, so würde! alles ein anderes Ansehen gewonnen haben. Er wirkte in^ Oxford bis 1710.
> Auf Keill folgte Desaguliers, der von ihm, seinem Meister,