Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Nachträge zur Farbenlehre.

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durch Reflexion und Refraction nunmehr in Ihr Auge kommt,ist der eigentliche Grund jener Zurückstrahlung, wodurch derRegenbogen möglich werden soll.

Bewegen Sie sich nunmehr, wie in den andern bisherige»Fällen, so werden Sie bemerken, daß, indem Sie eine schiefereStellung annehmen, der Kreis sich nach und nach oval macht,bis er sich dergestalt zusammenzieht, daß er Ihnen zuletzt aufder Seite sichtbar zu werden scheint, und endlich als ein rotherPunkt verschwindet. Zugleich, wenn Sie aufmerksam sind,werden Sie bemerken, daß das Innere dieses rothgesäumtenKreises dunkel ist, und mit einem blauvioletteu Saum, welcher,mit dem Gelben des äußern Kreises zusammentreffend, zuerstdas Grüne hervorbringt, sich sodann als Blau manifestirt,und zuletzt bei völligem Zusammendrängen als Roth erscheint.

Dabei müssen Sie sich tzicht irre machen lasten, daß nochein paar kleine Sonnenbildcr sich an den Rand des Kreisesgesellen, die ebenfalls ihre kleinern Höfe um sich haben, diedenn auch bei oben bemerktem Zusammenziehen ihr Farbenspielgleichfalls treiben, und deren zusammengedrängte Kreise, alsan ihren nach außen gekehrten halben Rändern gleichfalls roth,das Roth des Hauptkreises kurz vor dem Verschwinden nocherhöhen müssen. Haben Sie alles dieses sich bekannt und durchwiederholtes Schauen ganz zu eigen gemacht, so werden Siefinden, daß doch nicht alles gethan ist, wobei ich denn auf denallgemein betrachtenden Anfang meiner unternommenen Mit-theilung hinweisen muß, Ihnen Gegenwärtiges zur Beher-zigung und Ausübung bestens empfehlend, worauf wir denn

nach und nach in unsern Andeutungen fortzufahren und deseigentlichen reinen Glaubens uns immer würdiger zu machensuchen werden.

Nun aber denken Sie nicht, daß Sie diese Angelegenheitjemals los werden. Wenn sie Ihnen das ganze Leben über zuschaffen macht, muffen Sie sich's gefallen lasten. EntfernenSie die Kugel den Sommer über nicht aus Ihrer Nähe, wieder-holen Sie an ihr die sämmtlichen Erfahrungen, auch jene mitLinsen und Prismen; es ist immer eins und eben dasselbe, dasaber in Labyrinthen Versteckens spielt, wenn wir täppisch,hypothetisch, mathematisch, linearisch, angularisch danach zugreifen wagen. Ich kehre zu meinem Anfang zurück, undspreche noch aus wie folgt.

Ich habe immer gesucht, das möglichst Erkennbare, Wiß-bare, Anwendbare zu ergreifen, und habe es, zu eigener Zu-friedenheit, ja auch zu Billigung anderer, darin weit gebracht.Hierdurch bin ich für mich an die Gränze gelangt, dergestaltdaß ich da anfange zu glauben, wo andere verzweifeln, undzwar diejenigen, die vom Erkennen zu viel verlangen, undwenn sie nur ein gewisses dem Menschen Beschiedenes erreichenkönnen, die größten Schätze der Menschheit für nichts achten.So wird mau aus dem Ganzen in's einzelne, und aus demeinzelnen in's Ganze getrieben, man mag wollen oder nicht.Für freundliche Theilnahme dankbar,fortgesetzte Geduld wünschend,ferneres Vertrauen hoffend.

Weimar, den 2ö. Februar IM.