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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.
dachte, einfiel. Dagegen erinnere ich mich nicht, die Experimente,wodurch die Newtsnsche Theorie bewiesen werden soll, jemalsgesehen zu haben; wie sie denn gewöhnlich in der Experimental-physik auf gelegentlichen Sonnenschein verschoben, und außerder Ordnung des laufenden Vertrags gezeigt werden.
Als ich mich nun von Seiten der Physik den Farben zunähern gedachte, las ich in irgend einem Compendium das her-gebrachte Eapitel; und weil ich aus der Lehre, wie sie da stand,nichts für meinen Zweck entwickeln konnte, so nahm ich mirvor, die Phänomene wenigstens selbst zu sehen, zu welchen Hof-rath Büttner, der von Göttingen nach Jena gezogen war,den nöthigen Apparat mitgebracht, und mir ihn nach seinerfreundlich mittheilenden Weise sogleich angeboten hatte. Esfehlte nur also noch an einer dunkeln Kammer, die durch einenwohlverschlosscnen Fensterladen bewirkt werden sollte; es fehltnur noch am ibvrsinen exigunin, das ich mit aller Gewissen-haftigkeit, nach dem angegebenen Maaß, in ein Blech einzu-bohren im Begriff stand. Die Hindernisse jedoch, wodurch ichabgehalten ward, die Versuche nach der Vorschrift, nach derbisherigen Methode anzustellen, waren Ursache, daß ich voneiner ganz andern Seite zu den Phänomenen gelangte, unddieselben durch eine umgekehrte Methode ergriff, die ich nochumständlich zu erzählen gedenke.
Eben zu dieser Zeit kam ich in den Fall, meine Wohnungzu verändern. Auch dabei hatte ich meinen frühern Vorsatzvor Augen. In meinem neuen Quartier traf ich ein langesschmales Zimmer mit einem Fenster gegen Südwest; was hättemir erwünschter seyn können! Indessen fand sich bei meinerneuen Einrichtung so viel zu thun, so manche Hindernisse tratenein, und die dunkle Kammer kam nicht zu Stande. Die Prismenstanden eingepackt, wie sie gekommen waren, in einem Kastenunter dem Tische, und ohne die Ungeduld des Jenaischen Be-sitzers hätten sie noch lange da stehen können.
Hofrath Büttner, der alles, was er von Büchern undInstrumenten besaß, gern mittheilte, verlangte jedoch, wie eseinem vorsichtigen Eigenthümer geziemt, daß man die geborgtenSachen nicht allzu lange behalten, daß man sie zeitig zurück-geben und lieber einmal wieder auf's neue borgen solle. Erwar in solchen Dingen unvergessen und ließ es, wenn einegewisse Zeit verflossen war, an Erinnerungen nicht fehlen. Mitsolchen wollte er mich zwar nicht unmittelbar angehen, alleindurch einen Freund erhielt ich Nachricht von Jena, der guteMann sey ungeduldig, ja empfindlich, daß ihm der mitgetheilteApparat nicht wieder zugesendet werde. Ich ließ dringend umeinige Frist bitten, die ich auch erhielt, aber auch nicht besseranwendete: denn ich war von ganz anderm Interesse festge-halten. Die Farbe so wie die bildende Kunst überhaupt hattewenig Theil an meiner Aufmerksamkeit, ob ich gleich ungefährin dieser Epoche, bei Gelegenheit der Saussureschen Reisen aufden Montblanc und des dabei gebrauchten Kyanometers, diePhänomene der Himmelsbläue, der blauen Schatten u. s. w.zusammenschrieb, um mich und andere zu überzeugen, daß dasBlaue nur dem Grade nach von dem Schwarzen und demFinstern verschieden sey.
So verstrich abermals eine geraume Zeit, die leichte Vor-richtung des Fensterladens und der kleinen Oeffnung wardvernachlässigt, als ich von meinem Jenaischen Freunde einendringenden Brief erhielt, der mich aus's lebhafteste bat, die
Prismen zurückzusenden, und wenn es auch nur wäre, daßder Besitzer sich von ihrem Daseyn überzeugte, daß er sieeinige Zeit wieder in Verwahrung hätte; ich sollte sie alsdannzu längerm Gebrauch wieder zurückerhalten. Die Absendungaber möchte ich ja mit dem zurückkehrenden Boten bewerk-stelligen. Da ich mich mit diesen Untersuchungen sobald nichtabzugeben hoffte, entschloß ich mich, das gerechte Verlangensogleich zu erfüllen. Schon hatte ich den Kasten hervorgenom-men, um ihn dem Boten zu übergeben, als mir einfiel, ichwolle doch noch geschwind durch ein Prisma sehen, was ich seitmeiner frühesten Jugend nicht gethan hatte. Ich erinnerte michwohl, daß alles bunt erschien; auf welche Weise jedoch, warmir nicht mehr gegenwärtig. Eben befand ich mich in eknemvöllig geweißten Zimmer; ich erwartete, als ich das Prismavor die Augen nahm, eingedenk der Newtonschen Theorie, dieganze weiße Wand nach verschiedenen Stufen gefärbt, das vonda in's Auge zurückkehrende Licht in so viel farbige Lichter zer-splittert zu sehen.
Aber wie verwundert war ich, als die durch's Prisma an-geschaute weiße Wand nach wie vor weiß blieb, daß nur da,wo ein Dunkles dran blieb, sich eine mehr oder weniger ent-schiedene Farbe zeigte, daß zuletzt die Fensterstäbe am allerleb-haftesten farbig erschienen, indessen am lichtgrauen Himmeldraußen keine Spur von Färbung zu sehen war. Es bedurftekeiner langen Ueberlegung, so erkannte ich, daß eine Gränzenothwendig sey, um Farben hervorzubringen, und ich sprachwie durch einen Jnstinct, sogleich für mich laut aus, daß dieNewtsnsche Lehre falsch sey. Nun war an keine Zurücksendungder Prismen mehr zu denken. Durch mancherlei Ueber-redungen und Gefälligkeiten suchte ich den Eigenthümer zuberuhigen, welches mir auch gelang. Ich vereinfachte nun-mehr die mir in Zimmern und im Freien durch's Prisma vor-kommenden zufälligen Phänomene, und erhob sie, indem ichmich bloß schwarzer und weißer Tafeln bediente, zu bequemenVersuchen.
Die beiden sich immer einander entgegengesetzten Ränder,die Verbreiterung derselben, das Uebereinandergreifen übereinen hellen Streif und das dadurch entstehende Grün, wie dieEntstehung des Rothen beim Uebereinandergreifen über einendunkeln Streif, alles entwickelte sich vor mir nach und nach.Auf einen schwarzen Grund hatte ich eine weiße Scheibe gebracht,welche, in einer gewissen Entfernung durch's Prisma angesehen,das bekannte Spectrum vorstellte, und vollkommen den New-tonschen Hauptversuch in der Oninern odsours vertrat. Eineschwarze Scheibe auf Hellem Grund machte aber auch ein far-biges und gewissermaaßen noch prächtigeres Gespenst. Wennsich dort das Licht in so vielerlei Farben auslöst, sagte ich zumir selbst, so müßte ja hier auch die Finsterniß als in Farbenaufgelöst angesehen werden.
Der Apparat meiner Tafeln ward sorgfältig und reinlichzusammeugeschafft, vereinfacht so viel wie möglich, und so ein-gerichtet, daß man die sämmtlichen Phänomene in einer ge-wissen Ordnung dabei betrachten konnte. Ich wußte mir imStillen nicht wenig mit meiner Entdeckung; denn sie schien sichan manches bisher von mir Erfahrene und Geglaubte anzu-schließen. Der Gegensatz von warmen und kalten Farben derMaler zeigte sich hier in abgesonderten blauen und gelben Rän-dern. Das Blaue erschien gleichsam als Schleier des Schwarzen,