Nachtrage zur Farbenlehre
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„Dem Verfasser dieser kleinen Schrift — der, obschon er jnicht Physiker von Beruf ist, sich gleichwohl, von der philo-sophischen Seite her, lebhaft auch zur Beschäftigung mit dem !empirischen Theil der Naturwissenschaft Hingetrieben gefühlt, !insbesondere aber seit längerer Zeit eine genaue Bekanntschaft ;mit den Goethescheu Forschungen über die Natur der Farben, !wegen ihres großen Interesses für eine gedankenmäßige Be-trachtung der Natur, sich zu erwerben gesucht hat —ist dieausgezeichnete Gunst zu Theil geworden, durch die Liberalitätder höchsten Unterrichtsbehörde des Staates, welcher sich dieBeförderung und den Schutz wissenschaftlicher Bestrebungen ,aller Art auf eine so ruhmwürdige Weise angelegen seyn läßt, !mit allem zum Behuf eines experimentalen Bortrags der Far« ^benlehre Nöthigen und Wüuschenswerthen reichlich versehen zu ^werden." !
Er fühlte sich dadurch verpflichtet, einen vollständigen CursuS ^dieser in allen ihren Theilen zusammenhängenden Lehre öffent-lich vorzutragen, die sämmtlichen Erfahrungen experimentirendin ihr wahres Licht zu setzen.
Was hieraus entspringt, muß geduldig abgewartet werden;indessen habe ich zu dem talentvollen jungen Mann, der, wie >ich aus mündlicher Unterhaltung schon gewahr geworden, undwie vorzüglich aus genanntem Hefte hervorgeht, sich mit demGegenstand innig befreundet und denselben völlig in sich auf- ^genommen und zu dem seinigen gemacht hat, das völlige Ver- ^trauen, daß er nicht allein das Vorhandene klar und sicher süberliefern, sondern auch, was daraus zu folgern ist, selbst !entdecken und weiter führen kann. ^
Vorerst mögen wir es für ein großes Glück rechnen, daßein Apparat möglich geworden, die wirklich herrlichen und er-freulichen Phänomene der sämmtlichen Chromatik zum An-schauen zu bringen; wo eine frohe Bewunderung die Lust zuerklären nicht aufkommen läßt, und wo ein geordneter, im ^Kreise sich abschließender Vertrag eine jede Hypothese verdächtig jmacht und entfernt. !
Zugleich wollen wir denn auch hoffen und erwarten, daß ^Männer vom Fache gewahr werden, wie ich auch für sie mich !bemüht, wie das, was ich gewonnen, auch für sie ein Gewinnst !wird. Aber auch diese Wirkung kann nicht beschleunigt werden; !sie hängt von Umständen, vom Zufall ab; denn es bedarf eben !sowohl einer Art von Eingebung, um in dem Ueberlieferten 'das Wahre zu entdecken als um eine originelle Entdeckung,durch irgend einen Gegenstand angeregt, selbst zu machen. !
Und so gedenkt denn schon ein mehrjähriger geprüfter Freund, !Wilhelm von Schütz, in dem dritten Hefte seiner intellec- ^tuellen und substantiellen Morphologie abermals ^meiner Farbenlehre und sonstigen Leistungen dieser Art mit >Wohlwollen, welches dankbarlichst erkenne. Er betrachtet das -Wahrzeichen, das ich errichtet, als einen Gränzstein zwischender Tag« und Nachtseite, von wo aus jeder nun nach Belieben !zu einer oder der andern Region seinen Weg einschlagen könne. '
Auch dieses finde ich in meinen Vorsätzen und Wünschen ^gemäß; denn in sofern mir vergönnt ist, auf meiner von der !Natur angewiesenen Stelle zu verharren, wird es mir höchsterfreulich und lehrreich, wenn Freunde, von ihren Reisen nach !allen Seiten wieder zurückkehrend, bei mir einsprechen und !ihren allgemeinem Gewinnst mitzutheilen geneigt sind. !
Nrner entoptischer Fall.
Bei der großen eintretenden Kälte des vergangenen Win-ters (1822) waren die Fensterscheiben unbewohnter Zimmersehr stark gefroren; man heizte ein und die baumsörmig gestal-teten Eisrinden fingen an auszuthauen. Zufällig lag einschwarzer Glasspiegel auf der Fensterbank, in welchem einHinzutretender die sämmtlichen Zweiggestalten des aufthauen«den Eises in herrlicher Abwechslung aller Farben glänzenderblickte. Dieses Phänomen erschien sodann mehrere Tage anallen aufthauenden Fensterscheiben, deren schmelzende Eisbilderman im untergelegten Spiegel in völligem Glanz der apparen-ten Farben mehrere Stunden sehen konnte.
Diese Erscheinung giebt zu vergleichender Betrachtung An-laß. Denn da dem Glase selbst durch schnellen Temperatur-wechsel die chromatische Eigenschaft mitgetheilt wird, die esalsdann für ewige Zeiten behält, so ist hier ein Temperatur-wechsel gleichfalls die Ursache an einer schneller vorübergehendenEigenschaft des durch Frost zum glasartigen Körper erstarrtenWassers.
Schone entoptische Entdeckung.
Wir sind diese der Aufmerksamkeit des Herrn von Henningschuldig: jedermann, der mit dem angegebenen Apparate (sieheEntoptische Farben, S. 200 d. Bds.) versehen ist, kannsich diese bedeutende Erscheinung kaum vor Augen bringen.
Man lege einen größern Cubus, wie gewöhnlich, zwischendie beiden Spiegel und stelle darauf einen viel kleinern in dieMitte desselben, so werden beide, je nachd/m die Richtung desobern Spiegels beliebt ist, in der Erscheinung gleich seyn.Setzt man den kleinern Cubus in die Ecken des größern, sokehrt die Erscheinung sich um; hat die Mitte das weiße Kreuz,so zeigen die Enden das schwarze und umgekehrt.
Dieser Fund ist von der größten Wichtigkeit; denn er deutetauf die Wahrheit unserer Auslegung des Phänomens überhaupt,daß in dem einen Falle, wenn das weiße Kreuz in der Mitteerscheint, das Dunkle nach dem Hellen, und umgekehrten Fallesdas Helle nach dem Dunkeln strebe, wie wir denn hier sehen,daß die Ecken immer das Umgekehrte von der Mitte wirken.Man bedenke, was wir (siehe Elemente der entoptischenFarben, S. 196 d. Bds.) von den Quellpunkten um-ständlich ausgesprochen.
physikalische Preisaufgabe
der
Petersburger Akademie der Wissenschaften.
Die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften zu Petersburghat am 29. December 1826, als bei ihrer hundertjährigenStiftungsfeier, mehrere Ehren- und correspondircnde Mit-glieder ausgerusen und zugleich nachstehende bedeutende physi-calische Aufgabe, mit ausgesetztem anständigen Preise, denNaturforschern vorgelegt.
Goethe, Werke VI,
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