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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

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einer Folge, wie er anhaltend irrt, so wird er sogleich falsch,gegen sich und gegen andere, dieser Irrthum mag in Meinun-gen oder in Neigungen bestehen. Von Neigungen wird es unsdeutlicher, weil nicht leicht jemand seyn wird, der eine solcheErfahrung nicht an sich gemacht hätte. Man widme einerPerson mehr Liebe, mehr Achtung, als sie verdient, sogleichmuß man falsch gegen sich und andere werden: man ist genö-thigt, auffallende Mangel als Vorzüge zu betrachten, und siebei sich wie bei andern dafür geltend zu machen.

Dagegen lasten Vernunft und Gewissen sich ihre Rechtenicht nehmen. Man kann sie belügen, aber nicht täuschen; jawir thun nicht zu viel, wenn wir sagen: je moralischer, je ver-nünftiger der Mensch ist, desto lügenhafter wird er, sobald erirrt; desto ungeheurer muß der Irrthum werden, sobald erdarin verharrt; und je schwächer die Vernunft, je stumpferdas Gewissen, desto mehr ziemt der Irrthum dem Menschen,weil er nicht gewarnt ist; das Irren wird nur bedanernswerth,ja es kann liebenswürdig erscheinen.

Aengstlich aber ist es anzusehen, wenn ein starker Charak-ter, um sich selbst getreu zu bleiben, treulos gegen die Weltwird, und um innerlich wahr zu seyn, das Wirkliche für eineLüge erklärt, und sich dabei ganz gleichgültig erzeigt, ob manihn für halsstarrig, verstockt, eigensinnig oder für lächerlichhalte. Demungeachtet bleibt der Charakter immer Charakter,er mag das Rechte oder das Unrechte, das Wahre oder dasFalsche wollen und eifrig dafür arbeiten.

Allein hiermit ist noch nicht das ganze Räthsel aufgelöst;noch ein Gehcimnißvollercs liegt dahinter. Es kann sich näm-lich im Mensche» ein höheres Bewußtseyn finden, so daß erüber die nothwendige, ihm einwohnende Natur, an dererdurch alle Freiheit nichts zu verändern vermag, eine gewisseUebersicht erhält. Hierüber völlig in's Klare zu kommen istbeinahe unmöglich; sich in einzelnen Augenblicken zu schelten,geht wohl an, aber niemand ist gegeben, sich fortwährend zutadeln. Greift man nicht zu dem gemeinen Mittel, seineMängel auf die Umstände, auf andere Menschen zu schieben,so entsteht zuletzt aus dem Conflict eines vernünftig richtendenBewußtseyns mit der zwar modificabeln, aber doch unverän-derlichen Natur eine Art von Ironie in und mit uns selbst, sodaß wir unsere Fehler und Irrthümer, wie ungezogene Kin-der, spielend behandeln, die uns vielleicht nicht so lieb seyn wür-den, wenn sie nicht eben mit solchen Unarten behaftet wären.

Diese Ironie, dieses Bewußtseyn, womit man seinenMängeln nachsieht, mit seinen Irrthümern scherzt, und ihnendesto mehr Raum und Lauf läßt, weil man sie doch am Endezu beherrschen glaubt oder hofft, kann von der klarsten Verrucht«heit bis zur dumpfsten Ahnung sich in mancherlei Subjectenstufenweise finden, und wir getrauten uns, eine solche Galerievon Charakteren, nach lebendigen und abgeschiedenen Mustern,wenn es nicht allzu verfänglich wäre, wohl aufzustellen. Wärealsdann die Sache durch Beispiele völlig aufgeklärt, so würdeuns niemand verargen, wenn er Newton auch in der Reihefände, der eine trübe Ahnung seines Unrechts gewiß ge-fühlt hat.

Denn wie wäre es einem der ersten Mathematiker möglich,sich einer solchen Unmethode zu bedienen, daß er schon in denoptischen Lectionen, indem er die diverse Refrangibilitätfestsetzen will, den Versuch mit Parallelen Mitteln, der ganz an

den Anfang gehört, weil die Farbenerschcinung sich da zuerstentwickelt, ganz zuletzt bringt? Wie konnte einer, dem esdarum zu thun gewesen wäre, seine Schüler mit den Phäno-menen im ganzen Umfang bekannt zu machen, um darauf einehaltbare Theorie zu bauen, wie konnte der die subjektivenPhänomene gleichfalls erst gegen das Ende, und keineswegsin einem gewissen Parallelismus mit den objectiven abhandeln;wie konnte er sie für unbequem erklären, da sie ganz ohne Fragedie bequemern sind, wenn er nicht der Natur ausweichen undseine vorgefaßte Meinung vor ihr sicher stellen wollte? DieNatur spricht nichts aus, was ihr selbst unbequem wäre; destoschlimmer, wenn sie einem Theortiker unbequem wird.

Nach allem diesem wollen wir, weil ethische Probleme aufgar mancherlei Weise anfgelös't werden können, noch die Ver-muthung anführen, daß vielleicht Newton an seiner Theorieso viel Gefallen gefunden, weil sie ihm bei jedem Erfahrungs-schritte neue Schwierigkeiten darbot. So sagt ein Mathema-tiker selber: O'est In contnms des Lleornötres äs s'sleverde (iillicultk.3 eir ditkieultss, el meine cke s'en tormer sansee8se des nouvellkZ, ponr nvoir Is plsisir ds les sar-mem ter.

Wollte man aber auch so den vortrefflichen Plann nichtgenug entschuldigt halten, so werfe man einen Blick aus dieNaturforschung seiner Zeiten, auf das Philosophiren über dieNatur, wie es theils von Cartesius her, theils durch anderevorzügliche Männer üblich geworden war, und man wird ausdiesen Umgebungen sich Newtons eigenen Geisteszustand ehervergegenwärtigen können.

Auf diese und noch manche andere Weise möchten wir denManen Newtons, in sofern wir sie beleidigt haben könnten,eine hinlängliche Ehrenerklärung thun. Jeder Irrthum, deraus dem Menschen und aus den Bedingungen, die ihn um-geben , unmittelbar entspringt, ist verzeihlich, oft ehrwürdig;aber alle Nachfolger im Irrthum können nicht so billig behan-delt werden. Eine nachgesprochene Wahrheit verliert schon ihreGrazie; ein nachgesprochener Irrthum erscheint abgeschmacktund lächerlich. Sich von einem eigenen Irrthum loszumachen,ist schwer, oft unmöglich, bei großem Geist und großen Talen-te»; wer aber einen fremden Irrthum aufnimmt, und hals-starrig dabei verbleibt, zeigt von gar geringem Vermögen.Die Beharrlichkeit eines original Irrenden kann uns erzürnen;die Hartnäckigkeit der Jrrthumscopisten macht verdrießlich undärgerlich. Und wenn wir in dem Streit gegen die Newton'scheLehre manchmal aus den Grenzen der Gelassenheit heraus-geschritten sind, so schieben wir alle Schuld auf die Schule,deren Jncompetenz und Dünkel, deren Faulheit und Selbst-genügsamkeit, deren Ingrimm und Verfolgungsgelüst mit ein-ander durchaus in Proportion und Gleichgewicht stehen.

Erster Schüler und Bekenner Newtons.

Außer den schon erwähnten Experimentatoren Keill undDesaguliers werden uns folgende Männer merkwürdig.

Samuel Llarke, geb. 1675, gest. 1735, trägt zurAusbreitung der Newtonschen Lehre unter allen am meistenbei. Zum geistlichen Stande bestimmt, zeigte er in der Jugendgroßes Talent zur Mathematik und Physik, penetrirt früher