Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Materialien zur Geschichte ter Farbenlehre.

war, indem er eben dasselbe abzuleiten sucht, was wir durchDoppelbild und Trübe ausgesprochen haben.

Der mathematische Theil seines Werks, so wie das, waser im allgemeinen von Refraction, Reflexion und Dispersionhandelt, liegt außer unserm Kreise. Das übrige, was unsnäher angeht, kann man in den polemischen und den didaktischenTheil eintheilen.

Die Mangel der Newtonschen Lehre, das Captiöfe undUnzulängliche ihrer Experimente sieht Rizzetti recht gut ein.Er führt seine Controvers nach der Ordnung der Optik undist den Newtonischen Unrichtigkeiten ziemlich auf der Spur;doch durchdringt er sie nicht ganz und giebt z. B. gleich bei demersten Versuch ungeschickter Weise zu, daß das blaue und rotheBild auf dunkelm Grunde wirklich ungleich verrückt werde, daihm doch sonst die Erscheinung der Säume nicht unbekannt ist.Dann bringt er die beiden Papiere auf weißen Grund, wodenn freilich durch ganz andere Säume für den Unbefangenendie Unrichtigkeit, die sich auf schwarzem Grunde versteckt, augen-fällig werden muß.

Aber sein Widersacher, Richter in Leipzig, erhäscht sogleichdas Argument gegen ihn, daß die unter diesen Bedingungenerscheinenden Farben sich vom weißen Grunde Herschreiben —eine ungeschickte Behauptung, in welcher sich jedoch die New-tonianer bis auf den heutigen Tag selig fühlen, und welche auchmit großer Selbstgenügsamkeit gegen uns vorgebracht worden.

Seiner übrigen Controvers folgen wir nicht; sie trifft anvielen Orten mit der unsrigen überein, und wir gedenken nichtzu leugnen, daß wir ihm manches schuldig geworden, so wienoch künftig manches aus ihm zu nutzen seyn wird.

In feinem didaktischen Theile findet man ihn weiter vor-gerückt als alle Vorgänger, und er hätte wohl verdient, daßwir ihn mit Theophrast und Boyle unter den wenigen genannt,welche sich bemüht, die Masse der zu ihrer Zeit bekannten Phä-nomene zu ordnen.

In seiner Eintheilung der Farben sind alle die Bedingungenbeachtet, unter welchen uns die Farbe erscheint. Er hat unserephysiologischen Farben unter der Rubrik der phantastischen oderimaginären, unsere physischen unter der doppelten der variiren-den, welche wir die dioptrischen der ersten Classe, und derapparenten, welche wir die dioptrischen der zweiten Classe ge-nannt, vorgetragen. Unsere chemischen Farben finden sich beiihm unter dem Titel der permanenten oder natürlichen.

Zum Grunde von allen Farbenerscheiuungen legt er, wieschon oben bemerkt, dasjenige, was wir unter der Lehre vontrüben Mitteln begreifen. Er nennt diese Farben die variiren-den, weil ein trübes Mittel, je nachdem es Bezug auf einehelle oder dunkle Unterlage hat, verschiedene Farben zeigt. Aufdiesem Wege erklärt er auch die Farben der Körper, wie wires auf eine ähnliche Weise gethan haben.

Die apparenten leitet er gleichfalls davon ab, und nähertsich dabei unserer Darstellung vom Doppelbild; weil er aberdas Doppelbild nicht als Factum stehen läßt, sondern die Ursachedesselben zugleich mit erklären will, so muß er seine DispersionHerbeibringen, wodurch denn die Sache sehr mühselig wird.

So sind auch seine Figuren höchst unerfreulich und be-schwerlich zu entziffern, dahingegen die Newtonschen, obgleichmeistens falsch, den großen Vortheil haben, bequem zu seyn,und deßhalb faßlich zu scheinen.

Bei den physiologischen, seinen imaginären, bemerkt errecht gut den Unterschied der abklingenden Farbenerscheinungauf dunkelm und Hellem Grunde; weil ihm aber das wichtige,von Plato anerkannte Fundament von allem, die Synkrifis,durch's Schwarze, die Diakrisis, durch's Weiße bewirkt, ab-geht, weil er auch die Forderung der entgegengesetzten Farbennicht kennt, so bringt er das Ganze nicht auf eine Art zu-sammen, die einigermaaßen befriedigend wäre.

Uebrigens rechnen wir es uns zur Ehre und Freude, ihnals denjenigen anzuerkennen, der zuerst am ausführlichsten undtüchtigsten das, wovon auch wir in der Farbenlehre überzeugtsind, nach Beschaffenheit der Erfahrung seiner Zeit ausge-sprochen hat.

Desaguliers gegen Rizzetti.

Als in den Leipziger ^etis Lruckitoruin (Kupplern. 'Tour. VIII. p. 130 8g.) einiger Einwürfe Rizzettis gegenNewton erwähnt ward, wiederholt Desaguliers das Experi-ment, wovon die Rede ist, 1722 vor der Societät zu London,und giebt davon in den philosophischen TransactionenVol. 32, puA. 206 eine kurze Nachricht.

Es ist das zweite Experiment des ersten Buchs der Optik,bei welchem ein hellrothes und ein dunkelblaues Papier, beidemit schwarzen Fäden umwunden, durch eine Linse auf einerweißen Tafel abgebildet werden, da denn das rothe Bild, odervielmehr das Bild der schwarzen Fäden auf rothem Grunde,sich ferner von der Linse, und das blaue Bild, oder vielmehrdas Bild der schwarzen Fäden auf blauem Grunde, sich näheran der Linse deutlich zeigen soll. Wie es damit stehe, habenwir im polemischen Theil umständlich genug auseinandergesetztund hinlänglich gezeigt, daß hier nicht die Farbe, sondern dasmehr oder weniger Abstechende des Hellen und Dunkeln Ursacheist, daß zu dem einen Bilde der Abbildungspunkt schärfer ge-nommen werden muß, da bei dem andern ein laxerer schonhinreichend ist.

Desaguliers, ob er gleich behauptet, sein Experiment seyvortrefflich gelungen, muß doch zuletzt aus dasjenige, woraufwir festhalten, in einem Notabene hindeuten; wie er denn,nach Newtonischer Art, die Hauptsachen in Noten und Nota-bene nachbringt, und so sagt er: „Man muß Sorge tragen,daß die Farben ja recht tief sind; denn indem ich zufälliger-weise etwas von dem Blauen abgestreift hatte, so war dasWeiße der Karte unter dem Blauen Schuld, daß auch diesesBild weiter reichte, fast so weit als das Rothe."

Ganz natürlich! Denn nun ward das Blaue Heller, unddie schwarzen Fäden stachen besser darauf ab; und wer siehtnun nicht, warum Newton, bei Bereitung einer gleichen Pappezu seinen zwei ersten Experimenten, einen schwarzen Grundunter die aufzustreichenden Farben verlangt?

Dieses Experiment, dessen ganzen Werth man in einemNotabene zurücknehmen kann, noch besser.kennen zu lernen,ersuchen wir unsere Leser, besonders dasjenige nachzusehen, waswir im polemischen Theil zum sechzehnten Versuch (312—315)angemerkt haben.

Rizzetti hatte 1727 sein Werk herausgegeben, dessen einzelneTheile schon früher bekannt gemacht worden. Desaguliersexperimentirt und argumentirt gegen ihn. Man sehe die