Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Nachträge zur Farbenlehre.

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Äeltere Einleitung.

Der Versager eines Entwurfes der Farbenlehrewurde oft gefragt, warum er seinen Gegnern nicht antworte,welche mit so großer Heftigkeit seinen Bemühungen alles Ver-dienst absprechen, seine Darstellung als mangelhaft, seine Vor-stellungsart als unzulässig, seine Behauptungen als unhaltbar,seine Gründe als uniiberzeugend ausschreien. Hierauf wardeinzelnen Freunden erwiedert, daß er von jeher zu aller Con-trovers wenig Zutrauen gehabt; deßhalb er auch seine frühernArbeiten nie bevorwortet, weil hinter einer Vorrede gewöhn-lich eine Mißhelligkeit mit dem Leser versteckt sey. Auch hater allen öffentlichen und heimlichen Angriffen auf sein Thunund Bemühen nichts entgegengestellt als eine fortwährendeThätigkeit, die er sich nur durch Vermeidung alles Streites,welcher sowohl den Autor als das Publicum von der Haupt-sache gewöhnlich abgelenkt, zu erhalten entschlossen blieb; ichhabe, sprach er, niemals Gegner gehabt, Widersacher viele.

Ein Autor, der mit etwas Ungewöhnlichem auftritt, ap-pellirt mit Recht an die Nachwelt, weil sich ja erst ein Tribu-nal bilden muß, vor dem das Ungewohnte beurtheilt werdenkann, und einen solchen Gerichtshof einzusetzen vermag nur dieZeit, welche dem Seltsamsten das Fremde abstreift und es alsetwas Bekanntes vor uns hinstellt. Vergleichen wir die Recen-sionen des Tags im ästhetischen Fache mit denen vor dreißigJahren, so wird man, wenn auch nicht immer einstimmen, docherstaunen, wie hoch das Urtheil der Deutschen gestiegen ist,seitdem sie es so lange Zeit an den Produktionen einheimischerSchriftsteller üben konnten; denn fremdes beurtheilt niemand,ehe er zu Hause einsichtig ist.

Alles dieses läßt sich auf wissenschaftliche Dinge ebenfalls ^anwenden. Der Verfasser gab vor vielen Jahren die kleine ^Abhandlung über Metamorphose der Pflanzen heraus;man wußte nicht recht, was man daraus machen sollte. Pflan-zenkenner nahmen sie, wo nicht unfreundlich, doch kalt auf;man ließ das Gesagte höchstens für einen witzigen Einfallgelten, und gestand dem Verfasser einigen Scharfsinn zu. Ersetzte seine Beobachtungen im Stillen fort, erstreckte sich überdie höhern Organisationen, behandelte die Verwandlung derJnsecten, welche niemand leugnet, bearbeitete mit Fleiß com-parirte Osteologie, und indem er etwas davon öffentlich mit- .zutheilen zauderte, hatte er das Vergnügen zu sehen, daß die- !selben Ideen durch natürlichen Geistesfortschritt sich auch im >Publicum entwickelten, dieselben Begriffe sich sonderten unddieselben Ueberzeugungen sich festsetzten, obgleich unter demDruck der herrschenden Vorstellungsart. Kein Forscher leugnetmehr die normalen und abnormen Umwandlungen organischerWesen; die Naturgeschichte erhält dadurch neue Aufklärung, dieärztliche Behandlung einen rationellen Gang. Freilich ist auchhier mancher Mißgriff zu bemerken, manche Uebereilung, wovonsich aber die Wissenschaft, rein fortschreitend, bald erholenwird. Man tadelt zwar mit Recht, daß das Wort Metamor-phofe, von dessen Bedeutung man vor zwanzig Jahren nichtswissen wollte, schon zur Phrase geworden; aber man sey immerzufrieden, daß durch Anregen und Auffassen dieses Begriffs soviel Gutes und Heilsames zur Klarheit geworden!

Ebenso muß es mit der Farbenlehre auch werden; es dauertvielleicht noch zwanzig Jahre, bis ein Tribunal sich bildet, vor

welchem die Sache ventilirt und mit gerechter Einsicht ent-schieden werden kann. In diesem Fache läßt sich aber keinereine Erfahrungslehre aufstellen, wenn man nicht die unreine,hypothetische, falsche Newtonsche Lehre, oder vielmehr ihreTrümmer, aus dem Wege räumt: denn sie ist gegenwärtig schonaufgelös't, weil man ihr alle Entdeckungen, die ihr geradezuwidersprechen, dennoch anpassen, oder sie vielmehrdanachzerrenund verstümmeln wollen. So mußte, nach Erfindung derachromatischen Gläser, zur Brechbarkeit noch eine Zerstreubar«keit gesellt werden, um sich nothdürstig theils im Vertrag theilsin Berechnungen durchheften zu können.

Die Newtonsche Phraseologie ist jedoch schon über hundertJahre im Gange: alle alternden Physiker sind darin vonJugend auf eingelernt; auch Männern von mittlern Jahrenist sie geläufig, weil sie wie eine Art von Scheidemünze durch-aus gebraucht wird. Dazu kommt noch, daß der Mathematikerden großen Ruf eines verdienten, allgemeinen Kunstgenüssennicht möchte ausdrücklich schmälern lassen, wenn er gleich imeinzelnen die Irrungen des außerordentlichen Mannes zugesteht.Noch bis auf den heutigen Tag werden junge Leute auf dieseWeise in's Halbwahre und Falsche eingeweiht, und ich mußdaher meinen Nachfahren hinterlassen, die Sache dereinst vorein competentes Gericht zu bringen, weil ich den gleichzeitigenSchöppenstuhl nicht anerkenne.

Indessen habe ich, nach Herausgabe jener Bände, diesemFache eine kaum unterbrochene Aufmerksamkeit gewidmet, treff-liche Mitarbeiter und Freunde gewonnen, deren Bemühungengewiß nicht unfruchtbar bleiben werden. Diesen zu Liebe undFörderniß breche ich eigentlich mein Stillschweigen: denn obich freilich Verzicht thue, mich über das Gelingen meines Unter-nehmens endlich zu freuen, so wünsche ich doch, durch Gegen-wärtiges gebildete Leser in den Stand zu setzen, vorläufig ein-zusehen, wovon eigentlich die Rede sey, nicht damit sie dieSache beurtheilen, sondern den Grund einsehen des Beharrensauf meiner Vorstellungsart, trotz allem Widerspruch derWisscn-schaftsverwandten und zum Verdruß aller Gildemeister.

Jene Bände führen den etwas sonderbaren Titel: ZurFarbenlehre, wodurch ausgedrückt wird, daß es nur eineVorarbeit seyn soll. Auch ist die erste Abtheilung des ganzenWerkes Entwurf einer Farbenlehre betitelt, woraushervorgeht, daß man eine völlig ausgebildete Lehre vorzutragensich nicht anmaße. Dagegen kann man von einer solchen Vor-arbeit verlangen, daß sie bis auf einen gewissen Grad zuläng-lich sey, daß sie dem Nacharbeitenden manche Mühe erspare;wozu denn zweierlei erforderlich ist, erstlich daß die Phänomenefleißig gesammelt, sodann daß sie in einer gewissen faßlichenOrdnung aufgestellt werden. Was das erste betrifft, so habe ichmit aller Aufmerksamkeit die sämmtlichen Erscheinungen, diemir seit vielen Jahren bekannt geworden, nachdem ich sie erstmit Augen gesehen, im Sinne betrachtet, im Geiste geprüft,in meinen didaktischen Kreis aufgenommen, und fahre fort imStillen nachzutragen, was mir theils verborgen geblieben,theils was neuentdeckt nnd bestätigt wordem Jeder Wohl-wollende kann daffelbige thun: denn hierzu, wie zu andernZwecken, ist die Eintheilung in Paragraphen beliebt worden.Doch würde diese zu bequemer Faßlichkeit nicht hinreichend