Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

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auch über die Sache nicht weiter nachzudenken; sie ist über dieFarben auf immer beruhigt. Denn Himmelblau und Morgen-roth, Wiesengrün und Veilchenblau, alles entspringt ausStrahlen, und noch einmal Strahlen, die so höflich sind, sichin Feuer, Wasser, Luft und Erde an allen lebendigen und leb-losen Gegenständen auf jede Art und Weise spalten, verschlucken,zurückwerfen und bunt herumstreuen zu lassen. Und damitglaubt er sie genugsam unterhalten zu haben, und sie ist über-zeugt, genugsani unterrichtet zu seyn.

Von jener Zeit an wird nun nicht leicht ein Dichter oderRedner, ein Verskünstler oder Prosaist gefunden, der nichteinmal oder mehreremal in seinem Leben diese farbige Spal-tung des Lichtes zum Gleichniß der Entwicklung des Ungleich-artigen aus dem Gleichartigen gebraucht hätte; und es istfreilich niemand zu verargen, wenn einmal so eine wunderlicheSynthese zum Behuf einer so wunderlichen Analyse gemachtworden, wenn der Glaube daran allgemein ist, daß er sie auchzu seinem Behuf, es sey nun des Belehrens und Ueberzeugensoder des Wendens und Uebcrredens, als Instanz oder Gleich-niß beibringe.

Anglomanie.

Die Engländer sind vielleicht vor vielen Nationen ge-eignet , Auswärtigen zu imponiren. Ihre persönliche Ruhe,Sicherheit, Thätigkeit, Eigensinn und Wohlhäbigkeit gebenbeinahe ein unerreichbares Musterbild von dem, was alleMenschen sich wünschen. Ohne uns hier in ein Allgemeineseinzulassen, bemerken wir nur, daß die Klage über Anglomanievon früherer Zeit bis zur neuesten in der Französischen Lite-ratur vorkommt. Dieser Enthusiasmus der FranzösischenNation für die Englische soll sich besonders gleich nach einemgeschlossenen Frieden am lebhaftesten äußern, welches wohldaher kommen mag, weil alsdann, nach wiederhergestellterLommunication beider Nationen, der Reichthum und die Com-sorts der Engländer dem wenigstens in früherer Zeit geldarmenund genügsamen Franzosen gar wünschenswerth in die Augenleuchten müssen.

Dieses Vorziehen einer fremden Völkerschaft, dieses Hintan-setzen seiner eigenen kann doch wohl aber nicht höher getriebenwerden, als wir es oben bei Voltaire finden, der die New-tonsche Lehre zum i-eZmuw eoelorum und die Franzosen zuden parvulis macht. Doch hätte er es gewiß nicht gethan,wenn das Vorurthcil in seiner Nation nicht schon gang undgäbe gewesen wäre. Denn bei aller Kühnheit hütet er sich doch,etwas vorzubringen, wogegen er die allgemeine Stimmungkennt, und wir haben ihn im Verdacht, daß er seinen Deismusüberall und so entschieden ansspricht, bloß damit er sich vomVerdacht des Atheismus reinige, einer Denkweise, die jederzeitnur wenigen Menschen gemäß und den übrigen znm Abscheuseyn mußte.

Chemiker.

Das Verhalten der Lackmustinktur gegen Säuren undAlkalien, so bekannt es war, blieb doch immer wegen seinerEminenz und seiner Brauchbarkeit den Chemikern merkwürdig,ja das Phänomen wurde gewissermaaßen für einzig gehalten.

Die frühern Bemerkungen des Paracelsus und seiner Schule,daß die Farben aus dem Schwefel und dessen Verbindung mitden Salzen sich Herschreiben möchten, waren auch noch infrischem Andenken geblieben. Man gedachte mit Interesseeiner Versuchs von Mariotte, der einen rothen FranzösischenWein durch Alkalien gebräunt, und ihm das Ansehen einesschlechten, verdorbenen Weins gegeben, nachher aber durchSchwefelgeist die erste Farbe, und zwar noch schöner, hergestellt.Man erklärte damals daraus das Vortheilhafte des Aus- undAufbrennens der Weinfässer durch Schwefel, und fand dieseErfahrung bedeutend.

Die Akademie interessirte sich für die chemische Analyse derPflanzentheile, und als man die Resultate bei den verschieden-sten Pflanzen ziemlich einförmig und übereinstimmend fand, sobeschäftigten sich andere wieder, die Unterschiede aufzusuchen.

Geoffroy, der jüngere, scheint zuerst aus den Gedankengekommen zu seyn, die essentiellen Oele der Vegetabilien mitSäuren und Alkalien zu behandeln, und die dabei vorkommen-den Farbenerscheinungen zu beobachten.

Sein allgemeines Theoretisches gelingt ihm nicht sonderlich.Er braucht körperliche Configurationen, und dann wieder be-sondere Feuertheile, und was dergleichen Dinge mehr sind.Aber die Anwendung seiner chemischen Versuche auf die Farbender Pflanzen selbst hat viel Gutes. Er gesteht zwar selbst dieZartheit und Beweglichkeit der Kriterien ein, giebt aber dochdeßwegen nicht alle Hoffnungen auf, wie wir denn von dem,was er uns überliefert, nähern Gebrauch zu machen gedenken,wenn wir auf diese Materie, die wir in unserm Entwurfnur beiläufig behandelt haben, dereinst zurückkehren.

In dem animalischen Reiche hatte Reaumur den Sästeiniger Europäischen Purpurschnecken und dessen Färbnngs-eigenschaften untersucht. Man fand, daß Licht und Luft dieFarbe gar herrlich erhöhten. Andere waren auf die Farbe desBlutes aufmerksam geworden, und beobachteten, daß das arte-rielle Blut ein höheres, das venöse ein tieferes Roth zeige.Man schrieb der Wirkung der Lust auf die Lungen jene Farbezu, weil man es aber materiell und mechanisch nahm, so kamman nicht weiter und erregte Widerspruch.

Das Mineralreich bot dagegen bequeme und sichere Versuchedar. Lemery, der jüngere, untersuchte die Metalle nach ihrenverschiedenen Auslösungen und Präcipitationen. Man schriebdem Quecksilber die größte Versatilität in Absicht der Farben zu,weil sie sich an demselben am leichtesten offenbart. Wegen derübrigen glaubte man eine Specification eines jeden Metalls zugewissen Farben annehmen zu müssen, und blieb deßwegen ineiner gewissen Beschränktheit, aus der wir uns noch nicht ganzhaben herausreißen können.

Bei allen Versuchen Lemerys jedoch zeigt sich deutlich dasvon uns relevirte Schwanken der Farbe, das durch Säuren undAlkalien, oder wie man das, was ihre Stelle vertritt, nennenmag, hervorgebracht wird, wie denn auch die Sache so einfachist, daß, wenn man sich nicht in die Nüancen, welche nur alsBeschmutzung anzusehen sind, einläßt, man sich sehr wohl einenallgemeinen Begriff zu eigen machen kann.

Die Citate zu Vorstehendem fügen wir nicht bei, weil mansolche gar leicht in dem zu der Wstoire und den älömoires cksl'^cackönaie kVanyLiae gefertigten Registern auffinden kann.