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Nachträge zur Farbenlehre.
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L.rLA0.
ännnles äs sbimie st äs pb^siczus.lluUIet 1821 .
Wir lasten nunmehr eine Uebersetznng dieser Stelle folgenund fügen einige Bemerkungen hinzu, nicht ohne Aussicht undVorsatz, auf diesen Gegenstand wieder zurückkommen.
Vor etwa zehn Jahren hielt der berühmte Französische Phy-siker Biot, welcher um die Lehre der Polarisation viel bemühtgewesen, sich genöthigt, um gewisse dabei eintretende Phäno-mene zu erklären, nach und nach zu so viel andern Hypotheseneine mobile Polarisation anzunehmen. Vor fünf Jahrenübergab Fresnel, ein jüngerer Naturforscher, der Akademieeinen Aufsatz, worin er jene Lehre zu widerlegen suchte. Diebeiden Akademiker Arago und Ampbre erhielten den Auftrag,hierüber Bericht zu erstatten; er fiel für den Verfasser günstigaus, und obgleich die Berichtenden sich sehr mäßig und vor-sichtig benahmen, so war doch der bürgerliche Krieg innerhalbder Akademie erklärt, und Biot ließ in die Annalen der Physikund zwar Juli 1821 eine heftige Vertheidigung einrücken, diesowohl Gehalt als Form des Berichtes angriff.
In einer, eben demselben Stücke der Annalen einverleibtenGegenrede von Arago merkten wir uns die Stelle: „Die Auf-sätze, welche Herr Biot über die mobile Polarisationherausgegeben, würden mehr als zwei starke Bände in Quartfüllen, und es wäre das nicht zu viel, wenn diese Aufsätze,wie man behaupten wollte, wirklich bewiesen, daß die Ur-Theilchen des Lichtes, indem sie durch Krystalle durchgehen, eineschwingende Bewegung annehmen wie die des Pendels; indessenkönnte man das Ganze ohne Schwierigkeit auf etwa vierzigSeiten bringen, wenn die Einwendungen des Herrn Fresnelgegründet sind."
Hieraus erhellt also abermals, daßman,äim einen Irr-thum zu beschönigen und geltend zu machen, viele Wortebraucht, anstatt daß die Wahrheit sich mit wenigem vortragenläßt. Wollte man alles zusammenstellen, was über die Polari-sation des Lichtes geschrieben worden, so würde man eine hübscheBibliothek vor sich sehen. Wir aber sagen mit einiger Zuver-sicht, daß wir alles, worauf es dabei ankommt, auf fünfund-vierzig Seiten dargestellt. (Siehe Ent optische FarbenS. 197 d. Bds.)
Wenn uns nun, ohne weiter in die Sache selbst einzugehen,höchst erfreulich ist, daß ein geistreicher Franzose jene Weit-läufigkeit, womit uns ihre Physik erschreckt, iu's Enge zu bringenanfängt, so war uns folgendes zu lesen eben so angenehm.
„Herr Fresnessetzt fest, daß nicht etwa nur bloß Analogien,sondern die innerste Verbindung stattfinde zwischen gedachtenPhänomenen, den gewöhnlichen farbigen Ringen und den Er-scheinungen der prismatischen Farbensäume.
Aus dieser Ueberzeugung beruht denn auch im allgemeinenunsere Farbenlehre, wie im besondern die Abtheilung der phy-sischen Farben. Wir halten sie nur in sofern verschieden, als
sie unter verschiedenen Bedingungen erscheinen, überhaupt aberdoch nur das Urphänomen darstellen; wie denn für die ganzeNaturwissenschaft durch verschiedene Bedingungen dasjenige alsverschieden in die Wirklichkeit tritt, was der Möglichkeit nacheins und dasselbe gewesen wäre. Gerathen wir nicht seit kurzemin die Versuchung, Erdmagnetism und Elektricität als identischanzusprechen?
Höchst beachtenswerth ist sodann nachfolgende Stelle desFranzösischen Textes. „Wollte man sich auf historische Einzeln-heiten, wie Herr Biot verlangt, einlassen, so würde in dieAugen fallen, daß sie der Theorie einer beweglichen Polari-sation eher ungünstig als günstig sind, und sollten sie ja etwasbeweisen, so wäre es die große Beweglichkeit der Ideen desHerrn Biot.
Einem redlichen Deutschen, dem es um die wahre Natur-wissenschast zu thun ist, muß dieser innerliche Krieg der Fran-zösischen Physiker höchst willkommen seyn, weil hierbei Dingezur Sprache kommen, deren zu gedenken man sich bei uns kaumerkühnt. Wir leben in größerer wissenschaftlicher Abhängigkeitvom Auslande, als man sich gesteht, und es leuchtet uns wirk-lich ein glücklicher Stern, wenn uns Fremde gegen Fremde zuHülfe kommen.
Wir haben auf S.414 d. Bds. einen zwar wohlüberdachten,doch immer kühn scheinenden Schritt gewagt, die sämmtlichenWelterscheinungcn in stetiger Folge, wie sie sich aus einanderentwickeln, in einander verketten, unbedenklich aufzuzeichnen.Damit aber das, was dort noch einigermaaßen Paradox lautenmöchte, bei näherer Ueberlegung sich dem Denkenden einschmeichle,führen wir das eingeleitete Beispiel ausführlicher durch.
Ein Ziegelstein lös't sich vom Dache los: wir nennen dießim gemeinen Sinne zufällig; er trifft die Schultern einesVorübergehenden, doch wohl mechanisch; allein nicht ganzmechanisch, er folgt den Gesetzen der Schwere, und so wirkt erphysisch. Die zerrissenen Lebensgefäße geben sogleich ihreFnnction auf; im Augenblicke wirken die Säfte chemisch, dieelementaren Eigenschaften treten hervor. Allein das gestörteorganische Leben widersetzt sich eben so schnell und suchtsich herzustellen: indessen ist das menschliche Ganze mehr oderweniger bewußtlos und psychisch zerrüttet. Die sich wieder-kennende Person fühlt sich ethisch im tiefsten verletzt; sie beklagtihre gestörte Thätigkeit, von welcher Art sie auch sey, aber un-gern ergäbe der Mensch sich in Geduld. Religiös hingegenwird ihm leicht, diesen Fall einer Hähern Schickung zuzu-schreiben, ihn als Bewahrung vor grvßerm Uebel, als Ein-leitung zu höherm Guten anzusehen. Dieß reicht hin für denLeidenden; aber der Genesende erhebt sich genial, vertrautGott und sich selbst und fühlt sich gerettet, ergreift auch wohldas Zufällige, wendet's zu seinem Vortheil, um einen ewigfrischen Lebenskreis zu beginnen.
Herrn von Hennings Vorlesungen.
Einleitung zu öffentlichen Vorlesungen über Goethes Far-benlehre, gehalten an der Königlichen Universität zu Berlinvon Leopold von Henning, Dr. der Philosophie. Berlin1822.